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Lügen Die arktische Beischlaflüge

Jeder lügt sich beim Onlinedating schöner, jünger, besser. Aber muss man gleich zum Nordpol reisen, um eine Frau klarzumachen? Unsere Singlefrau hat einen Gefühlskater. Von
Aus der Serie: Es ist kompliziert

Zwar sind mehr als 60 Prozent aller Singles zufrieden mit ihrem Leben, jedoch nur zehn Prozent davon sind überzeugte Singles. Was auf der Suche nach dem richtigen Partner alles passieren kann, davon erzählen unsere beiden Single-Kolumnistinnen in der Serie Es ist kompliziert.

Manchmal kann die Arktis ganz nah sein. So nah, dass man zu Fuß in sie hineinstiefelt, und zwar mitten in Berlin. Sie liegt am Rosenthaler Platz, an dem Oliver mich fast über den Haufen rennt im Versuch, ungesehen an mir vorbeizukommen. Er hat eine Einkaufstüte in der einen und ein Kind an der anderen Hand, und er macht nicht den Eindruck, als sei er auch nur annähernd so weit weg, wie er es eigentlich sein wollte zu dieser Zeit des Jahres.

Ein halbes Jahr Sabbatical, eine Reise in seine Heimat ganz im Norden Skandinaviens und weiter in die Kälte, nur er und seine Daunenjacke und zwar schon übermorgen, so hatte er es mir erzählt an unserem ersten und einzigen Date. Das klang für eine großstädtische Singlefrau wie mich ein bisschen heldenhaft und ziemlich wildromantisch, ich sah bereits Eiszapfen in seinem dichten Bart hängen, der für mich anfangs eher nur den Charme eines alten Flokatiteppichs gehabt hatte. Ich war also eindeutig dabei, mich für ihn zu erwärmen.

Ich hatte mich, muss man mal ehrlich sagen, nur zu bereitwillig in Olivers Erzählungen von Skagens ungezügelten Pferden, von Dorschfang und alten Mahagonibooten hineinziehen lassen. Endlich mal kein veganer Käse, kein Meine-Ex-Frau-hat-mir-Schlimmes-angetan, nichts aus Anwaltsbüros und Kalkulationsprogrammen.

Man kann es auch realistischer ausdrücken: Ich war natürlich selber schuld, dass ich mich so sehr an einer Abenteuergeschichte berauschte, die mit alltäglichen Großstadtbefindlichkeiten wenig zu tun hatte. Nun stehe ich am Rosenthaler Platz und rufe einem flüchtigen Mann hinterher: "Aber du wolltest doch schon am Nordpol sein?" Kläglich ist das, aber echt. Ich höre noch einen Satzfetzen von geänderten Plänen, dann ist er weg. War wohl nichts. Nichts außer einer Lüge. Einer zielorientierten Lüge.

Alle lügen beim Onlinedating, auch ich.

Die meisten würden es Selbstoptimierung nennen. Das fängt mit den Fotos an, die manchmal ein paar Jahre zu alt sind, manchmal ein bisschen zu stark bearbeitet, manchmal auch ganz schön unscharf. So, dass nur ein Paar glänzende Augen und ein einladend lächelnder Mund darauf auszumachen sind. Mit dem Alter geht es weiter. Eine Freundin, die etwas über 50 ist, hat mich kürzlich gefragt, wie alt sie sich denn machen solle beim Onlinedating. Ich antwortete ihr, vier Jahre weniger seien mindestens drin. Freundinnen sagen sich gegenseitig immer, dass sie jünger aussehen, als sie sind, das gehört zum Freundinnenservice. Und vier Jahre kann man optisch sowieso irgendwie wegmogeln.

Ich habe mal einen Mann getroffen, der hatte sich zwölf Jahre jünger gemacht. Er war nicht Ende vierzig, sondern auf dem Weg in den Vorruhestand. Das fand ich ziemlich frech, er sah nämlich schon ziemlich nach Bequemschuh aus, daran konnten auch die vielen Emojis in seinen Nachrichten nichts ändern. Es war eine dreiste Behauptung, keine Selbstoptimierung mehr mit ein bisschen mehr Sport im Profil und mehr Opernbesuchen und interessanten Gerichten, die man an den Wochenenden nachzukochen vorgibt. Also alles, was man in die Fragemasken schreibt, um nicht wie eine schlaffe Sofatante auszusehen, die sich nur für Schokolade noch mal hochbequemt.

Auch eine Selbstoptimierung ist eine Lüge, schon klar. Vier Jahre Altersmogeln sind nicht besser als zehn Jahre. Oder sind Notlügen erlaubt? Solche, mit denen man sich interessanter machen kann für den anderen, der ja auch nur zu gern von Geschichten betört werden möchte, begehrenswerter, aufregender? Aber muss man gleich zum Nordpol reisen, um eine Frau klarzumachen?

Ich wollte nicht, dass Oliver davonzieht und ich ihn vielleicht vermisse, ohne dass schon irgendetwas angefangen hat. Und deshalb bin ich damals allein nach Hause gegangen nach dem dritten Bier, als aus der Selbstoptimierung eine ziemlich fette Beischlaflüge geworden war, wie ich heute weiß. Nach dem Motto: Heute Nacht ist eine unwiderbringliche Gelegenheit, Baby. Greif zu!

Er hat mich dann noch bis zur Ecke gebracht und dabei meine Hand gehalten. Vermutlich geht das für uns beide als Miniaturnotlüge durch; der Schein blieb gewahrt, der Moment war gar nicht mal so unromantisch. Trotzdem hat man davon immer einen Gefühlskater. Weil nichts gestimmt hat.

Ich habe deshalb irgendwann aufgehört, an meinem Alter herumzumogeln. Es kommt ja doch raus, vor allem wenn wie bei mir viele Informationen zur Person im Internet herumgeistern. Ich überlege jedoch stets aufs Neue, ob ich bei den vorgegebenen Figurenkriterien "normal" oder "schlank" ankreuzen soll. Ich halte mich eher für ersteres, aber ein ebenfalls im Onlinedating aktiver Mann hat mir mal gesagt, dass "normal" nur dicke Frauen auswählten. Natürlich will ich nicht für dick gehalten werden! Also gibt es mal wieder eine kleine Lüge für die bessere Chancenverwertung.

Männer machen sich nicht schlanker. Aber ehrlicher sind sie auch nicht. Ich habe es nur selten erlebt, dass mir einer gesagt hat, ich sei nicht sein Fall. Die Notlüge in diesem Fall lautete klassisch: "Ich habe gestern die Frau meines Lebens getroffen, tut mir leid." Das ist eigentlich aber auch nicht weniger kalt als die Arktis, wenn man diesen Satz schon öfter gehört hat.

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