Single-Kolumne: Es ist kompliziert Mein erster zweiter Move

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Das erste Date, der erste Kuss: Warum machen Männer beim Dating immer alles klar? Weil es Frauen so schwerfällt, selbst wenn sie souverän sind. Aber warum ist das so? Von
Aus der Serie: Es ist kompliziert

Zwar sind mehr als 60 Prozent aller Singles zufrieden mit ihrem Leben, jedoch nur zehn Prozent davon sind überzeugte Singles. Was auf der Suche nach dem richtigen Partner alles passieren kann, davon erzählen unsere beiden Single-Kolumnistinnen in der Serie "Es ist kompliziert".

Männer wollen erobern, Frauen erobert werden. Nach diesem Muster funktionieren immer noch erstaunlich viele Filme. Mag man gar nicht glauben. Sicher, die Frau steht nicht mehr nur passivdevot am Herd und wartet auf den Gatten, um diesem nach einem harten Tag alle Wünsche von den Augen abzulesen. Aber die erste Verabredung, der erste Kuss, das macht immer noch der Mann klar – und irgendwie finden das alle auch ganz normal so. Und am Ende sinkt die Frau vor irgendeiner Kitschkulisse in die Arme ihres Traummanns.

Meine Welt sieht natürlich ganz anders aus. Gerade als Singlefrau in der Großstadt. Ob das wirklich so ist, frage ich mich eines Samstagabends, als ich mit Philip in einem Club am Rand der Tanzfläche stehe. Wir kennen uns seit Jahren flüchtig, er ist der Kollege einer Freundin. Wir haben uns zufällig am Eingang in der Warteschlange getroffen. Zwei Bier und drei gute Songs später frage ich mich, warum wir uns eigentlich nicht schon früher so gut unterhalten haben.

Könnte man gut fortsetzen, das Gespräch, aber dafür müssten wir Nummern austauschen. Kleinigkeit, eigentlich. Einfach fragen. Kann ich aber nicht. Ich will mich ja nicht kleinmachen, das habe ich den ganzen Abend über nicht getan. Ich will aber auch nicht, dass er mir nur deshalb seine Nummer gibt, weil er denkt, ich himmele ihn an.

Also ärgere ich mich über meine Ambivalenz und frage mich, warum das so ist. Mache ich mich doch mehr von Konventionen abhängig, als ich dachte? Habe ich zu viele Frauenmagazine gelesen, in denen souveräne Frauen berichten, wie schön es ist, sich privat mal "fallen zu lassen"? Ich trau mir selbst einiges zu, das aber nicht!

Mitten in mein eigenes Ringen, ob ich nicht mal aus mir selbst heraustreten und das mit der Nummer einfach machen könnte, fragt mich Philip nach meiner. Das rettet mich vor einem Abschied, den ich nicht gewollt hätte, nicht aber vor der Frage, warum ich die Sache mit dem ersten Move nicht hinkriege.

Bei unserem ersten Date streiten wir stundenlang über Politik, er ist konservativ, ich belächle seine Argumentationen, er lacht über mich, weil ich mich so provozieren lasse. Als wir gehen, schlage ich kein neues Treffen vor, sondern stehe vor meinem Fahrrad und warte auf das, was von ihm kommt. Wie ein unsicheres Mädchen. Hoffentlich findet er das nicht toll, weil eigentlich bin ich doch gar nicht so.

Also kaschiere ich das Ganze hinter meiner super souveränen Coolness-Attitüde: Mir doch egal, ob wir uns noch mal sehen, ich komm gut ohne dich klar und überhaupt brauch ich niemanden. Krass eingeübt, diese Nummer, wie der immer gleiche Weg ins Büro.

Ich mache fast nie diesen ersten Schritt. Das erste Date, der erste Kuss, der erste Sex. Ich warte. Aber nicht, weil ich denke, dass sich das so gehört aufgrund irgendeiner tradierten Rollenverteilung. Denn mit Schritt zwei, drei und siebenundfünfzig habe ich kein Problem. Ich glaube, das Warten ist der tote Winkel meines Datingverhaltens: Aus Sorge vor Ablehnung und der Angst davor, mich einfach mal in etwas Fremdes zu werfen, warte ich zu oft ab und stehe dann allein da – weil super souverän auch gern wie super Kumpel rüberkommt.

Und dann ist da die Angst davor, welches Bild ich eigentlich abgebe: Einerseits will man sich als souveräne Frau nicht in die Situation begeben, einen Korb zu bekommen. Wie geht man damit eigentlich um? Da haben Männer echt einen Erfahrungsvorsprung. Andererseits will ich auch nicht als willige Beute angesehen werden, was voraussetzt, dass man aus der Ecke auch mal rauskommt.

Hat die #MeToo-Debatte nicht auch eine Diskussion darüber in Gang gesetzt, wie sich Männer und Frauen annähern? Und will ich nicht auch mehr Gleichheit, was bedeutet, dass ich meine Verhaltensmuster auch überdenken muss? Ich erwarte schließlich von Männern, dass sie in Elternzeit gehen, kochen können und es cool finden, wenn eine Frau den ersten Schritt macht. Also raus aus der eigenen Comfort Zone.

Ich überlege, ob es neben den ganzen "Wie ich meine Vagina besser kennenlerne"-Seminaren vielleicht auch etwas Simpleres auf dem Selbstermächtigungsdienstleistungssektor gibt, das mir helfen könnte. Gibt es leider nicht. Auch diese Angebote müssen noch in der Neuzeit landen: Es gibt auch Körbe für Frauen, und nein, nicht zum Flechten.

Bis dahin heißt es für mich üben, in anderen Bereichen meines Lebens krieg ich das doch auch hin. Mit Philip kann ich den allerersten Schritt nicht mehr retten. Aber den ersten Schritt zur nächsten Stufe vielleicht. Beim dritten Date frage ich ihn, ganz ohne abzuwarten, ob er mit zu mir kommen will. Bisschen super souveräne Coolness-Attitüde ist zwar schon mit dabei. Nur zur Sicherheit, sollte er abwinken. Tut er aber nicht.

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