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Masturbation Sie kommen

Tupfen, tippen, tasten: Eine Website bringt Frauen die unbekannten Weiten des Masturbierens bei. Funktioniert ohne Vibrator und wenn das Kätzchen erst schnurrt – mega! Von

Ich bin 31 Jahre alt, lebe in einer glücklichen heterosexuellen Partnerschaft und masturbiere mindestens einmal pro Woche. Am liebsten masturbiere ich am Nachmittag, gegen die Müdigkeit und die Langweile, die sich nach Stunden vor dem Computer zwangsläufig einstellen. Meistens habe ich zwei Orgasmen. Einen kurzen und einen langen. Vor zehn Jahren war das noch anders. Meine Vagina und ich waren gute Bekannte. Man nickte sich freundlich zu und hoffte auf gute Zusammenarbeit.

Ich glaube, das ist normal, wenn man Anfang zwanzig ist und mit der Vorstellung aufgewachsen ist, dass Vaginen sehr mystische, unergründliche Wesen sind und die weibliche Sexualität eine ist, die unbedingt ein Gegenüber braucht, um sich entfalten zu können. Damals waren Orgasmen ein glücklicher Zufall, der sich, wenn alles gut lief, beim Sex mit einem Mann einstellte. Meistens allerdings fakte man, weil die Typen, wie man selbst, keine Ahnung hatten, was so eine Vagina eigentlich brauchte und wollte. Auch das war normal. In Deutschland kommt schließlich nur jede dritte Frau beim Geschlechtsverkehr zum Orgasmus und über sexuelle Befriedigung hatte man ja auch damals in der achten Klasse im Biologieunterricht in der Schule nicht gesprochen.

Sexualkunde hießen die Wochen, die von allen, Jungen und Mädchen, voller Scham und gleichzeitig sehnsüchtig erwartet wurden. Ich erinnere mich noch daran, wie wir kichernd hinter unseren Schulbänken saßen und auf die Lehrtafeln schauten, die das männliche und das weibliche Geschlecht darstellten. Über Höhepunkte oder Masturbation sprachen die Lehrer mit uns nicht. Das war okay. Beides war schließlich irre peinlich und vor allem Masturbation gehörte zu den Dingen, die ausschließlich Jungs taten. Manchmal, hieß es auf dem Pausenhof, würden die Jungs sogar zusammen masturbieren. Das klang merkwürdig und gleichzeitig irgendwie cool, weil es etwas war, das für uns Mädchen unvorstellbar schien. Wenn wir nachts betrunken von einer Party nach Hause stolperten, fragten wir uns manchmal, wie und ob die andere es tat, ob sie dabei den Höhepunkt erreichte und wie sich dieser Höhepunkt anfühlte. Wir hatten ja keine Vorbilder.

Im Fernsehen und im Kino sah man nur Männern dabei zu, wie sie sich einen runterholten. Unter der Dusche, in der Küche, auf dem Sofa, im Bett. Masturbation gehörte zum fiktiven Alltag dieser Männer dazu wie Bier trinken oder Fußball gucken. Manchmal wurden sie dabei erwischt, lachten dann oder schämten sich kurz, aber meistens sahen sie danach ziemlich glücklich aus.

Dass eine Frau im Fernsehen masturbierte, also selbst Hand anlegte, sah ich zum ersten Mal in der Fernsehserie Sex and the City. Ich war siebzehn und schaute Samantha, der blonden, emanzipierten PR-Beraterin, dabei zu, wie sie sich nach einem langen Arbeitstag in ihr Bett legte, einen Joint rauchte und danach ihre rechte Hand unter die Bettdecke schob. Sie stöhnte dann ein bisschen und auch sie sah danach ziemlich glücklich aus. Was ihre Hand unter der Bettdecke anstellte, sah man nicht und so entstand der Eindruck, dass Masturbation und ein Orgasmus auch für Frauen ziemlich leicht sein mussten.

In einer anderen Episode von Sex and the City kaufte sich die vermeintlich prüde Charlotte, die auf der Upper East Side lebte und immer sehr strenge Blusen trug, einen Vibrator, der aussah wie ein rosa Häschen und war von den Tricks dieses Vibrators so begeistert, dass sie tagelang ihr Apartment nicht verließ. Sie kam und kam und kam. Irgendwann mussten ihre Freundinnen Carrie und Miranda intervenieren und nahmen ihr das Gerät weg, weil sie angefangen hatte zu glauben, dass man als Frau für sexuelle Befriedigung gar keinen Mann mehr brauchte.

Es gibt universelle Handgriffe, die ohne Umwege zum Erfolg führen.

Das war rückblickend betrachtet eigentlich eine Frechheit. Heute, Jahre später, weiß ich, dass eine Frau zur Entfaltung ihrer Lust tatsächlich keinen Mann braucht. Und dass es vollkommen in Ordnung ist, sich selbst zu befriedigen. Solange man weiß, wie es geht. Denn so leicht, wie es bei Samantha und Charlotte aussah, ist es nicht. Hände oder rosa Häschen nützen nicht viel, wenn man nicht weiß, was man mit ihnen anstellen soll. Und woher soll man das auch wissen, wenn niemand darüber spricht? Niemand fragt, erklärt es oder führt es vor. Und außerdem sehen jeder Körper und jede Vagina anders aus und reagieren auch sehr verschieden.

Masturbation muss man üben. Wie Fahrrad fahren. Man muss sich Zeit nehmen und darf den Mut nicht verlieren. Denn irgendwann klappt es. Und wenn es einmal geklappt hat, wenn die Tricks des Auf- und Absteigens sitzen, geht es praktisch wie von selbst.

Mittlerweile sind meine Vagina und ich enge Vertraute. Wir kennen uns gut, und seit ein paar Monaten sogar noch besser. Wir sind eins. Brauchen keinen Mann und auch keine Hilfsmittel, damit die Welle der Lust ins Rollen kommt. Wie sich nämlich herausstellte, gibt es ein paar universelle Handgriffe, die ohne Umwege zum Erfolg führen. Zu Orgasmen, die so intensiv und krass und absurd sind, dass man seinen Namen vergisst und für Stunden auf Wolke 7 schwebt.

Im Internet findet man viele Tipps für die Selbstbefriedigung der Frau, diese Handgriffe kann man aber am besten auf einer Website erlernen: Sie heißt OMGYes, "Oh mein Gott Ja", und ist das Ergebnis einer Studie zu weiblicher Lust, die 2015 von Wissenschaftlerinnen und Forscherinnen in Amerika durchgeführt wurde, um "den Schleier zu lüften und endlich einen ehrlichen Blick darauf zu werfen, wie Frauen tatsächlich Lust erleben." Dafür wurden 1.000 Frauen im Alter von 18 bis 95 aus allen Regionen der USA befragt, wie sie zum Höhepunkt kommen und man hat dabei festgestellt, dass zwar jede Frau ihre ganz eigene Methode hat, es aber Überschneidungen gibt. Auf der Website sind nun, unterteilt in zwölf Kategorien, 50 Videoclips in 12 verschiedenen Sprachen zu sehen, die verschiedene Masturbationstechniken erklären und vorführen. Um alle Videos ansehen zu dürfen, muss man eine einmalige Gebühr von 39 Euro bezahlen.

Die Kategorien heißen zum Beispiel "Rhythmus", "Umspielen", "Dranbleiben", "Öfter kommen" oder "Abfedern" und in diesen Kategorien kann man dann tatsächlich echten Frauen dabei zusehen, wie sie sich selbst befriedigen und anschließend mit Hilfe von Übungsvideos selbst Hand anlegen, in dem man die eigenen Finger über eine Vagina auf dem Bildschirm bewegt oder es gleich an der eigenen Vagina ausprobiert.

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