© SWR/Sabine Hackenberg

"Tatort"-Kritikerspiegel Der Kampf geht weiter

Wie echt, wie fadenscheinig ist unsere Erinnerung? Diese Frage stellt Dominik Graf im neuen Tatort "Der Rote Schatten". Es geht zurück nach Stammheim und zur RAF.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

40 Jahre nach der Stürmung der Lufthansa-Maschine Landshut in Mogadischu und der "Todesnacht von Stammheim" wirft der Deutsche Herbst seine langen "roten Schatten" auf die Gegenwart – und auf einen Fall des Ermittlerduos Thorsten Lannert und Sebastian Bootz. Erinnert der Verdächtige Wilhelm Jordan nicht an ein früheres RAF-Mitglied? Steckt hinter dem Mord an seiner Freundin gar der Verfassungsschutz?

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Mit 60 immer noch Banken ausnehmen, die Birne zukiffen und den Staat hassen – wie machen die das?

Lars-Christian Daniels: Wie war das damals, vor 40 Jahren, im "Deutschen Herbst" 1977? Was geschah wirklich in der Nacht, als die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren Gefängniszellen in Stuttgart-Stammheim starben und ihre Mitstreiterin Irmgard Möller schwer verletzt überlebte? Filmemacher Dominik Graf hat da seine ganz eigene Theorie parat und sorgt mit diesem Tatort für reichlich politischen Sprengstoff.

Matthias Dell: Über den schönen deutschen Herbst 2017.

Kirstin Lopau: Darüber, was denn nun in der Todesnacht von Stammheim 1977 wirklich geschehen ist.

2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Der Kampf geht weiter.

Lars-Christian Daniels: Dass vieles, was meine Geschichtslehrer und die Medien mir beigebracht haben, vielleicht doch ganz anders war, als ich es gelernt habe. 

Matthias Dell: Wie man den ARD-Sonntagabendkrimi als Hülle nimmt, um in die deutsche Geschichte zurückzugehen.

Kirstin Lopau: Gelernt habe ich, dass Tatort auch mal anders geht: Man nehme ein historisches Thema, bereite authentische Filmbilder mit nachgedrehten Szenen auf, spinne eine äußerst spannende Geschichte darum, bediene sich an einigen Legenden und Verschwörungstheorien und schwupp ist ein nahezu perfekter Tatort fertig.

Außerdem erfahren wir, dass Lannert mal lange Haare und Parka trug und in einer WG mit RAF-Sympathisanten in Hamburg lebte. Wir lernen, wie man richtig Roulette spielt: "Setz du den auf die 17! 17 ist eine Primzahl, Primzahlen sind gut." Und die Damen unter uns lernen den richtigen Aufriss: "Ich liebe alle Männer – und du bist der nächste."

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Was passierte denn nun wirklich in der sogenannten "Todesnacht von Stammheim" am 18. Oktober 1977, als Baader, Ensslin und Raspe starben?

Lars-Christian Daniels: Wird Dominik Grafs Director's Cut, der der Komplexität dieses Politthrillers wohl deutlich besser gerecht wird als das 90-minütige Tatort-Korsett, jemals den Weg ins TV-Programm finden?

Matthias Dell: Wieso rechtfertigt sich Lannert, nichts mehr mit dem Parka und den langen Haaren seiner Jugend zu tun zu haben? Das hätte ihm doch eh keiner unterstellt.

Kirstin Lopau: Leider bleiben alle großen interessanten Fragen offen, aber das liegt am Stoff. Kleiner Tipp an die Tatort-Macher: Vielleicht könnte Borowski irgendwie den Fall Barschel noch mal aufrollen?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Die großen Rollen sind stark besetzt. Hannes Jaenicke, der sonst nicht gerade ein Meister der Ambivalenz ist, hält seinen zwielichtigen, gealterten Ex-RAF-Mann gekonnt in der Schwebe. Top!

Lars-Christian Daniels: Friedrich Mücke und der Tatort – eine echte Erfolgsgeschichte ist das (noch) nicht. Nach seinen zwei Auftritten als Hauptkommissar Henry Funck im 2014 zu Recht wieder abgesetzten Tatort aus Erfurt sehen wir ihn diesmal als Oberstaatsanwalt – doch Mücke bleibt im Vergleich zu Hannes Jaenicke (als abgehalfterter V-Mann) und Heike Trinker (als eiskalte RAF-Rentnerin) relativ blass. Vielleicht wurde der Konflikt zwischen Kripo, Staatsanwaltschaft und Verfassungsschutz im Tatort aber auch einfach schon zu häufig erzählt, als dass diese Machtspielchen noch wirklich mitreißen würden.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Keine.

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von den pseudodokumentarischen Suizidaufnahmen aus den Stammheimer Zellen. Baaders, Ensslins und Raspes Ende aus bewusst unzuverlässiger Nahperspektive. Meta-Krimi-Szene in Zeiten von Fake News.

Lars-Christian Daniels: Tote gibt es in diesem spannenden Tatort reichlich. Am eindringlichsten inszeniert ist aber der vermeintliche Badewannenunfall, der den Stein der Ermittlungen von Lannert und Bootz überhaupt erst ins Rollen bringt.  

Matthias Dell: Von dem Original-Tagesschau-Material aus den Siebzigerjahren, das so geschickt kompiliert ist, dass es nicht wie reine Begeisterung am Original-Tagesschau-Material aus den Siebzigerjahren aussieht, an dem sich so viele Zeitgeschichtsfilme fasziniert berauschen.

Kirstin Lopau: Von der Todesnacht von Stammheim und von den vielen offenen Fragen (und es wird mich irre machen, dass wir niemals die Wahrheit erfahren werden).

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 😴 😴

Lars-Christian Daniels: 😴 😴 😴 

Matthias Dell: 😴 😴 😴 

Kirstin Lopau: 😴

Kommentare

30 Kommentare Seite 1 von 4 Kommentieren