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"Tatort"-Kritikerspiegel: Wenn die Rechten mal den Rand halten

Nicht zur AfD, sondern zu den "Neuen Patrioten" führt der Hamburger "Tatort". Könnte Fahnder Falke, Proll und Ex-Punk, bitte auch sonst das Reden gegen rechts übernehmen?
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Ein Hamburger Tatort mit besinnlichem Personenraten: Eine eiskalte Frau im Hosenanzug, die als Spitzenkandidatin einer rechtspopulistischen Partei antritt – wer könnte das wohl sein? In Dunkle Zeit heißt die Partei dazu nur nicht AfD, sondern DNP, "Die Neuen Patrioten", und auch der Rest des Personals hat einen gewissen Wiedererkennungswert. Dann stirbt der Ehemann der Eiskalten bei einem Autobombenanschlag, und die Kommissare Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) müssen nicht bloß nach einem Attentäter fahnden, sondern auch mit gewaltigen Antipathien ihrerseits kämpfen. Immer dann, wenn sie der Frau im Hosenanzug, die sie nun persönlich zu schützen haben, bei ihren Reden zuhören müssen. Aber Falke ist in Hamburg-Billstedt aufgewachsen und Grosz hat Afghanistan überstanden, diese beiden kann so schnell nichts schrecken – Scheinheilige und Wutbürger schon mal gar nicht!

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die Frau im Hosenanzug, die als Spitzenkandidatin für eine rechtspopulistische Partei namens Neue Patrioten fungiert. Erinnert die uns an Alice Weidel oder an Frauke Petry? An beide ein bisschen. Bei diesem Tatort über eine sehr der AfD ähnliche Partei gibt es viele Verweise auf reale Personen vom rechten Rand.

Lars-Christian Daniels: Über den politischen Sprengstoff, den dieser Tatort birgt, über "Die Neuen Patrioten" – und über die AfD, die hier zweifellos als Vorlage diente.

Matthias Dell: Über einen besinnlichen dritten Advent im Kreise der Lieben.

Kirstin Lopau: Darüber, dass es die AFD in einen Tatort geschafft hat. Zusammen mit ein bisschen NSU, linken Radikalen und einer deutlichen Einordnung des Ganzen durch Falke. Danke, Digga!

2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Wie man mit Rechten redet. Nämlich so wie Ex-Punk und Billstedt-Proll Thorsten Falke, der den zersetzenden Reden der rechten Politikerin ein starkes, berührendes, vom echten Leben gezeichnetes Plädoyer für die multikulturelle Gesellschaft entgegenhält.

Lars-Christian Daniels: Aufwachsen in Hamburg-Billstedt ist wahrlich kein Zuckerschlecken. Vor allem nicht als Kartoffel.

Matthias Dell: Dass es zwar zum Tatort gehört, aktuelle gesellschaftliche Themen aufzugreifen. Dass das aber selten zu einem besseren Verständnis führt.

Kirstin Lopau: Dass Falke in Billstedt aufgewachsen ist. Dass man als Motivationstrainer und Wunderheiler zu einem Vermögen kommen kann. Dass Falke nichts gegen starke Frauen hat. Dass es andauernd Morddrohungen "auch gegen den Bundestrainer und Bernd, das Brot" gibt (echt?). Und vor allem dass hinter einer populistischen Partei nicht nur "Deppen, ein Haufen von Analphabeten mit Internetanschluss" stehen, sondern an deren Spitze machtbesessene, empathielose, über Leichen aus den eigenen Reihen gehende, gut ausgebildete Rhetoriker. (Ich sehe jetzt schon die Kommentare von wegen Lügenpresse, Volkserziehung, Zwangsabgabe für Systemmedien, usw. vor mir.)

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Warum noch mal beobachtet der Verfassungsschutz die AfD nicht?

Lars-Christian Daniels: Warum nur verweigert die sensible Afghanistan-Rückkehrerin Grosz ihrem um Lockerheit bemühten Kollegen Falke das Duzen?

Matthias Dell: Was wurde aus dem zweiten Agent Provocateur – Flucht zu den Neonazis in Polen? Mitarbeiter in einer Landtagsfraktion? V-Mann?

Kirstin Lopau: Wie geht die Wahl an dem Sonntag aus?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Eigentlich ein sehr schön nach realen Politikervorbildern rechts außen zusammengestelltes Figurenpersonal und Schauspielerensemble. Die linken Aktivisten, die gegen die Neue Rechte demonstrieren, hätten allerdings besser gecastet sein können. Sie wirken doch alle sehr milchgesichtig.

Lars-Christian Daniels: Gleich mehrere Schauspieler in kleineren Nebenrollen bringen leider kein gehobenes Primetime-Niveau mit. Aber sprechen wir doch lieber über die überzeugenden Hauptdarsteller: Positiv überrascht hat mich vor allem Anja Kling als gewiefte Rechtspopulistin. Starker Auftritt!

Matthias Dell: Die vom Staatsschützer Rutemöller. Mit dem Burschenschaftler und Sächsischen Verfassungschutzpräsidenten Gordian Meyer-Plath.

Kirstin Lopau: Keine. Besonders die Herrschaften aus den DNP-Reihen waren alle hervorragend besetzt. Vielleicht ein bisschen zu klischeehaft, aber i wo, gut besetzt!

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von diesem irren rechtspopulistischen Stimmungsmacher im Hintergrund, der auf seiner Internetseite Verschwörungstheorien verbreitet. Spricht nicht nur so wie der Compact-Herausgeber Jürgen Elsässer, sondern hat auch die gleiche blonde Tolle.

Lars-Christian Daniels: Vom Kopfschuss durch die Windschutzscheibe.

Matthias Dell: Vom jungen Stutzer, der eine Bierflasche nicht mit einer anderen Bierflasche aufmachen kann. Das fördert das Soziale.

Kirstin Lopau: Von der letzten Pressekonferenz der DNP. Mir kommt dabei wie Falke die Galle hoch.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 2 Schlafmützen 😴 😴

Lars-Christian Daniels: 3 Schlafmützen 😴 😴 😴

Matthias Dell: 7 Schlafmützen 😴 😴 😴 😴 😴 😴 😴

Kirstin Lopau: 2 Schlafmützen. Ein mutiger Tatort! 😴 😴

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