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Fitness Fit for Frust

Frauen setzen sich selbst unter Druck: Jetzt müssen sie auch noch sportlich sein. Die Kontrolle über das Körperbild hat sich radikalisiert. Strong ist das neue Skinny. Von

Im Jahr 1996 wollte niemand Sporty Spice sein. Lieber Baby Spice, wegen der hohen Plateauschuhe, die es bald in jedem Deichmann zu kaufen gab. Oder Ginger Spice, wegen der kurzen Röcke. Oder Posh Spice, wegen ihrer Beine. Melanie Chisholm alias Mel C alias Sporty Spice war das unbeliebteste Spice Girl. Die Mädchen von 1996 wollten nicht sportlich, wenn sie etwas wollten, dann war es schlank sein. So wie Posh. Mit Beinen, dünn wie Stöckchen, thigh gap (Lücke zwischen den Oberschenkeln) und bikini bridge (vorstehenden Hüftknochen), auch wenn es diese Begriff damals noch nicht gab.

Als die heute um die Dreißigjährigen sich das erste Mal als Körper von Gewicht wahrnahmen, als sexuelle Wesen, die gesehen werden wollen, hießen ihre Vorbilder Victoria Beckham, Kate Moss oder die Olsen-Twins – alle vier waren zu dünn. Es war die Zeit des Heroin Chic und der Lollipop-Silhouetten.

Für viele war der Weg von der Entdeckung zur Unterwerfung des eigenen Körpers deshalb kurz. Kaum zur Frau geworden, sollte bereits das Mädchen zurückerobert werden. Die neue, weiblichere, rundere Version des heranwachsenden Ich wurde nicht als sinnlich wahrgenommen, sondern als obszön. Hier Speck, da Haut, dies schwabbelt, das hängt.

Körperkultur war immer schon eine Kontrollkultur. Je nach Mode, über Jahrhunderte hinweg den Bedürfnissen und Wünschen des männlichen Blicks angepasst, von dem sie abhängig war. Im letzten Jahrhundert hätte damit Schluss sein können. Sollen. Müssen. Hätte.

Seit Frauen sich nicht mehr für Männer herrichten und runterhungern, ist aber nicht alles besser geworden, sondern manches nur noch schlimmer. Weil sie all das nun für sich selber tun.

Was eine schöne Sache sein kann. Wenn man sich in seiner Haut wohlfühlt, wenn man gelernt hat, sich zu akzeptieren, den Po, der leider mit keiner Frucht zu vergleichen ist, die Dehnungsstreifen, die Rolle über dem Hosenbund. Wenn man selbstbewusst sagen kann: Ich wabble, also bin ich.

Wenn man das nicht tut, kann das "Ich tu das nur für mich" auch zum Problem werden. Weil man mit sich selbst nun mal schlecht Schluss machen kann, auch wenn genügend Trennungsgründe vorhanden sind: fehlende Zuneigung, ablehnende Blicke, eine schier unerträgliche Wut auf das, was aus einem geworden ist.

In den vergangenen 20 Jahren hat sich die Kontrollkultur nicht verflüchtigt, sie hat sich auch durch Frauen wie Victoria Beckham weiter radikalisiert: Weg von den natürlichen Formen des weiblichen Körpers, den Rundungen und Polstern, die man als Frau auch hat, weil der weibliche Körper auch für eine Zeit zu zweit konstruiert ist.

Im Jahr 2000 wurden in Deutschland rund 5.300 Fälle von Anorexie diagnostiziert. Bis auf einen kurzzeitigen Rückgang im Jahr 2005 sind die Zahlen seitdem stetig gestiegen. Was bestimmt nicht nur, aber auch mit Fernsehshows wie Germany's Next Topmodel zu tun haben dürfte und neuen Vorbildern, die den alten in puncto Dürre in nichts nachstehen, wie zum Beispiel Taylor Swift. 2014 waren mehr als 8.400 Menschen von der lebenslangen und lebensverändernden Diagnose Anorexie betroffen. Mädchen und Jungs, Frauen und Männer, das soll hier nicht verschwiegen werden. Auch das männliche Geschlecht leidet unter verzerrter Selbstwahrnehmung und kämpft gegen sichtbare und unsichtbare Kilos. Essstörungen gehören zum deutschen Alltag wie Bratkartoffeln, Pfannkuchen und Zervelatwurst.

Die Spice Girls, 1996. Von links nach rechts: Melanie Brown (Scary), Victoria Beckham (Posh), Geri Halliwell (Ginger), Emma Bunton (Baby) and Melanie Chisholm (Sporty, kniend). © Tim Roney / Getty Images

Ein paar Dinge sind auch besser geworden, der Erfolg von Models wie Chrissy Teigen oder Schauspielerinnen wie Lena Dunham, die mit einer ganzen Gang aus Autorinnen, Regisseurinnen und Künstlerinnen daran arbeitet, das Idealbild Frau durch ein Realbild Frau zu ersetzen. All diese Frauen haben in den letzten Jahren dafür gesorgt, dass eine gewisse Rundlichkeit, die man auch als Normalität oder noch besser als erstrebenswert bezeichnen könnte, zurück in die Welt von Werbung, Mode und Film gefunden hat. Ja, es gibt eine Besinnung auf die Natürlichkeit. Auf die Sinnlichkeit.

Aber der mediale Körperfrieden ist nur einer von vielen parallel existierenden Trends. Auf Instagram stellt sich eine ganze andere Gruppe aus: die der Cleaneater und Fitnessfanatiker, der Bauchmuskelangeber und Esskontrolleure. Auch 2017 muss man immer noch fragen: Hat der ewige Dreh um die eigene Leiblichkeit, um das, was gegessen werden darf und was nicht, was gesund und ist und was nicht, der Diätwahn, das Fasten, die Superfoods, die Verweigerung des Vorhandenen, der Selbsthass jemals ein Ende? Nein. Erst recht nicht, so lange Menschen und vor allem solche in der Pubertät soziale Medien nutzen.

Jeden Tag rollen die "In 48 Stunden zur Traumfigur"-Artikel durch die Facebook-Timeline. Eine App wie Instagram hat das Verhältnis von Selbst- und Fremdbild ganz neu justiert. Hier steckt der Teufel nicht im Spiegelbild, sondern in der Zustimmung der anderen. Die Sehnsucht nach einem weiteren Herzchen macht das Refresh-Wischen zu einer Droge ganz eigener Art.

Mehr als 60 Millionen Fotos wurden weltweit bereits unter Hashtags wie #cleaneating und #instafit auf Instagram gepostet. Was früher Essstörung genannt wurde, ist zu einem Lifestyle geworden.

Womit wir wieder bei Sporty Spice wären. Versuchten die Spice Girls es mit einem weiteren Comeback, Mel C alias Sporty Spice wäre wahrscheinlich die beliebteste der fünf. Zu der öffentlichen Kontrolle der Nahrungsmittelaufnahme – von Essen, was auch immer Genießen mit einschließt, kann bei vielen der hauptsächlich aus Saaten, Körnern, Superfoods und Salatblättern bestehenden Gerichten ja kaum die Rede sein – ist ein neuer Trend hinzugekommen: Strong ist das neue Skinny.

Ungesättigte Fettsäuren? Ihr seid doch verrückt!

Wer heute jung ist, muss nicht mehr nur schlank sein, sondern auch sportlich und muskulös. Der Erfolg von Fitnessgurus wie der Australierin Kayla Itsines (7,5 Millionen Instagram-Follower) zeichnen ein erschreckendes Bild der Weiblichkeit. Auf ihrem Account feuert sie gerade entbundene Mütter an, ihren Sixpack zurückzutrainieren, auf ihrer Website kann man für 54,99 Dollar Teil ihrer Fitness- und Cleaneating-Community werden. Ihre Währung ist "Inspiration".

Fast jeder von uns kennt diese Frauen, die Kayla Itsines oder ihre Kolleginnen zum Vorbild haben. Ganz normale Anfang-20- oder Mitte-30-Jährige, früher mit wonnigen Pausbacken gesegnet, die heute täglich Bilder ihres knackigen Pos oder ihrer Bauch- und Rückenmuskeln nebst Chia-Bowl-Fotos oder Smoothie-Utensilien-Storys auf Instagram posten. Sie joggen jeden Morgen eine Stunde und gehen nach dem Feierabend fast täglich ins Fitnessstudio. Ihre Körper sind Produkte von Disziplin und Selbstzweifeln, ein Beweis für die totale Kontrolle des eigenen Fleischs.

Gegen Sport ist nichts zu sagen. Sport zu treiben ist was Gutes. Schon früh ein Verständnis dafür zu entwickeln, fit und gesund zu bleiben, und sich nicht im Studium, wo so viele dem Fastfood, dem Bestellservice und der Mirácoli-Packung verfallen, und man sowieso die meiste Zeit sitzt, über Jahre hängen zu lassen. Sport ist schön. Sport macht frei. Sport stiftet Selbstbewusstsein. Seinen Körper kennenzulernen, in Bewegung zu kommen, fit zu bleiben nützt ja nicht nur der Physis, sondern auch der Psyche. Wer viel Sport treibt, ist stressresistenter und schmerzunempfindlicher, wie Forscher aus Oxford bewiesen. Die Forscher fanden aber auch heraus, dass Menschen, die viel Sport machen, weniger soziale Kontakte pflegen. Fehlt ihnen die Zeit? Sind sie sich selbst genug?

Die mit coolen Hashtags versehene neue Lustfeindlichkeit hat es verdammt leicht. In gewissen Kreisen ist sie fast schon zur Norm geworden. Wurde unstetes Essverhalten und überhaupt jede Form übertriebenen Körperkults früher zu Recht skeptisch beäugt, stehen die körper- und ernährungsbewussten Frauen nun als Gewinnerinnen vom Mittagstisch auf. Sie leben schließlich gesund, während die anderen dem Tod entgegenessen. Ungesättigte Fettsäuren? Ihr seid doch verrückt! Kohlenhydrate? No way! Den Sonntag auf der Picknickdecke im Park verbringen? Dann schaffe ich meine Seven-Day-Challenge nicht.

Für solche Frauen geht es nicht mehr darum, den Alltag zu bewältigen. Sie wollen ihn bezwingen. Und so auch sich selbst. Doch wenn schon jeder normale Tag zur Challenge wird, die nur mit Inspiration und Motivation gemeistert werden kann, wie werden diese Frauen mit den körperlichen Veränderungen umgehen, die sie wirklich herausfordern? Wenn sie ein Baby bekommen haben und ihr Bauch trotz Pumpen und Ächzen nicht wieder zurückschrumpft. Wenn die Natur ihren Tribut fordert. Dann muss die Frau zur Frau in sich finden. Und diese Herausforderung ist schwerer als jedes Hantelgewicht.

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