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Menocore Generation Wechseljahre

Mit Menocore wird der Look mittelalter Frauen zum Trend für alle erklärt. Doch hinter dem bequemen Chic könnte mehr stecken – die Idee einer gleichberechtigten Mode. Von

Man muss sich entweder sehr viel Mühe geben – oder gar keine. Das ist die Botschaft der Mode heutzutage. Für den Herbst gibt es zwei Möglichkeiten: Entweder ein kompliziertes Arrangement von Stoffen, Mustern und Stilen, oder aber man beschränkt sich auf Kleidungsstücke, die außerhalb des Trends stehen, die in ihrer reduzierten Formgebung eher Piktogramm denn individueller Entwurf sind: die konturenlose Bluse, der Rollkragenpullover, der wadenlange Hosenrock, die weite Leinenhose, die flachen Pantoletten – alles angenehm zu tragen, auch, wenn man zu Hause einen Topf Risotto verdrückt hat.

Dieser Trend zur Gemütlichkeit ist nicht neu, aber er hat seit diesem Sommer einen neuen Namen und neue Role-Models. Menocore heißt er, in dem Kofferwort stecken Menopause und Hardcore: Der harte Kern trägt Wechseljahre-Chic. Nicht sehr feinfühlend, eine modische Strömung nach hormonellen Umbrüchen im Leben einer Frau zu benennen, versehen zudem mit der Erklärung, diese Mode sei garantiert unsexy. Diejenigen, die auf Instagram damit kokettieren, können der Menopause auch noch von Weitem zuwinken: Larissa Hofmann (die Fotografin ist Kolumnistin des ZEITmagazins), Harling Ross oder Alyssa Coscarelli sind im Schnitt ein Vierteljahrhundert davon entfernt.

Diane Keaton, hier neben Jack Nicholson in "Was das Herz begehrt", gilt vielen jungen Frauen als Urmutter des Menocore-Trends. © Warner

Geprägt wurde der Begriff durch einen Text von Harling Ross auf dem US-amerikanischen Modeblog The Man Repeller, als Stilvorbilder rief sie etwas zerstreute Kunstlehrerinnen ihrer Jugend und insbesondere Diane Keaton aus. Wegen ihrer Best-Ager-Looks aus dem Film Was das Herz begehrt, doch eigentlich hat Keaton die Kunst der körperkaschierenden, jeder vordergründigen Sexyness abholden Bekleidung ihr ganzes Leben über gepflegt.

Sie ist in diese Idee seit Woody Allens Stadtneurotiker (1977) immer schlüssiger hineingewachsen, und 40 Jahre später scheint eine neue Generation von Frauen Spaß daran zu finden, in jungen Jahren alt aussehen zu wollen. Oder sagen wir lieber: erwachsen aussehen zu wollen.

Dahinter steckt nicht unbedingt eine lustlose Haltung gegenüber der Mode, sondern eine gewisse Müdigkeit auch in den Sozialen Medien gegenüber der millionenfach vervielfältigen Verführungskraft verrutschter Wickelausschnitte, abgeschnittener Shorts und freigelegter Taillen. Die sehen, richtig in Szene gesetzt, auf Instagram-Posts toll aus, aber wer fühlt sich schon wohl, wenn er sein Outfit alle zehn Minuten zurechtrücken muss?

Menocore voraus eilte ein Trend namens Normcore. So nennt man es, wenn sich der Konsument auf übergroße T-Shirts, eine schluffige Alternative zu Skinny Jeans und unauffällige Baumwolljacken beschränkt – sich in stilistischer Hinsicht also auf Discounterware spezialisiert. Der Hang zur Formlosigkeit mag wesentlich dazu beigetragen haben, dass Menocore die Marktreife von Unisexkollektionen beschleunigt hat: Solche Entwürfe stehen Männern wie Frauen. Wer ein graues Sweatshirt anzieht, muss fürchten, damit in der Masse untergehen. Gleichzeitig ist die Botschaft eine sehr selbstbewusste: Ich habe genug personality, um nicht auf mich aufmerksam machen zu müssen.

Nun kommt Menocore allerdings nicht irgendwoher, sondern aus der demoskopischen Entwicklung heraus – aus den Secondhandläden dieser Welt oder den Kleiderschränken von Eltern, die ihre Sachen aus den Siebziger- und Achtzigerjahren gut gebügelt aufgehoben haben. Das weiße, beige oder khakifarbene Wallekleid? Von Mama. Das Anglerhütchen? Von Papa. Und die Tante hatte dann noch was zum Überwerfen in Beige. So zumindest steht es derzeit in den Credits der Outfit-Posts auf diversen Modeblogs. Denn bestenfalls hat Menocore nicht nur wadenlange Röcke in fahlen Farben zu bieten, sondern Klassiker, bei deren Anblick man sich fragt, wie man sie denn so lange vergessen konnte. Label wie COS oder, in den USA, Eileen Fisher passen ihre Kollektionen an: Hier wird eher in Zeltform denn in Sanduhrenfiguren gedacht.

Der Traum nach einem improvisierten Leben

In Jahrzehntschritten ist ja immer wieder eine andere Ära wiederentdeckt worden. Gerade sind es die Neunzigerjahre mit ihren Rave-Anklängen, davor waren es die Achtziger mit wahnwitzigen Schulterpolstern. Was Alessandro Michele seit einigen Saisons bei Gucci inszeniert, ist dann gleich ein eklektizistischer Clash mehrerer Epochen, der wiederum so aussieht, als sei er Wes Andersons Filmwelten entlehnt. Und was sich der zurzeit viel gescholtene Hipster an Kassengestellen, Blumenkleidern, Pullundern und Cordhosen ausgesucht hat, greift auf die Siebzigerjahre zurück: Er erschüttert damit nicht nur die gängigen ästhetischen Vorstellungen. Denn Mode ist ja auch der Stoff, aus dem die Träume sind – in diesem Fall die nach einem improvisierteren, nicht gar so perfekt durchdesignten Leben.

Menocore mag für manchen Betrachter langweilig wirken, denn Verhüllen gilt längst nicht als Verführung. Und trotzdem steckt Revolutionäres dahinter: Eine Generation junger Frauen, die mit Slogans wie "Dress for the moment" sartorial sozialisiert wurden, die nicht mehr von der Kunst der Mode reden, sondern in Fast-Fashion-Zyklen denken – die entdecken nun plötzlich die Langlebigkeit. Dass es Kleidung gibt, die auch nach Dutzenden von Waschgängen noch in Form ist und sich nicht nach einem halben Jahr in formlose Lappen verwandelt hat. Dass Nähte nicht schief und Röcke nicht aus knisterndem Polyester sein müssen.

Schön wäre es, wenn Menocore dabei hülfe, bei Fast Fashion einen Gang rauszunehmen. Vielleicht ist der Hang zur vorauseilend altersgerechten Mode aber auch nur eine Trotzreaktion auf Mütter, die sich als beste Freundinnen ihrer Töchter betrachten, die darauf beharren, dass man dieselbe Jeansgröße trage und gern auf dieselben Konzerte gehe, kurzum: die jeden Gap zwischen den Generationen leugnen. Jeder soll sich jung fühlen dürfen, aber es kann sehr anstrengend werden mit einer Mutter, die von den Klassenkameraden ihrer Tochter noch heiß gefunden werden möchte.

Im besten Falle hat man es aber mit einer sehr selbstverständlichen Auffassung von Gleichberechtigung zu tun: dass junge Frauen plötzlich für sich in Anspruch nehmen, sich sachlich kleiden zu dürfen. Dann stünde der Trend für ein Selbstbewusstsein, das sich nicht aus einem Strom von Bin-ich-sexy?-Rückversicherungen speist. Und die Mode aus zweiter Hand reicht den jungen Frauen von heute eine Haltung weiter, die sehr viel cooler ist als jedes Wir-sind-Feministen-Shirt.

Kommentare

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Das ist nicht sachlich, sondern "god damn ugly." Ich kann mich noch an ähnlich hässliche Mode erinnern. Das war so Mitte-Ende der 1970er. Was waren wir froh, diese Mode, diese Musik, diese Langweile und Spiessigkeit hinter uns zu lassen. Nur trug Frau noch keine Tattoos an den Füssen. Muss Mann oder Frau wirklich jeden Mist aus den USA übernehmen? Und die Erklärung dazu ist völliger Quatsch.