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Sexismus: Bist du dabei?

Alle Männer Täter, alle Frauen Opfer: Ist da vielleicht was dran? Ich möchte keinen Dating-Knigge. Aber ich habe ein paar Ideen, wie es besser laufen könnte. Von

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Lieber Mann von nebenan, aus der Kantine, hinterm Bartresen, in der Supermarktschlange, am Telefon, lieber Mann von heute, du sagst, dass du nun gar nicht mehr weißt, was du machen sollst. Nach #Aufschrei, #Weinstein und #MeToo. Du fragst dich, wie du dich in Zukunft verhalten sollst. Nach ein paar Regeln, an die du dich halten könntest. Du schreibst, dass das Ausmaß der #MeToos in deinem Freundinnenkreis dich erschreckt hat, aber dass du dir selbst wirklich nichts vorwerfen kannst. Also wirklich nicht, oder?

Aber warst du das vielleicht, der die Brünette mit dem bauchfreien Top ungefragt von hinten angetanzt hat? Oder warst du das, der einer Kollegin auf dem Team-Event die Hand auf den Rücken gelegt hat und sie sich darunter hinweggewunden hat wie eine Schlangenfrau? Und bist du dir sicher, dass du mit den Kumpels beim Billardspielen noch nie über diese Schlampe aus der Bar an der Ecke geredet hast, von der man lieber die Finger lassen sollte, weil die ja eh schon die ganze Stadt angefasst hätte. Habt ihr sie so beschrieben? 

Ach so, das war nicht so gemeint. Nur ein Spaß unter Freunden. Du willst kein Täter sein. Das verstehe ich. Ich will auch kein Opfer sein. Und bin es trotzdem. Jede Debatte über sexuelle Gewalt von Männern ist auch immer eine Debatte über Macht, über Strukturen, über unser gesellschaftliches Miteinander, darüber, wie wir dieses organisieren und gestalten, auf institutioneller Ebene und ganz privat. Deshalb bist du ein Täter, auch wenn du keiner bist, weil du vom System profitierst.  

Und ich bin ein Opfer, auch wenn ich keins sein will. Weil ich systematisch benachteiligt werde. Das heißt, wir stecken beide in Positionen fest, aus denen wir rauswollen. Du fühlst dich ungerecht behandelt. Ich auch. Du willst wirklich nichts falsch machen. Okay. Dann kannst du es aber nicht mir überlassen, etwas zu ändern.

Gegner im System

Ich wollte dich übrigens eben nicht in die Ecke drängen. Ich will dich nicht in einen Topf werfen mit Männern wie Harvey Weinstein. Trotzdem frage ich mich, was so schlimm daran wäre, sich zu fragen, ob man sich etwas vorzuwerfen hat. Ich selbst habe es ja auch. Ich habe Männern auch schon auf den Hintern geguckt, sie auf ihren Körper reduziert. Auch positiver Sexismus ist sexistisch.

Auch wenn’s gar nicht böse gemeint war, hatte die Brünette ein Problem damit, dass du sie ungefragt angetanzt hast. Oder was meinst du, warum sie so schnell auf die andere Seite der Tanzfläche gewechselt ist? Auch wenn du ein Guter bist, hast du mitgemacht, eingestimmt, als deine Freunde ihre One-Night-Stands als Schlampen bezeichnet haben. 

Vielleicht wolltest du sie auch schon mal zurechtweisen und hast es dann doch nicht getan, weil du nicht der Schwache sein wolltest, das Weichei, der Frauenversteher. Warum eigentlich nicht? Ich brauche dich nicht als Beschützer, aber es wäre schön, dich auf meiner Seite zu wissen. Und nicht als Gegenüber, als Gegner im System.  

Denn wie soll sich je etwas ändern, wenn wir noch nicht mal in der Lage sind, einander zuzuhören und ernst zu nehmen? Du bist unsicher. Ich auch. Ich glaube, dass das etwas Gutes ist. Wir sollten die Unsicherheit nutzen, jetzt, wo sie so weit verbreitet ist. 

Kein Hashtag kann die Welt verändern. Und du kannst ja auch nichts dafür, dass die Welt so ist, wie sie ist. Sagst du und weißt, dass das nicht stimmt. Weil du nichts dafür tust, dass sie sich ändert. Ich will dir nichts vorschreiben. Ich persönlich möchte keinen Dating-Knigge. Ich habe keine zehn Gebote für den postmodernen Mann parat. Aber ich habe ein paar Ideen. 

Dir gehört doch die Zukunft

Du könntest dich dem Thema öffnen: Ich habe Freunde, die kriegen beim Thema Feminismus genauso einen Gesichtsausdruck wie früher, wenn die Geschichtslehrerin sagte, dass wir uns dieses Halbjahr mit dem Nationalsozialismus beschäftigen wollten: Schon wieder?  

Wenn die Generation meines Vaters so guckt, dann regt mich das auf. Aber ich kann es mir zumindest erklären: Weil diese Männer noch in einem Land zur Welt kamen, in dem ihre Mütter ohne die Erlaubnis ihrer Väter nicht arbeiten, kein Konto führen oder alleine ins Hotel einchecken durften. Mit einem solchen Geschlechterbild sind sie groß geworden. Auch wenn ihre eigenen Frauen, die Generation unserer Mütter, da nach 1968 schon nicht mehr mitmachen wollten. Und die Generation unserer Väter hat wirklich etwas verloren: Status, Ansehen, Macht. Jene Macht, an der ein Mann wie Weinstein sich durch die gewaltsame Unterwerfung der Frauen, die mit ihm arbeiteten und auf ihn angewiesen waren, so gnadenlos festgeklammert hat.  

Aber dir gehört doch die Zukunft. Du bist mit anderen Mädchen, aus denen andere Frauen geworden sind, aufgewachsen. Du hast nichts verloren. Lass dir das nicht einreden. Im Gegenteil: Du hast etwas gewonnen. Schließlich bedeutet die Emanzipation der Frau auch die Emanzipation des Mannes von den an ihn gestellten Erwartungen. Du darfst zwar nicht mehr allein herrschen, aber deshalb musst du auch nicht mehr allein verdienen. Du bist frei. Sorg dafür, dass das so bleibt. 

Misch dich ein, wenn was falsch läuft. Wenn dein Kollege deiner Chefin auf die Brüste statt auf die PowerPoint-Präsentation guckt. Sag was, wenn du mitbekommst, wie mich ein Typ auf offener Straße beleidigt. Lass mich nicht allein in so einer Situation, auch wenn du mich nicht kennst. 

Hör auf, dich als Opfer von politischer Korrektheit zu gerieren.  

Nenn mich nie wieder hysterisch. Sprache ist Macht. Mir Hysterie zu unterstellen, soll mein Sprechen als etwas Übertriebenes entwerten, als etwas, das man nicht ernst zu nehmen braucht.  

Steh zu deinen Gefühlen. Sei schüchtern. Sei ein Gentleman. Und damit meine ich nicht, dass du an jeder Tür haltmachen sollst wie ein sinnsuchender Portier. Sei gentle, also sanft. 

Hör auf, zu sagen, dass du auf mich aufpassen wirst. Ich kann auf mich alleine aufpassen.  

Nenn mich nur "Kleine", wenn ich es dir erlaubt habe. Halte Abstand in der Supermarktschlange. Es ist unangenehm, wenn einem jemand über den Scheitel atmet, den man nicht kennt. 

Frag mich, was mich stört. Sei nicht beleidigt, wenn ich dir eine ehrliche Antwort gebe. 

Verzichte an der Bar auf dumme Sprüche. Baue Blickkontakt auf. Und überhaupt: Wieso musst immer du mich ansprechen? Ich kann auch aufreißen. Gleichberechtigung bezieht sich ja nicht nur auf Job und Familie, sondern auch auf die Art, wie wir flirten und lieben. 

Krieg deinen Arsch hoch. Ich verstehe, dass die Menschheit jahrhundertelang patriarchal organisiert war. Und dass es deshalb mühselig ist, etwas an ihr zu ändern. Aber wenn Hollywood das versuchen will, kannst du das auch, können wir das auch. Schließlich werde ich meinen eigenen Ansprüchen als feministische Frau auch nicht immer gerecht. Zum Beispiel, wenn ich davon ausgehe, dass mein Freund das Problem mit dem Internet schon lösen wird. Auch ich bin faul. Auch ich bin ein Kind unserer Geschichte. Auch ich muss mich anstrengen. 

Nachdem ich selbst auf Facebook #MeToo gepostet hatte, schrieb meine Tante: Ich glaube, dass es keine Frau gibt, die noch nie sexuell belästigt wurde. Das ist eigentlich ein ziemlich banaler Satz. Für mich aber ist das der wichtigste Satz gewesen, den ich in den letzten Tagen zu der Diskussion gelesen habe. Lass das mal sacken: Jede Frau in Deutschland wurde auf die eine oder andere Art schon mal sexuell belästigt. Jede einzelne. 40 Millionen Menschen wurden schon mal aufgrund ihres Geschlechts beleidigt, diskriminiert oder Schlimmeres. Das ist eine Katastrophe. Und diese Katastrophe dauert bereits so lange an, wie es Menschen gibt und sie dauert weiter, wenn wir nichts dagegen tun. Ja, genau, du und ich. Wir beide, Vertreter einer neuen Generation von Männern und Frauen, die sich nun gemeinsam überlegen können, was es heutzutage bedeutet, Mann und Frau zu sein. Das ist doch eine großartige Chance. Bist du dabei? 

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