Endlich Vintage! Alle meine Ghostwriter

© Aris Sfakianakis/Unsplash
Da schreibt man und bleibt man – und ist für die anderen trotzdem weg. Aber wie soll man das Gegenteil beweisen, während die Gerüchte schnell die nächste Runde flattern? Von
Aus der Serie: Beziehungen

Neulich war ich zum ersten Mal mit meiner Abwesenheit konfrontiert, mit meinem Nicht-mehr-da-Sein. Abendessen unter Freunden. Eine Frau tauchte auf, die ich 20 Jahren lang aus den Augen verloren hatte, sie viel unterwegs, ihrer Liebe nachreisend, ich in der Salatschleuder des Lebens, Arbeit und Kinder. Sie also beugte sich zu mir und fragte in diesem sanften, fürsorglichen, gleichzeitig prä-gelangweilten Ton, über den sich so oft die Hausfrauen beklagen – sie fragte, wie es mir denn ergangen sei, in den letzten Jahren, seit ich nicht mehr arbeite. Was ich jetzt so tue.

Augenaufreißen, durchatmen.

Nicht mehr arbeiten. Bei der Zeitung. Oder online. Ich. Okay, sie ist offensichtlich keine, die Zeitung liest, während sie am Gate sitzt und ihrer Liebe zufiebert. Ich empfehle ihr freundlich meine Backlist des Jahres, die Seite über James Baldwin, das Stück über den Deutsch-Französischen Krieg, über Judi Dench, die Ausstellung Jeanne Mammen, Porträt Hélène Cixous – sie hörte schweigend zu. Später fühlte ich ihren Blick auf mir liegen. Nachdenklich. Fast fragend. Glaubte sie mir? Denkt sie, ich bluffe? Hat sie gedacht, ich beschäftige ein Heer von Ghostwritern?

Tage später, ich treffe Christine, sie strahlt wie immer, vielleicht sogar noch eine Spur herzlicher. Sie sagt dann mit überraschender, geradezu überschwänglicher Wärme, wie schade es doch sei, dass ich nicht mehr schreibe. Ich sagte, aber ich habe doch gerade, also Hélène Cixous, die große Poetin, und davor Jeanne Mammen und Claude Simon und jetzt Ishiguro, den Literaturnobelpreisträger … stammelnde Bibliografie. Als Lebensbeweis. Absurd. Als rede man gegen seinen Schatten an.

Sie wirkt überrascht. Sie sagt, aber eben habe doch noch einer, also jemand habe gerade angemerkt ... Wer? Herrgott, wer war es denn noch? Keine Ahnung, halt irgend so ein Blödmann. Man will ja niemanden anschwärzen. Oder outen. Wo? Hm.

Immer sind es der Dinge drei. Drei Tage später: Sabine! Lange nicht gesehen. Wir klönen bei einem Kaffee, dann sagt sie: "Schade, dass du dich zur Ruhe gesetzt hast!" Ich rufe: "Aber ich habe mich nicht zur Ruhe gesetzt! Nein, Nein, Nein. Das ist ein Dementi! Verdammt noch mal. Ich lebe! Jedenfalls noch. Und schreibe." Sie sagt: "Huch!"

Ein blödes Gerücht. Aus dem Nichts. Whodunnit? Ja, wie soll man das klären. Gerüchte flattern auf, drehen eine Runde, pumpen sich auf, steigen hoch und drehen weitere Runden.

Jemand hat eine Nebenbemerkung gemacht, ob denn die Mayer nicht bald in Rente geht. Oder so: Jemand hat gezielt ein Gerücht gestreut. Jemand, der sich selber vor der Rente fürchtet, hat laut überlegt, wer denn bald in Rente gehen könnte. Um zu vergessen, dass er oder sie ja auch nur vier oder fünf Jahre jünger und dann dran ist.  Um genau das zu vergessen. Jemand, der sich noch Meilen von der Rente entfernt fühlt, hat ein bisschen erleichtert weitergegeben, die Mayer sei ja schon in Rente. Jemand, der sich wünscht, die Mayer sei schon in Rente gegangen und endlich WEG, WEG, WEG, hat schon mal getestet, wie sich das anfühlt, wenn man sagt: Die Mayer ist ja weg! Jemand, der möchte, dass sie weg ist, hat gedacht, die Sache könne ja schon mal einen kleinen Anschub bekommen. Mayer weg! Na, wird’s bald?!

Wer? Wer Freunde hat, braucht keine Feinde. Ist doch so. Die Frage ist: Wie kann man beweisen, dass man noch da ist, was gilt als Beweis? Für einen selbst, für andere? Also von Artikeln, Essays, Büchern rate ich ab, sie werden vielleicht noch gelesen, aber so, als sei der Name geschwärzt. Wegen Abwesenheit im dunklen Jenseits.

Wenn ich mal kurz ganz ehrlich bin, geht es mir natürlich selber auch manchmal so, also dass ich überlege, wie alt jemand ist und ob er oder sie bald oder womöglich schon überfällig ist? Über die eine oder andere unserer sehr alten Tanten pflegte meine Mutter zu spotten: "Also, die ist jetzt ja schon so alt, die hatten schon überlegt, ob man sie töten muss!" Nun, die sind jetzt alle tot, meine Mutter, die Tanten. Aber ich lebe noch.

Die Frage ist, ob man es merkt, wenn man an den Punkt kommt, wo die Leute denken, jetzt haben sie genug von einem. Soll weg. Kann weg. In die Rente, oder ab ins Grab. Wie oft passiert es, dass man eine Todesnachricht liest und denkt: "Echt jetzt? Und ich dachte, die sei schon vor Ewigkeiten gestorben!"

Kann einem natürlich egal sein, man ist ja nicht mehr da.


Kommentare

15 Kommentare Seite 4 von 4 Kommentieren

Weil ich es gerade zufällig sehe, am 10.08.2018 sehe ich also den 25.10.2017:

Wenn das mit dem "Schade, dass du nicht mehr schreibst!" so oft vorkommt: Da würde es sich doch anbieten, eine "erweiterte Visitenkarte" herzustellen, am Ende jeden Monats aktualisiert, mit allem, was so in den letzten drei Jahren erschienen ist. Raus aus dem Laserdrucker, immer 10 Exemplare Kleingedrucktes in der Handtasche. Und dann geheimnisvoll schweigend überreichen. -- Wär das nichts?