© NDR/Christine Schroeder

"Tatort"-Kritikerspiegel Die Zombies kommen

Softrock, Seuchenalarm und radikale Biobauern, der Hamburger "Tatort" geht aufs Ganze. Gelingt der Flirt mit dem Horror-Genre oder schlafen wir danach alle wie die Toten?

Ein aus dem Iran geflüchteter Mann wird ermordet in der niedersächsischen Provinz aufgefunden. Das Hamburger Tatort-Ermittler-Duo Julia Grosz (Franziska Weisz) und Torsten Falke (Wotan Wilke Möhring) geht zunächst von einem politisch motivierten Gewaltverbrechen aus. Doch war es wirklich die Herkunft des Opfers, die ihm zum Verhängnis geworden ist? Bald gerät der Anführer einer Gruppe radikaler Aktivisten unter Verdacht, welche Aktionen gegen Fracking und Erdgasförderung plant. Ein Öko-Thriller entspinnt sich.  


1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über den Auftritt der zurzeit extrem erfolgreichen Kuschel-Terroristen AnnenMayKantereit, die hier in einem kleinen Reeperbahn-Club ihre Vater-Sohn-Ballade Oft gefragt spielen – obwohl das überhaupt nicht in diesen Tatort über Fracking, Seuchenalarm und Biobauern-Zombies passt.

 Lars-Christian Daniels: Gut, dass die Badesee-Saison vorbei ist. Hallenbad ist doch auch schön! Und offenbar auch deutlich gesünder.

Matthias Dell: Über Fracking – ist das in Deutschland nicht verboten?

Kirstin Lopau: Da ist doch mal alles an Themen in diesem Tatort vereint, was zahlreiche Kommentatoren immer wieder beklagen: eine geflüchtete Familie, linksgrünversiffte Ökoaktivisten, vermutete Rechtsradikale und ein skrupelloser umweltverschmutzender Konzern, für den Profit mehr wert ist als Mutter Erde. Garniert wird das Ganze mit einem guten Soundtrack (Notiz an mich selbst: Unbedingt mal wieder Cranberries hören!) und einem Ende, über das sich die wütenden Kommentatoren schon jetzt wundern können.


2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: "Wenn man sein Leben lang nur Hirse frisst, dann sieht man halt so aus." Kommissar Falke über die Biobauern in der niedersächsischen Provinz, die wie Zombies über ihre Felder torkeln.

Lars-Christian Daniels: Ein bisschen Horror geht im Tatort neuerdings immer: Wilderte der letzte Frankfurter Tatort Fürchte dich noch fleißig im Haunted-House-Genre, erinnert der Showdown diesmal an den AMC-Hit The Walking Dead und ähnlich gelagerte Zombiefilme.

Matthias Dell: Baden in Seen kann gefährlich sein.

Kirstin Lopau: "Früher haben die Menschen Wale geschlachtet, um Öl für ihre Lampen zu haben. Meinen Sie, das wäre den Leuten heute lieber?" Eine nicht ganz unberechtigte Frage, und auch wir müssen unser Gewissen dazu befragen. Dass Fracking nicht die Antwort sein kann, stellt dieser Tatort eindrucksvoll dar. Wie weit Wirtschaftsinteressen mit staatlichen Organen verwoben sind, auch. Und dass man als Polizist durchaus auch mal in einen Interessens- und Gewissenskonflikt kommen kann, versteht man anhand der Thematik in diesem Tatort gut.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Darf man noch naturtrüben Quittensaft aus niedersächsischen Biobetrieben trinken?

Lars-Christian Daniels: Hat Fracking eigentlich auch irgendwelche Vorteile, mal abgesehen davon, dass die Betreiberfirmen sich damit eine goldene Nase verdienen? Die Liste der Kontra-Argumente in diesem Tatort fällt lang aus, Pro-Argumente existieren offenbar gar nicht.

Matthias Dell: Wenn Fracking in Deutschland verboten ist, warum ist es im Tatort erlaubt?

Kirstin Lopau: Warum benutzt Falke keinen Aschenbecher? Und vor allem: Was genau ist jetzt das Tatmotiv?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Die ungeschickt geschminkten Zombie-Bauern. Sorry, als ob es in der öffentlich-rechtlichen ARD-Gruft nicht genug Darsteller-Zombies gäbe. Hätte man nur zugreifen müssen.

Lars-Christian Daniels: Die der erkrankten Dorfkinder – mit denen aus Narciso Ibáñez Serradors Horrorklassiker Ein Kind zu töten… von 1976. Wenn schon, denn schon!

Matthias Dell: Die des Kielsperg-Nachwuchses mit den Waisenkindern aus den Simpsons – die hüsteln schöner (und konsequenter).

Kirstin Lopau: Ein ganzes Dorf ist pockennarbig, hat offene Hautstellen und ist auch sonst eher Zombies als gesunden Menschen nah: Gift hin, verseuchter Boden her – ich finde dies ein bisschen zu plakativ.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Obwohl hier zum ersten Mal das Genre des Zombiefilms in einem Tatort aufgegriffen wurde: Nach diesem Untoten-Spektakel schläft man wie ein Toter.

Lars-Christian Daniels: Natürlich vom Zombie-Walk im Supermarkt, mitten in der niedersächsischen Pampa. Hat allerdings zu viel unfreiwillig komischen Unterhaltungswert, als dass es ein Alptraum würde.

Matthias Dell: Wie Frau Kielsperg in einem Zug ihr 1A-Brunnenwasser leert – da muss man doch sofort aus Klo.

Kirstin Lopau: Von dem Kind, das sich unter den Lkw flüchtet. Hier hat es mich wirklich gegruselt.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: Sechs Schlafmützen  😴😴😴😴😴😴

Lars-Christian Daniels: Sechs Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴

Matthias Dell: Sechs Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: Vier Schlafmützen 😴😴😴😴

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