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Es ist kompliziert: Der Tiger im Familientherapeuten

Natürlich geht es beim Dating darum, sich einander anzunähern. Aber es gibt Dinge, die zu nah gehen – etwa die Frage nach sexuellen Vorlieben noch vor dem zweiten Bier. Von
Aus der Serie: Es ist kompliziert

"Was magst du denn so im Bett?" Nicht das schon wieder – und auch noch vor dem zweiten Bier. Scheint mittlerweile Standardfrage zu sein beim ersten Treffen, oder auch schon vorher, beim Nachrichtensenden via Datingportal. So in der Reihenfolge und Geschwindigkeit: Hey! Wo in Berlin wohnst du? Was magst du denn so beim Sex? An dieser Stelle werde ich wortkarg. Kann man nicht erst mal über Lieblingslieder oder andere Geschmacksindikatoren reden? Andererseits ist womöglich die Frage, wie man zu Oralverkehr steht, entscheidender für eine potenzielle Beziehung als große Einigkeit darüber, dass The National eine grässliche Band ist.

Dabei sah er so zartbesaitet aus, der Familientherapeut mit der dünnen Brille, zurückhaltend, feinsinnig und auf eine fröstelnde Art blässlich. Der Typ Mann, der sehr oft "Verstehe" sagt und dabei die Fingerspitzen am Kinn sinnierend aneinanderlegt. Ich hatte eigentlich gedacht, wir würden die erste Stunde über veganen Käse oder Meditationstechniken reden, über so was unverbindlich Esoterisches eben.

"Erzähl doch mal", sagt der Therapeut. Und was mache ich? Ringe mit der inneren Doppelschranke. So lange ich nicht weiß, ob ich mich mit diesem Menschen dem "geschlechtlichen Wüten" (Wiglaf Droste) hingeben möchte, will ich die Details meiner Leidenschaftssteigerung lieber für mich behalten. Andererseits ist Dating nun mal ein Sich-Rantasten mit vielen Interferenzen. Das braucht Zeit, deswegen ist es wenig förderlich, dem ersten Impuls nachzugeben und ein pampiges "Das wirst du später erfahren, oder gar nicht" rauszuhauen, wie ich es am liebsten täte. Ich flüchte mich also in die Ironie und sage: "Was ich im Bett mag? Feinfädige ägyptische Baumwolle, und im Sommer gern auch Laken aus Leinen."

Der Therapeut lacht wohlgefällig, aber ich ärgere mich über mich selbst. Was für ein Scheißspiel. Um mir nicht die Chancen zu verderben, einen Mann näher kennenzulernen, bringe ich hier gerade das kleine Handbuch der Koketterie zu Anwendung, statt einen sofortigen Themenwechsel zu erwirken. Fehlt bloß noch, dass ich mir zur Untermalung dieser Vermeidungsstrategie raffiniert in den Haaren herumwuschele. Vorsichtshalber zünde ich mir eine Zigarette an und greife dann wieder zur Bierflasche.

Sein plumper Versuch nervt mich, aber ich frage mich, mit wie vielen Schleifchen ich das Kennenlernen denn gern hätte. Will ich insgeheim gar kein Bierflaschen-Klonk-Klonk mit Prohoost dazu, wie ich immer behaupte, und jeder zahlt abwechselnd die Runden? Sondern einen klassischen Einstieg mit Komplimenten und Eingeladenwerden, weil ich mir ein hübsches Kleid angezogen habe und nicht in der Jeans erschienen bin? Auf schmusige und weniger schmusige Sätze bin ich auch schon mit Begeisterung reingefallen, wenn der Mann mir besser gefallen hat als der fahle Familientherapeut. Da geht es einem dann nur noch um das recht geile Gefühl, angebaggert zu werden. Die Feinheiten der Sexismusdebatte hebt man sich dann eben für den Morgen danach auf.

Ich bin schon eine Weile in diesem Onlinedatinggeschäft, da kriegt man ohnehin einiges zu hören. Was soll man sagen, wenn aus den guten Brüsten binnen zweier Biere geile Titten werden? Soll ich mich dann wie eine Klosterschülerin aufführen, die um angemessenen Respekt bittet? Wie eine Rachegöttin, die schäumt, dass man ihr so niedrig kommt? Soll ich gehen oder bleiben, zetern oder schweigen? Oder doch den Weg des geringsten Widerstandes gehen, sich komplett verraten und ein halbwegs neutrales "Freut mich, dass sie dir gefallen" herauswürgen, das den Ausgang des Abends noch offen lässt? Auch wenn einer, der "Titten" sagt, eigentlich eh nicht zu retten ist? Scheißspiel, sag ich doch.

Es wäre bei Dates manchmal ganz schön, die Wiso-Oma zu sein, die auf alles die richtige, angemessene, kluge Antwort findet. Diese ältere gut gefönte Helga aus der ZDF-Verbrauchersendung Wiso hat das große Glück, mit einem Knopf im Ohr ausgerüstet zu sein. Wann immer sie Handwerker mangelnder Berufsehre zu überführen hat ­– "Abzocker aufdecken", nennt das die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt –, bekommt sie also Repliken geflüstert und kann die Schlagfertigkeit in Person mimen. 

Eine Praxis, die auch bei zähen Verabredungen sehr zu begrüßen wäre. Mit Bemerkungen wie "Der Verband der Sachversicherer sagt da aber was anderes" mag man bei den meisten Gesprächsthemen nicht weit kommen. Aber wie gern hätte ich auf plumpen Dirty Talk mal so etwas eisgekühlt Auskennerisches wie "Es gibt da doch diese Empfehlung, dass man pro laufendem Meter eine Sicherung einbauen muss?" von mir gegeben. Oder, zum Thema "Haus einbruchsicher machen": "Und sogar die DIN 18 104 Teil I für aufschraubbare Nachrüstprodukte besagt da etwas anderes."

In der Realität gucke ich gerade irgendwie ins verspiegelte Flaschenregal, sehe mich da mit dem Familientherapeuten trübe an der Bar sitzen, und er legt wieder einmal die Fingerspitzen aneinander. Wer weiß, was passiert wäre, wenn wir über Käse geredet hätten. Aber eigentlich konnte ich vom Anfang des Abends aus das Ende schon ganz deutlich sehen.

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