© Digital Vision/Getty Images

Spielzeug Vom Sandkasten in den Beautysalon

Sex sells, und zwar auch in der Puppenecke: Immer mehr Spielfiguren werden frühzeitig durch die Pubertät gejagt und mit Schmollmund, Stilettos und Schminke aufgedonnert. Von

Die Spielwarenabteilung im Kaufhof auf dem Berliner Alexanderplatz ist eine ganz normale Spielwarenabteilung: Man geht vorbei an aufgespritzt wirkenden Schmollmündern, an Make-up-Sets für Grundschülerinnen, an sehr schmalen Taillen und sehr runden Pos. Hier gibt es gekonnte Blicke nach hinten über die halb entblößte Schulter und Mädchenfiguren in hauchdünnen Kleidern, die mit der Grenze der Unschuld spielen. Den anorektischen Körper der Puppe Ari Hauntington verhüllt ein halbtransparenter Stoff, ihre Endlosbeine stecken in hochhackigen Stiefeln mit Fetisch-Schnallen.

Sex sells. Aber wieso auch in der Puppenecke? Warum sexualisiert man Produkte für Kinder? Nur wenige Regalmeter neben Minnie-Mäusen, Kuscheltieren und Babypuppen in Stramplern finden sich tiefe Ausschnitte, Lidschatten und weibliche Schlüsselreize – als sei der nächste Entwicklungsschritt nach dem Sabberlatzalter das der Sexbombe. Die räumliche Nähe illustriert einen Trend: die Sexualisierung von Mädchenkörpern, die immer früher einsetzt.

Bereits in den achtziger Jahren wurde das kritisiert, sagt Tim Rohrmann, damals allerdings in Bezug auf Jugendliche. "Neu ist, dass es bereits im Grund- und sogar Vorschulalter zu sehen ist", so Rohrmann, Co-Autor des Buches Mädchen und Jungen in der KiTa. Körper, Gender, Sexualität. "Das hat mit den Spielzeug- und Medienbildern zu tun, die weibliche Figuren oft kindlich und sexualisiert darstellen: große Kulleraugen mit weiblichen Körperformen."

In der Prinzessinnenrolle

Es liege auch am heute anderen Zugang zu Medien – vor zehn Jahren haben Achtjährige noch nicht YouTube geguckt. Einerseits ist Sexualisierung in unserer Welt überall sichtbar, sagt Rohrmann, Professor für Bildung und Entwicklung im Kindesalter in Dresden, andererseits tun sich viele Erwachsene schwer damit, selbstverständlich über sexuelle Themen zu sprechen. "So entsteht für die Kinder ein Vakuum, und in dieses tritt die Spielwarenindustrie mit den sexualisierten Mädchenfiguren." Denn Kinder wollten sich auch mit Sexuellem auseinandersetzen, weil die Identifizierung mit erwachsenen Frauen sie sich groß und erwachsen fühlen lasse.

Die Lolitas aus Plastik besetzen dieses Vakuum mit großem Erfolg. In der Studie Sexy Puppen, sexy Grundschüler? stellten die amerikanischen Forscherinnen Christine R. Starr und Gail M. Ferguson im Jahr 2012 fest, dass Mädchen zwischen 6 und 9 Jahren "in überwältigender Mehrheit sexualisierte Puppen nicht sexualisierten vorzogen". Puppen, so die Forscher, seien "ein Thermostat für die Sexualisierung immer jüngerer Mädchen in der US-amerikanischen Gesellschaft".

Kommentare

183 Kommentare Seite 1 von 7 Kommentieren