Ein Jahr Donald Trump "Amerika weiß nun, wo die Feinde stehen"

Edith Finell, 89, New York City, New York, Rentnerin

Edith Finell © Karina Rozwadowska für ZEIT ONLINE

"Eine Woche nach der Reichspogromkristallnacht 1938 bin ich mit meinen Eltern aus Berlin geflohen. Das war wenige Tage vor meinem elften Geburtstag. Erst nach Belgien, dann nach Portugal und schließlich über den Ozean nach Kuba. 1946 kamen wir in New York an. Ich habe zwei Ehemänner überlebt, habe sechs Enkel und bis vor 15 Jahren hat mir eine Sprachschule gehört. Ich habe also Einiges erlebt in meinem Leben. Aber jetzt habe ich Angst vor Donald Trump. Er wird hoffentlich bald gehen müssen. Dann allerdings würde der jetzige Vizepräsident Mike Pence übernehmen, ein religiöser Eiferer. Es ist eine Sache, mit Gott in Gebeten zu reden, aber es wird gefährlich, wenn man glaubt, Gott antworte einem. Als jemand, der vor den Nazis im letzten Moment noch fliehen konnte, erscheint mir die Gefahr, die von diesen beiden Männern ausgeht, sehr real. Im Dezember wird sich meine gesamte Familie in meiner Wohnung in Manhattan versammeln. Alle dürfen mir dann Fragen stellen. Gegen das Vergessen. Wir werden alles auf Video aufnehmen. Das letzte Mal, dass ich dazu öffentlich befragt wurde, war von Steven Spielberg für sein Schoah-Projekt."


Kimani Toussaint, 26, Raleigh, North Carolina, Student

Kimani Toussaint © Karina Rozwadowska für ZEIT ONLINE

"Für mich fühlt sich dieses Jahr länger an als andere Jahre. Jede Trump-Katastrophe macht einen müder als die davor. Er hat bis jetzt keinerlei Errungenschaften vorzuweisen. Dafür ist sein Umgang mit Nordkorea äußerst beunruhigend. Es ist seltsam, dass ein amerikanischer Präsident einen für seine Wahnvorstellungen bekannten Diktator an Lächerlichkeit noch übertrifft. Kim Jong Un bezeichnet ihn nicht zu Unrecht als psychisch derangiert. Doch während die ganze Welt über ihn lacht, richtet er klammheimlich echten Schaden an, zum Beispiel indem er die Dakota Access Pipeline genehmigt, die den dort lebenden Menschen, den Lebensraum nehmen wird."


Keara Martin, 23, Long Island, New York, Informatikerin

Keara Martin © Karina Rozwadowska für ZEIT ONLINE

"Jeder Mensch, der je von den Händen eines Mannes misshandelt wurde, muss sich von Trumps Wahlkampf und seiner Regierungsführung abgestoßen fühlen. Es ist, als würde sich dieses Land gerade in eine Familie verwandeln, in der der Vater die anderen Familienmitglieder verprügelt. Meine Familie war immer eher konservativ. Ich habe mich daher politisch verstellt und meine wahren Ansichten verborgen. Seit Trump kann ich das nicht mehr. Allein das "Make America Great Again"-Branding, mit dem er die Welt verkleistert, ist eine Schande. Amerikanerin zu sein, war immer ein wichtiger Teil meiner Identität. Ich wehre mich dagegen, dass dieser Verrückte versucht, unsere ureigenen Werte zu destabilisieren. Und er erzeugt eine unendliche Müdigkeit, das ärgert mich am meisten."


Barnaby Bay, 20, Los Angeles, Kalifornien, Grafik-Studentin

Barnaby Bay © Karina Rozwadowska für ZEIT ONLINE

"Als Kind habe ich mich den Leuten immer als Steven vorgestellt, und bis heute sehe ich mein Geschlecht als etwas Unbestimmtes. Aber ich weiß, dass es viele Menschen in Amerika gibt, die solche Aussagen als liberal verseucht betrachten und nicht akzeptieren. Trump hilft da jetzt noch nach. Seine Präsidentschaft ist getragen von Rassismus und der Verunsicherung der weißen Mittelschicht. Meine Eltern haben mir erzählt, dass sie als Latinos schon früher häufiger in Restaurants oder so nicht bedient wurden. Das war eigentlich besser geworden. Jetzt wird es wieder schlimmer. Dieses Land entwickelt sich zurück."


Michael Campbell, 73, Nantucket, Massachusetts, ehemaliger Wall-Street-Banker

Michael Campbell © Karina Rozwadowska für ZEIT ONLINE

"Ich bin eines Morgens im Januar aufgewacht und wusste, ich musste etwas gegen Donald Trump unternehmen. Gleich nach seinem Amtsantritt bin ich in unsere Zweitwohnung in New York gezogen, um täglich vor dem Trump-Tower protestieren zu können. Ich halte hier verschiedene Schilder hoch, die sämtliche Probleme dieses Mannes thematisieren – von den Ermittlungen zu Trumps Russland-Verbindungen bis hin zu der Frage, wie man nach diesen katastrophalen ersten 365 Tagen immer noch ein Trump-Anhänger sein kann. Ich habe auch ein Schild, auf dem steht, dass wir es Trump zu verdanken haben, dass Deutschland jetzt die Welt anführt. Manche deutsche Touristen, die hier vorbeikommen, fühlen sich davon angegriffen. Ich will damit aber lediglich ausdrücken, dass das, was früher der amerikanische Präsident war, heute die deutsche Kanzlerin ist: die wichtigste Politikerin der Welt. Aber es war klar, dass der progressive gesellschaftliche Wandel, den die USA in den letzten zehn Jahren vollzogen hat, eine konservative Gegenreaktion hervorrufen musste. Bei der nächsten Wahl werden die Progressiven die Macht zurückgewinnen. Trump und Seinesgleichen werden dann nie wieder eine Bedrohung für unsere Demokratie sein. Hoffentlich. Heute tun meine Arme und Beine weh. Ich gehe gleich nach vier Stunden nach Hause."

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