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"Tatort"-Kritikerspiegel Schrei, wenn du kannst

So viel Horror gab es im Tatort noch nie. Wer das alles ohne Herzinfarkt übersteht, den schockt so schnell nichts mehr. Alle anderen können ja zu Pilcher abwandern.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Ein alter Mann nähert sich im Nachthemd dem Haus von Kommissar Brix – und bricht zusammen. Dann wird es im neuen Frankfurter Tatort Fürchte Dich übersinnlich. Unter den Dielen auf dem Dachboden wird ein Kinderskelett gefunden. Im Haus beginnt es zu spuken. Was ist das Geheimnis des toten Kindes und was hat das alles mit Stephen Kings The Shining zu tun? Einfach nur zum Gruseln.

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Schatz, ich glaube, wir müssen noch mal Poltergeist schauen. Nach diesem grandiosen, wirkungsvollen und zum Glück völlig unironischen Geisterhaushorror hat man noch mal Lust auf alle Höhepunkte dieses unterschätzten Genres.

Lars-Christian Daniels: Wer hat die meisten aus bekannten Horrorfilmen abgekupferten Szenen in diesem gruseligen Frankfurter Tatort entdeckt? Ich lege direkt mal los: Der Exorzist, Saw, Das Waisenhaus ...

Matthias Dell: Ob der Tatort sich vor dem 11. November der "fünften Jahreszeit" als Horrorfilm verkleiden darf.

Kirstin Lopau: War das ein Tatort oder war das Halloween? Oder war das jetzt eine traditionelle Halloween-Folge? Wir sind verwirrt.

2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Sahnetorten helfen auch nicht gegen mörderische Angstzustände. Hier sackt eine alte, von bösen Erinnerungen geplagte Dame glatt am prall gefüllten Kuchenbuffet weg.

Lars-Christian Daniels: Vom Verzehr einer Tennissocke kriegt man einen trockenen Hals – zumindest, wenn der eigene Körper gerade von einem Geist in Beschlag genommen wurde. Ist aber immer noch gesünder, als im fortgeschrittenen Alter binnen Sekunden ein ganzes Stück Schwarzwälder Kirschtorte verdrücken zu wollen.

Matthias Dell: Dass das Vergangene nicht tot ist, ja, noch nicht einmal vergangen.

Kirstin Lopau: Manchmal ist ein Tatort kein Tatort. Wenn Sie Probleme mit Gruselschockern haben, wenn Sie wie ich nach Stephen Kings Shining 14 Tage lang nicht mehr schlafen konnten, dann überlegen Sie, ob Sie nicht "pilchern" möchten an diesem Sonntag oder mal wieder ein schönes Buch lesen sollten. Gelernt habe ich, dass "Schizophrene so leicht zu beherrschen" sind und dass ich immer noch kein Typ für solche Schocker bin.

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Warum hat es so lange gedauert, bis sich der Tatort mal an einen parapsychologischen Schocker wagt?

Lars-Christian Daniels: Wie viele Ausflüge in andere Filmgenres verträgt der Tatort noch, bevor selbst den hartgesottensten Zuschauern der Geduldsfaden reißt und sie der Krimireihe den Rücken kehren? Am Sonntag dürften die Beschwerdetelefone der ARD jedenfalls wieder heiß laufen – vorausgesetzt, die potenziellen Anrufer sind vorher nicht vor Schreck gestorben.

Matthias Dell: Wie konnten die Schmalfilmer von 1956 schon so glatte, scharfe Bilder produzieren, als gäbe es die digitale Technik bereits? Das hätte Dominik Graf materialgeschichtsbewusster gelöst (siehe: Tatort: Der rote Schatten, Stuttgart: 2017).

Kirstin Lopau: Nach dieser Folge wird in Frankfurt "nichts mehr so sein wie zuvor", sagt Jenneke ganz richtig, nur wie soll das dann weitergehen? Wie kann es weitergehen? Und was ist mit diesem wunderschönen Haus?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Grandioser Hokuspokus über einen Fluch aus Nachkriegszeiten, bis in die Nebenrollen mit hochbetagten Charakterköpfen inszeniert. Kritik läuft da selbstverständlich ins Leere.

Lars-Christian Daniels: Gleich zwei Figuren bleiben in diesem Krimi ihrer Daseinsberechtigung schuldig: Der neue Vorgesetzte Fosco Cariddi (Bruno Cathomas), der bei seinem Debüt im Januar beim Publikum sang- und klanglos durchfiel, darf nur wenige Sätze sagen, während Lutz Schlien (Marko Dyrlich) vor allem animalische Laute von sich gibt und wie im Fieberwahn den Dachboden zertrümmert. Sein rätselhafter Auftritt ist das unrühmliche i-Tüpfelchen auf ein fast vollkommen missglücktes und im Schlussdrittel unfreiwillig komisches Horror-Tatort-Experiment.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Ich bin mit dem Plot unzufrieden. Die Idee ist fast genial, die erste Viertelstunde großartig und dann wird es doch ein bisschen zu viel Zombie und zu wenig Tatort.

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von Zazie de Paris' weißem Gesicht, als der Geist einer verstorbenen Waisenhauserzieherin in sie fährt.

Lars-Christian Daniels: Einer der heftigsten Schreckensmomente ist sicherlich die lebende Tote auf dem Kellerregal – kennen wir in sehr ähnlicher Form aber bereits aus The Conjuring. Komm schon, Hessischer Rundfunk, du warst schon mal innovativer.

Matthias Dell: Wenn's dumm läuft (Stichwort: Alb), vom ganzen Film.

Kirstin Lopau: Von dieser ganzen Geschichte und das werden Alpträume sein, wenn ich überhaupt einschlafen kann. Danke, Tatort!

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 😴😴

Lars-Christian Daniels: 😴😴😴😴😴😴😴😴

Matthias Dell: 😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 😴😴😴

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