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"Tatort"-Kritikerspiegel Wie ein Pinguin in der Haifischdisco

Echt ein Liebestöter: Dorn und Lessing spüren einem entflohenen Frauenmörder nach. Aber ist "Der wüste Gobi" vielleicht bloß an hässlichen Strickschlüpfern schuld?
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Länger geht's ja wohl nicht: Gotthilf Bigamiluschvatokovtschvili heißt der dreifache Frauenmörder, der in Weimar aus der Psychiatrie ausbricht und dabei selbst gestrickte Wollschlüpfer in allen Regenbogenfarben hinterlässt. Der Einfachheit halber nennt man ihn Gobi und in diesem Tatort wird daraus dann auch gleich Der wüste Gobi. Jürgen Vogel spielt den Flüchtigen, den Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) aufzuspüren versuchen. Weimar kann sehr leer sein, während sie umherfahren. Und ins Grübeln geraten: War Gobi denn wirklich so ein Grobi?

1. Worüber werden am Mittwoch alle reden?

Christian Buß: Über all die wunderbaren Bonmots, die hier verbreitet werden. Könnten eigentlich alle in den alltäglichen Sprachgebrauch eingehen. Zum Beispiel: "Er hat eine Chance wie ein Pinguin in der Haifischdisco."

Lars-Christian Daniels: Über das mieseste Weihnachtsgeschenk, den alljährlichen Familienkrach unterm Tannenbaum oder das köstliche Feiertagsessen – aber wohl kaum über diesen Tatort. Der fällt nämlich genauso aus wie seine Vorgänger aus Weimar: Anschauen, drüber schmunzeln und am nächsten Tag schon wieder vergessen.

Matthias Dell: Über Weihnachten.

Kirstin Lopau: Darüber, wie unpraktisch gestrickte Unterwäsche ist. Und wir sind froh, dass keine Tiere beim Dreh zu Schaden gekommen sind.


2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: "Das Leben ist wie eine Bratwurst. Man weiß nie, was drinsteckt."

Lars-Christian Daniels: Das mit den warmen langen Unterhosen wusste ich schon – aber auch kuschelige Parkas sind im Ehebett offenbar echte Liebestöter. Doch was will man machen, wenn die Heizung ausfällt und man beim Einschlafen seinen eigenen Atem sieht?

Matthias Dell: Humor ist, wenn man trotzdem lacht.

Kirstin Lopau: Wir lernen, dass wir im Büro niemals Kaffee aus einer roten Thermoskanne trinken sollten, zumindest nicht, wenn wir beim LKA arbeiten. Außerdem lernen wir, dass Weimar mit weniger Klamauk leider nicht auskommen möchte, obwohl der heutige Anfang Hoffnung gibt. Ferner lernen wir etwas, das uns beim Autofahren mit Rechts-Links-Schwäche helfen wird: "Dreimal rechts ist auch links." Und zu guter Letzt verinnerlichen wir, dass wir vor forensischen Psychiatern, deren Hobby das Schießen und Präparieren von Tieren ist, unbedingt ganz schnell weglaufen müssen.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: "Ist das noch Therapie oder schon Fetisch?" Fragt Kommissarin Dorn in Anbetracht all der Wollschlüpfer, die ein psychisch gestörter Frauenmörder in der Sicherheitsverwahrung gestrickt hat.

Lars-Christian Daniels: Wie lange hat Hauptdarsteller Christian Ulmen üben müssen, um den Nachnamen Bigamiluschvatokovtschvili mit einer solchen Selbstverständlichkeit fehlerfrei aussprechen zu können?

Matthias Dell: Wo war da denn der Witz?

Kirstin Lopau: Hat das was mit den Feiertagen zu tun, dass man in Weimar diesmal so triebgesteuert ist?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Alle Rollen funktional besetzt. Eine kunstvoll verspulte Krimischnurre, in der Burgschauspielergrandezza völlig fehl am Platze wäre.

Lars-Christian Daniels: Jeanette Hain ist eine großartige Schauspielerin – und in ihrer eindimensionalen Rolle als eifersüchtige Verbrecher-Verlobte fast in jeder Szene gnadenlos unterfordert. Schlechte Schauspielerinnen gab es in den zurückliegenden 47 Tatort-Jahren doch genug, hätte man nicht einfach eine von denen nehmen können?

Matthias Dell: Die Schauspieler können ja auch nichts für den Text. 

Kirstin Lopau: Keine. Ein strickender Jürgen Vogel ist wirklich ziemlich gut.

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Eben von all diesen schrecklichen Wollschlüpfern in Regenbogenfarben.

Lars-Christian Daniels: Vom erschossenen Eichhörnchen, das der köstlich überzeichnete Hobby-Jagdsportler und Chefarzt Eisler direkt von seiner Veranda aus abknallt. Hat was von Clint Eastwood in Gran Torino – nur mit Nagern statt mit Halbstarken aus der Nachbarschaft. "Du kackst mir nicht mehr in mein Cabrio!"

Matthias Dell: Wie andauernd durch das völlig leere Weimar gefahren wird – das geht schon fast ins Experimentalfilmhafte.

Kirstin Lopau: Vom Schweizer Messer und dem Kugelschreiber. Hoffentlich muss ich mein Wissen niemals anwenden.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 3 Schlafmützen 😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Matthias Dell: 8 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 4 Schlafmützen. Jürgen Vogel schwächt den übertriebenen Klamauk zum Glück etwas ab. 😴😴😴😴

Kommentare

19 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Nora ist toll, ich mag sie seit der Ijon Tichy Reihe, wo sie das Hologramm spielte. Jürgen Vogel liebe ich auch, ich halte ihn für einen der besten deutschen Schauspieler, aber in der Kostellation Tatort Weimar mag ich nicht gucken. Das ist, vom Ansatz her, Klamauk. Warum auch immer, aber hier wird dem Format nicht die Stirn, sondern der Arsch geboten.
Ich bin Tatort-Fan und leide und liebe, aber Weimar geht echt nicht.
Klamauk, billig und platt!