© Leon Reindl für ZEITmagazin ONLINE

Intersexualität Hallo, ich bin die dritte Option

Maxi Bauermeister wurde mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren und zu einem Mädchen zwangsoperiert. Jetzt lebt er mit der Freiheit, beides zu sein, Mann und Frau. Von

Read the English version of this article here

Du bist 18, als du dich zum ersten Mal in einen Jungen verliebst. Du willst mit ihm schlafen, aber du erfährst, dass dies nicht so einfach geht. Das, was du für deine Vagina hältst, sei nur zwei Zentimeter tief, sagen die Ärzte. Damit Geschlechtsverkehr möglich ist, müsstest du dich zunächst operieren lassen. Du lässt dich operieren. Mit dem Geschlechtsverkehr klappt es trotzdem nicht, dein Freund lässt dich sitzen.

Deine Eltern sagen nichts.

Dir fallen die Haare aus. Alle. Die auf dem Kopf, die am Körper, die in der Nase, die Wimpern, die Augenbrauen, die Schamhaare. Alopecia universalis, für den kompletten, stressbedingten Haarausfall haben die Ärzte einen Namen. Doch für dich haben sie keinen, für das, was du bist. Sie haben auch keine Erklärung dafür, warum du es bist.

Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist das Alleinsein. Das Gefühl, dass du ein Störfaktor bist, etwas, das nicht der Norm entspricht. Etwas, für das es keinen Platz gibt. Ein Monster.

Maxi Bauermeister, 33 Jahre alt, 1,64 Meter groß, gut 50 Kilo schwer, Landwirt, sitzt in einer großen Wohnküche in einem Bauernhaus in Brandenburg, als, und nun wird es schwierig – als er seine Geschichte erzählt? Als sie ihre Geschichte erzählt? Beides trifft nicht zu, Bauermeister ist weder Mann noch Frau, Personalpronomen mag Bauermeister nicht. Früher auf dem Spielplatz wurde Bauermeister von anderen Kindern hin und wieder Zwitter gerufen. Die Gesellschaft bezeichnet Menschen wie Bauermeister neuerdings ziemlich sperrig als intersexuelle Personen. Bauermeister selbst nennt sich manchmal scherzhaft "göttlich-geiler Hermaphrodit". Doch weil Bauermeisters Geschichte nicht lustig ist, wird hier ab jetzt sehr oft Bauermeister stehen.

Im vergangenen November entschied das Bundesverfassungsgericht, dass bei standesamtlichen Einträgen neben "männlich" und "weiblich" ein dritter Geschlechtereintrag wie "anders" oder "divers" möglich sein muss, weil alles andere diskriminierend sei. Es war ein revolutionäres Urteil. "Zwar lässt sich gesellschaftliche Akzeptanz nicht allein durch einen Gerichtsbeschluss erreichen, aber dies ist ein Schritt in die richtige Richtung", kommentierte nicht nur die intersexuelle Person Vanja, die die Klage, unterstützt von der Kampagne Dritte Option, geführt hatte, auch weltweit wurde das Urteil so bewertet. "Die historische Entscheidung verleiht der oft schlecht informierten und ideologisch vergifteten Debatte über Geschlecht in Deutschland Klarheit und Ernsthaftigkeit", schrieb die New York Times.

Es ist das erste Gesetz dieser Art in Europa. Zum ersten Mal wird nun offen über etwas gesprochen, was es schon seit der Antike gibt: die geschlechtliche Uneindeutigkeit. Hermaphroditos ist in der griechischen Mythologie die Figur, deren Körper sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale aufweist. Nach Schätzungen von Selbsthilfeverbänden leben 160.000 solche Menschen in Deutschland, was kaum jemand ahnt, häufig nicht einmal die Betroffenen selbst. Es klingt unbegreiflich, dass es Menschen gibt, die nicht wissen, welches Geschlecht sie in Wahrheit haben. Aber so ist es.

Intergeschlechtlichkeit war lange ein Tabuthema. Der amerikanische Schriftsteller Jeffrey Eugenides bekam für seinen Bestseller Middlesex, der das Leben eines Hermaphroditen erzählt, 2003 den Pulitzer-Preis. Sein Buch gilt als einer der bedeutendsten Romane des 21. Jahrhunderts. Doch eine gesellschaftliche Debatte stieß er nicht an. Erst seit der neuen Diskussion um sexuelle Identität, um Transgender und Homoehe, seit der es nicht mehr nur um Mann und Frau, homo- oder heterosexuell, sondern um alles Mögliche geht, darum, was überhaupt männlich und was weiblich ist, rücken auch Intersexuelle ins Licht der Öffentlichkeit.

Maxi Bauermeister ist keine Person, die in den Vordergrund drängt. Im Gegenteil. Es war kompliziert, Bauermeister überhaupt zu finden, denn kaum eine intersexuelle Person in Deutschland möchte über sich sprechen, schon gar nicht unter richtigem Namen und mit einem Foto. Interessensverbände wie der Verein für Intersexuelle Menschen halten für Journalisten einen umfangreichen Katalog an Fragen und Auflagen bereit, bevor sie gewillt sind, sich ihre Anfragen anzuschauen. Dies sagt viel über den Grad an Ächtung, Hohn, Ablehnung und Unverständnis aus, dem Intersexuelle begegnen.

Bauermeister ist bereit zu reden, in der Hoffnung, durch den offenen Umgang mit der "dritten, eigenen Geschlechtlichkeit" aufzuklären, Verständnis zu wecken, "damit irgendwann die Ärzte Eltern bei der Geburt eines intersexuellen Kindes sagen: Das ist nicht schlimm, da muss man nichts machen. Es ist ein gesundes Kind. Freuen Sie sich!" Bei Bauermeister selbst war das ganz anders.

Es ist ein milder Wintermorgen, der Himmel grau verhangen, draußen, hinter einer Reihe Birken, grasen Schafe und Ziegen auf der Weide. Der abgelegene Gemeinschaftshof, auf dem Bauermeister Mitgesellschafter ist, betreibt ökologische Landwirtschaft mit Käse, Kräutern und Gemüse, was auf den Märkten im Umkreis verkauft wird. Bauermeister trägt einen weiten Pullover, Handwerkerhosen, eine Mütze. Tee steht auf dem Tisch. Die Stimme klingt hell, aber männlich, was an dem Testosteron liegt, das er seit einigen Jahren jeden Morgen schluckt wie andere Vitamintabletten.

Bauermeister tritt als Mann auf, kleidet sich so, auch wenn er durch Testosteron keinesfalls ein Mann werden will, sondern dem Körper etwas gibt, was er selbst nicht mehr produzieren kann, weil er keine Keimdrüsen mehr hat. Seither fühlt er sich viel besser, ausgeglichener, ruhiger.

Kommentare

172 Kommentare Seite 1 von 21 Kommentieren
Liebe Leserinnen und Leser, in diesem Kommentarbereich prüfen wir alle Beiträge, bevor sie veröffentlicht werden. Ihr Kommentar erscheint, sobald er gesichtet wurde.