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Intersexualität Hallo, ich bin die dritte Option

Maxi Bauermeister wurde mit uneindeutigen Geschlechtsmerkmalen geboren und zu einem Mädchen zwangsoperiert. Jetzt lebt er mit der Freiheit, beides zu sein, Mann und Frau. Von

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Du bist 18, als du dich zum ersten Mal in einen Jungen verliebst. Du willst mit ihm schlafen, aber du erfährst, dass dies nicht so einfach geht. Das, was du für deine Vagina hältst, sei nur zwei Zentimeter tief, sagen die Ärzte. Damit Geschlechtsverkehr möglich ist, müsstest du dich zunächst operieren lassen. Du lässt dich operieren. Mit dem Geschlechtsverkehr klappt es trotzdem nicht, dein Freund lässt dich sitzen.

Deine Eltern sagen nichts.

Dir fallen die Haare aus. Alle. Die auf dem Kopf, die am Körper, die in der Nase, die Wimpern, die Augenbrauen, die Schamhaare. Alopecia universalis, für den kompletten, stressbedingten Haarausfall haben die Ärzte einen Namen. Doch für dich haben sie keinen, für das, was du bist. Sie haben auch keine Erklärung dafür, warum du es bist.

Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist das Alleinsein. Das Gefühl, dass du ein Störfaktor bist, etwas, das nicht der Norm entspricht. Etwas, für das es keinen Platz gibt. Ein Monster.

Maxi Bauermeister, 33 Jahre alt, 1,64 Meter groß, gut 50 Kilo schwer, Landwirt, sitzt in einer großen Wohnküche in einem Bauernhaus in Brandenburg, als, und nun wird es schwierig – als er seine Geschichte erzählt? Als sie ihre Geschichte erzählt? Beides trifft nicht zu, Bauermeister ist weder Mann noch Frau, Personalpronomen mag Bauermeister nicht. Früher auf dem Spielplatz wurde Bauermeister von anderen Kindern hin und wieder Zwitter gerufen. Die Gesellschaft bezeichnet Menschen wie Bauermeister neuerdings ziemlich sperrig als intersexuelle Personen. Bauermeister selbst nennt sich manchmal scherzhaft "göttlich-geiler Hermaphrodit". Doch weil Bauermeisters Geschichte nicht lustig ist, wird hier ab jetzt sehr oft Bauermeister stehen.

Im vergangenen November entschied das Bundesverfassungsgericht, dass bei standesamtlichen Einträgen neben "männlich" und "weiblich" ein dritter Geschlechtereintrag wie "anders" oder "divers" möglich sein muss, weil alles andere diskriminierend sei. Es war ein revolutionäres Urteil. "Zwar lässt sich gesellschaftliche Akzeptanz nicht allein durch einen Gerichtsbeschluss erreichen, aber dies ist ein Schritt in die richtige Richtung", kommentierte nicht nur die intersexuelle Person Vanja, die die Klage, unterstützt von der Kampagne Dritte Option, geführt hatte, auch weltweit wurde das Urteil so bewertet. "Die historische Entscheidung verleiht der oft schlecht informierten und ideologisch vergifteten Debatte über Geschlecht in Deutschland Klarheit und Ernsthaftigkeit", schrieb die New York Times.

Es ist das erste Gesetz dieser Art in Europa. Zum ersten Mal wird nun offen über etwas gesprochen, was es schon seit der Antike gibt: die geschlechtliche Uneindeutigkeit. Hermaphroditos ist in der griechischen Mythologie die Figur, deren Körper sowohl männliche als auch weibliche Geschlechtsmerkmale aufweist. Nach Schätzungen von Selbsthilfeverbänden leben 160.000 solche Menschen in Deutschland, was kaum jemand ahnt, häufig nicht einmal die Betroffenen selbst. Es klingt unbegreiflich, dass es Menschen gibt, die nicht wissen, welches Geschlecht sie in Wahrheit haben. Aber so ist es.

Intergeschlechtlichkeit war lange ein Tabuthema. Der amerikanische Schriftsteller Jeffrey Eugenides bekam für seinen Bestseller Middlesex, der das Leben eines Hermaphroditen erzählt, 2003 den Pulitzer-Preis. Sein Buch gilt als einer der bedeutendsten Romane des 21. Jahrhunderts. Doch eine gesellschaftliche Debatte stieß er nicht an. Erst seit der neuen Diskussion um sexuelle Identität, um Transgender und Homoehe, seit der es nicht mehr nur um Mann und Frau, homo- oder heterosexuell, sondern um alles Mögliche geht, darum, was überhaupt männlich und was weiblich ist, rücken auch Intersexuelle ins Licht der Öffentlichkeit.

Maxi Bauermeister ist keine Person, die in den Vordergrund drängt. Im Gegenteil. Es war kompliziert, Bauermeister überhaupt zu finden, denn kaum eine intersexuelle Person in Deutschland möchte über sich sprechen, schon gar nicht unter richtigem Namen und mit einem Foto. Interessensverbände wie der Verein für Intersexuelle Menschen halten für Journalisten einen umfangreichen Katalog an Fragen und Auflagen bereit, bevor sie gewillt sind, sich ihre Anfragen anzuschauen. Dies sagt viel über den Grad an Ächtung, Hohn, Ablehnung und Unverständnis aus, dem Intersexuelle begegnen.

Bauermeister ist bereit zu reden, in der Hoffnung, durch den offenen Umgang mit der "dritten, eigenen Geschlechtlichkeit" aufzuklären, Verständnis zu wecken, "damit irgendwann die Ärzte Eltern bei der Geburt eines intersexuellen Kindes sagen: Das ist nicht schlimm, da muss man nichts machen. Es ist ein gesundes Kind. Freuen Sie sich!" Bei Bauermeister selbst war das ganz anders.

Es ist ein milder Wintermorgen, der Himmel grau verhangen, draußen, hinter einer Reihe Birken, grasen Schafe und Ziegen auf der Weide. Der abgelegene Gemeinschaftshof, auf dem Bauermeister Mitgesellschafter ist, betreibt ökologische Landwirtschaft mit Käse, Kräutern und Gemüse, was auf den Märkten im Umkreis verkauft wird. Bauermeister trägt einen weiten Pullover, Handwerkerhosen, eine Mütze. Tee steht auf dem Tisch. Die Stimme klingt hell, aber männlich, was an dem Testosteron liegt, das er seit einigen Jahren jeden Morgen schluckt wie andere Vitamintabletten.

Bauermeister tritt als Mann auf, kleidet sich so, auch wenn er durch Testosteron keinesfalls ein Mann werden will, sondern dem Körper etwas gibt, was er selbst nicht mehr produzieren kann, weil er keine Keimdrüsen mehr hat. Seither fühlt er sich viel besser, ausgeglichener, ruhiger.

Maximiliane Maria Bauermeister wurde im Oktober 1984 in Westberlin geboren. Die Schwangerschaft war kompliziert, das Baby wuchs nicht richtig, wegen unregelmäßiger Herztöne wurde es einen Monat vor dem errechneten Termin per Kaiserschnitt geholt. Sehr leicht, knapp vier Pfund schwer, ansonsten gesund. "Aber es war wohl klar, dass ich kein Junge und kein Mädchen war", erzählt Bauermeister, "mein Geschlechtsteil entsprach nicht der Norm." Wie sah es denn aus? "Ich weiß nicht viel darüber. Es gibt bestimmt Fotos, aber ich habe nie welche gesehen. Ich versuche das alles gerade herauszufinden. Ich hatte eine Art Hautlappen, der nicht viel Ähnlichkeit mit einem Penis gehabt haben soll, und Hodenhochstand. Schamlippen gab es nicht. Mein Chromosomensatz war männlich."

Kurz vor Maxis zweitem Geburtstag begann die Umsetzung des Plans, ein Mädchen aus Maxi zu machen. "Mir wurde aus dem indifferenten Geschlechtsteil eine Scheide gebastelt. Man hat mich zwangskastriert, die Hoden und alles entfernt." Es folgten weitere Operationen, wie viele, weiß Bauermeister nicht genau und auch nicht, was gemacht wurde oder wie es ursprünglich mit dem Pinkeln funktionierte. Als Maxi elf war, wurden Östrogene verschrieben, "weil ich angefangen hatte, mich eher männlich zu entwickeln". Warum sie diese Tropfen nehmen musste, von denen sie jahrelang fast jeden Morgen kotzte, wurde nur vage angedeutet. "Die Stimme, der Busen, die Psyche, alles sollte weiblicher werden." Denn von alleine passierte nichts. Mit den Hormontropfen wuchs der Busen. Der ist nun da, bis heute. Man könnte ihn nur wegschneiden. Dass sie ihre Tage nicht bekam, wurde nicht thematisiert.

Von klein auf hatte Maxi sich geweigert, Mädchenkleidung zu tragen. So lange sie denken kann, verhüllte sie sich in Kapuzenpullovern. Am Strand mochte sie sich nicht umziehen, die Mutter musste stets mehrere Handtücher um sie herumwickeln. Mit Puppen und Prinzessin zu spielen lehnte sie ab. Die Haare trug sie mal kurz, mal in Rastalocken. Dreimal wechselte sie die Schule. "Als ich 13 war, kam ich ins Internat, da blieb ich, bis ich mit der Schule fertig war. Das war schrecklich. Ich wollte bei meinen Eltern sein, aber dort kam ich ja nicht zurecht. Ich habe es nicht infrage gestellt, ein Mädchen zu sein, aber meine Theorie ist, dass ich gemerkt habe, dass etwas mit mir nicht stimmt. Da habe ich nach außen aufgedreht."

Im Internat begann Maxis Punkrock-Phase. Als Punk muss man nicht aussehen wie ein Mädchen. Am liebsten umgab sie sich mit Tieren. Geredet hat sie kaum. Auch nicht mit ihren Eltern, die sie alle vier Wochen sah. Die Eltern aber auch nicht mit ihr. Selbst nicht, als mit 18 jene traumatische Operation anstand. Da wurde ihr von den Ärzten bloß diffus mitgeteilt: Du kannst keine Kinder kriegen, weil du keine Eierstöcke hast. Das ist aber nicht so schlimm. Das Problem haben viele Frauen.

Es gab niemanden, mit dem Maxi über all das sprechen konnte.

Wenn Bauermeister von den Jahren als Mädchen erzählt, ist der Ton ruhig und sachlich. Kein Stocken, kein Weinen, selbst nicht, als von der Operation mit 18 die Rede ist, mit der es keineswegs getan war und die "so richtig eine Katastrophe war". Es kam zu Entzündungen, zwei weitere Eingriffe folgten, danach Jahre schmerzhafter Weitung der künstlichen Vagina mit sogenannten Bougierstäben. Nur manchmal legt Bauermeister eine Pause ein und geht vor die Tür, um eine Zigarette zu rauchen. Oder zur Toilette. Blasenschwäche ist eine andere bleibende Begleiterscheinung des Plans, ein Mädchen zu bauen, als gäbe es dafür eine Montageanleitung.

Man kann sich nur schwer vorstellen, dass Eltern ihr Kind über seine eigene Identität im Dunkeln lassen. Und es mit all diesen Problemen alleine bleibt. Gab es keine Gespräche? "Meine Mutter hat sich irgendwann damit auseinandergesetzt. Für meinen Vater war es von Anfang an nicht leicht, weil er gegen die Operation war und meine Eltern nie zusammen gelebt haben, auch wenn sie mich sonst einvernehmlich erzogen. An ihn komme ich in der Sache noch immer nicht ran." Doch wie konnte die Mutter so lange ignorieren, dass ihr Kind unglücklich war, die Schule ständig wechselte, die Leistungen immer schlechter wurden, kaum Freunde hatte? "Wir können sie fragen. Mittlerweile ist sie auch der Meinung, dass die Operation ein Fehler war."

Bei der Geburt wurde Maxis Mutter von den Ärzten gesagt: "Wir raten Ihnen, das Kind als Mädchen aufzuziehen." Heute lebt Bauermeister, wie er will. © Leon Reindl/ZEIT ONLINE

Zwei Wochen später treffen wir uns mit Christiane Bauermeister. Sie lebt in einer kleinen Souterrainwohnung voller Bücher und Bilder in einer alten Villa am Rande Berlins. Sie ist eine zierliche, elegante Frau: gepudert, roter Lippenstift, Goldringe an den Fingern. Sie ist Slawistin, hat mehrere Reiseführer geschrieben und Radiosendungen gemacht. Die Mutter und Maxi haben heute ein sehr enges Verhältnis.

Christiane Bauermeister erzählt Maxis Geschichte erst einmal detailliert. "Ich war 37, als sie geboren wurde, spätgebärend. Ich hatte oft Blutungen und musste viel in der Klinik liegen. Warum das Kind während der Schwangerschaft schlecht wuchs, war den Ärzten ein Rätsel." Eines Tages wurde ein Ultraschall gemacht und der Arzt sagte: Der Penis ist nicht darstellbar. So schrieb er es auch in den Mutterpass. "Aber was das bedeutet, habe ich irgendwie nicht gefragt. Obwohl da nach der Untersuchung wegen Trisomie 21 auch der Chromosomensatz stand. XY, männlich."

Maxi Bauermeister sitzt aufmerksam auf dem Sofa auf einem mitgebrachten Schaffell, daneben schläft der Hund. Der Tee auf dem Tisch wird langsam kalt.

Als Christiane Bauermeister am vierten Tag nach der Geburt zum Wärmebett auf der Kinderstation kam, war es leer. Dafür hing dort ein Zettel mit der Aufschrift: "Früh- und Mangelgeborenes mit Missbildung. Zwittergenital. Verdacht auf Pseudohermaphroditismus". Eine Schwester sagte: "Das Kind wird gleich im Studiensaal den Studenten vorgeführt." Sie sei hingerannt und habe das verhindert. Den Zettel am Bett verdrängte sie erst mal.

Einen Tag später kam eine Ärztin und sagte: "Wir raten Ihnen, das Kind als Mädchen aufzuziehen, denn es wird niemals im Stehen pinkeln können und niemals ein erfülltes Sexualleben haben." Ein anderer Arzt schlug vor: "Machen Sie Ohrstecker rein, dann wird es als Mädchen groß."

Die Mutter misstraute diesen Ratschlägen. Sie meldete im Standesamt zwar ein Mädchen an, aber sie nahm ihr Kind und fuhr zu den damals führenden Spezialisten quer durch Deutschland, nach München und nach Bonn. Alle Ärzte sagten: Wir raten ihnen dringend zu einer Operation, um dem Kind soziale Ausgrenzung zu ersparen. Doch die Zweifel blieben.

Eineinhalb Jahre später, Maxi besuchte nun einen linksalternativen Kinderladen, fragte dort ein Vater: Was hängt Maxi denn da für ein Lappen zwischen den Beinen? Das war der Moment, in dem sich Christiane Bauermeister doch zur Operation entschloss. "Ich nannte es selbst Läppchen, was Maxi hatte und woraus sie pinkelte.  Aber ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass es sich um einen verkümmerten Penis handelt, wie du immer denkst", sagt sie zu Maxi gewandt. "Ich wollte nicht, dass alle Leute dir immer zwischen die Beine starren, wenn du mal nackt bist."

"Meine Hoden waren da schon aus dem Bauchraum nach außen abgestiegen", antwortet Maxi. "Gesunde Hoden. Ich wäre zeugungsfähig gewesen."

"Davon wusste ich nichts."

"Es steht so in den Akten. Das musst du ja irgendwann gesehen haben."

"Ich habe nichts gesehen. Das war alles so klein."

Je länger Christiane Bauermeister Maxis Geschichte erzählt, desto mehr Lücken tauchen in ihrer Version auf. Sie schweift ab, erzählt davon, wie wild Maxi war, dass sie ihr Kind "schweren Herzens" auf das anthroposophische Internat schickte, weil sie dachte, dass sie in den dort üblichen großen Klassen weniger auffalle. Dass sie nur wollte, dass Maxi glücklich ist.

Doch plötzlich sagt sie: "Ich war zu feige, dir das alles direkt zu sagen. Vieles kann oder will ich nicht erinnern. Ich dachte damals: Mädchen, Mädchen, Mädchen, da müssen wir alles dransetzen. Ich hätte nie gefragt: Wurdest du mal diskriminiert? Bist du unglücklich? Ich wollte, dass alles gut ist. Ich hatte nie den Mut zu sagen: Du bist kein Mädchen. Ich habe dich nur so erzogen. Du bist intersexuell."

"Du wusstest es damals vielleicht selbst nicht so genau", sagt Maxi. "Ich stelle immer wieder fest, wenn ich Fragen zu meiner frühen Kindheit stelle, dass es da so eine Art Blackout gibt."

Die Mutter steht nun auf und holt gerahmte Fotos von ihrem Schreibtisch. Maxi mit acht, in Jeans und mit kurzen Haaren. Ein hübscher Junge. Mit 17, schlafend, die Haare sind etwas länger. Man kann nicht sagen, ob auf dem Bild ein Mädchen oder ein Junge ist. "Gab es mal eine Zeit, in der du eine weibliche Entwicklung bei mir bemerkt hast?", fragt Maxi die Mutter. "Nein. Am allerschlimmsten war der Schulabschlussball. Du musstest Tanzstunden nehmen und ein Kleid und hohe Schuhe tragen. Da habe ich gemerkt, dass das völlig falsch aussieht. Es war ein Wendepunkt, ich habe langsam angefangen, mich mit dem Thema auseinanderzusetzen. Sehr langsam."

Es ist ein sehr intimer Moment zwischen Mutter und Kind, in dem aber auch deutlich wird, in welchen Vorwürfen sie sich in der Vergangenheit verheddert haben und wie oft die Rede von Schuld, Reue, Versagen, Verantwortung, Fehler, Hilflosigkeit gewesen sein muss. Wie schwierig es war, als all dies zur Sprache kam und damit plötzlich alles infrage stand: das eigene Ich. Und es ist beeindruckend, dass die beiden so offen miteinander darüber reden können. So liebevoll.

In Selbsthilfegruppen erfuhr Bauermeister endlich, dass er nicht alleine auf der Welt ist. © Leon Reindl/ZEIT ONLINE

Das Wort Intersexualität hörte Christiane Bauermeister zum ersten Mal in einer Kunstausstellung über Geschlechter. Das war 2005, Maxi war 20. Beim Betrachten der Werke ging der Mutter auf, was den Kindern und auch ihrem Kind angetan wurde. "Es wurden Bilder von zerstörten Vaginas, zerstörten Penissen gezeigt", sagt sie. "Selbstbildnisse von Betroffenen, die von der Gesellschaft als abnormal abgestempelt wurden."

Bei einer Weihnachtsfeier des Deutschen Akademischen Austauschdiensts, zu der sie bald darauf eingeladen war, traf Bauermeister den ebenfalls anwesenden Jeffrey Eugenides. Sie erzählte ihm, dass sie auch so ein Kind hat wie das in seinem Buch. "Ich habe es noch einmal gekauft und signieren lassen." Sie steht wieder auf, zieht Middlesex aus einem Regal und klappt es auf. Dort steht: "To Maxi".

2007 lief ein Dokumentarfilm über einen intersexuellen Menschen auf der Berlinale, "und meine Mutter schlug vor, dass wir zusammen hingehen", fährt Maxi fort. "Das war heftig. Alles, worüber ich nie geredet hatte, gab es in Bildform. Ich habe nur geheult, dreieinhalb Stunden, so lang war der Film, und war emotional so richtig bedient. Nach dem Film gab es eine Podiumsdiskussion mit der österreichischen Hauptperson, und die hat erzählt, dass es Selbsthilfegruppen in Deutschland gibt. Da bin ich kurz danach dann auch hingefahren."

"Aber erst hast du noch etwas anderes gemacht", unterbricht die Mutter. "Du bist nach dem Film aufgesprungen und hast gerufen: Ich bin auch intersexuell. Das Wort wurde damals noch nicht häufig benutzt. Man redete von Hermaphroditismus." Auch Christiane Bauermeister weinte während des Films, und als sie davon erzählt, kommen ihr wieder die Tränen. "Das war so toll, dass Maxi aufgestanden ist und sich bekannt hat. Es war eine unheimliche Erleichterung für uns beide, weil man jetzt alles offen aussprechen konnte."

In den Selbsthilfegruppen, die Maxi nach dem Film aufsuchte, erfuhr Bauermeister endlich, dass er nicht alleine auf der Welt ist, dass es andere Intersexuelle gibt. "Hier begann mein Heilungsprozess. Mit anderen Betroffenen zu reden, ist die beste Hilfe." Bauermeister ist Mitte 20, als die Erkenntnis da ist: Ich bin gar kein Monster.

Christiane Bauermeister sagt, dass sie erst seit vier Jahren über Maxis Schicksal sprechen kann. Mittlerweile engagiert sie sich aktiv in Verbänden und Vereinen und berichtet auf Tagungen und Veranstaltungen. "Es ist bereichernd zu sehen, wie jüngere Eltern mit Intersex-Kindern umgehen. Ich habe eine Bekannte, die ist in die Schule gegangen, hat mit der Lehrerin geredet und die haben dann die ganze Klasse aufgeklärt. Und die Kinder hat das gar nicht groß interessiert. Es war kein Problem. Ich bin nur gespannt, wie es in der Pubertät wird, die steht noch bevor. Aber die Gesellschaft ist auf dem richtigen Weg."

In seiner Kindheit und Jugend fühlte sich Maxi Bauermeister oft alleine. Trost fand er immer bei Tieren. © Leon Reindl für ZEITmagazin ONLINE

Ist sie das wirklich? Vielleicht kann Ulrike Klöppel diese Frage beantworten. Sie ist Psychologin und Geschlechterforscherin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität in Berlin und eine der führenden Expertinnen Deutschlands auf dem Gebiet der medizinischen Behandlung von Intersexuellen und dem Umgang der Politik damit. Geschlechtszuweisende Genitaloperationen an Kindern werden seit den 1970er-Jahren vorgenommen und sind mittlerweile höchst umstritten. Wir verabreden uns zum Gespräch in einem Café in der Nähe ihrer Wohnung.

"Der medizinische Umgang mit intergeschlechtlichen Menschen ist bis über das Jahr 2000 hinaus sehr gewaltvoll gewesen", sagt Klöppel. "Menschen, deren Genitalien als uneindeutig angesehen wurden, bezeichnete man als monströs. Diese Vorstellung prägt bis heute die Wahrnehmung geschlechtlicher Uneindeutigkeit. Bemerkenswert finde ich, wie die Medizin intergeschlechtliche Menschen zum Problem erklärt hat. Nach und nach hat sie die Kontrolle über eine Angelegenheit der gesellschaftlichen Ordnung an sich gezogen. Medikalisierung nennt man das."

Zwar behaupteten manche Ärzte, es habe bereits ein Paradigmenwechsel in Bezug auf kosmetische Genitaloperationen im Kindesalter stattgefunden, "doch wenn man mit intergeschlechtlichen Menschen über ihre Erfahrungen aus der Elternberatung spricht, zeigt sich ein ganz anderes Bild."

Der Anteil derjenigen, die sagen, das ist das Schlimmste, was es gibt und was ihnen angetan wurde, steigt ständig.
Ulrike Klöppel, Geschlechterforscherin am Institut für Europäische Ethnologie der Humboldt-Universität in Berlin

Die Ergebnisse von Klöppels aktueller Studie lassen sich folgendermaßen zusammenfassen: Die Zahl der Intersex-Diagnosen sank zwischen 2005 und 2014, aber die Varianten von Befunden zu veränderten Geschlechtsorgane blieben gleich oder wurden mehr. Traditionelle Diagnosen wie echter Hermaphroditismus (Vorhandensein von Hoden- und Eierstockgewebe bei einer Person) und Pseudo-Hermaphroditismus (Vorhandensein ungewöhnlich geformter Geschlechtsteile) werden also seltener gestellt. Vielleicht liegt es an den Fortschritten in der genetischen Analyse und in Hormontests, die zu den Verschiebungen der Syndrome geführt haben. Doch womöglich werden die Operationen einfach anders begründet, jetzt, wo sie kritisiert werden. Denn abgenommen hat die Häufigkeit genitalplastischer Eingriffe an Kindern unter zehn Jahren nicht. Zwischen 2005 und 2014 fanden durchschnittlich 1.729 davon pro Jahr statt.

Klöppel sitzt im Beirat der deutschen Sektion der Organisation Intersex International (OII). Aus der Selbsthilfe hört sie viel öfter als noch um das Jahr 2000 kritische Stimmen zu den Operationen. Aber nicht nur, weil neue Leute nachgekommen sind, "sondern weil viele ganz anders angefangen haben, über sich nachzudenken und im Austausch mit anderen den Mut fassen, darüber zu sprechen. Sie müssen sich dabei mit der Rolle ihrer Eltern kritisch auseinandersetzen. Das fällt vielen nicht leicht. Aber der Anteil derjenigen, die sagen, das ist das Schlimmste, was es gibt und was ihnen angetan wurde, steigt ständig."

Man muss den Eltern die Möglichkeit geben, Intergeschlechtlichkeit positiv sehen zu lernen.
Maxi Bauermeister

Der UN-Ausschuss gegen Folter und Amnesty International kritisieren diese Operationen ebenfalls seit einigen Jahren und fordern das Verbot der kosmetischen Genitaloperationen an Kindern. Malta ist das erste und einzige Land der Welt, in dem dies seit 2015 der Fall ist. Man muss sich die Logik der Begründung für die Eingriffe noch einmal durch den Kopf gehen lassen: Babys mit uneindeutigem Geschlecht sollen krank sein, und zwar so krank, dass eine Beschneidung oder Geschlechtsanpassung unvermeidlich ist. Medizinisch gesehen stimmt das nicht.  Gesellschaftlich gilt in anderen Zusammenhängen genau das als Verstümmelung, beispielsweise die in manchen Ländern praktizierte Genitalverstümmelung von Mädchen. Vor einigen Jahren löste das Urteil des Kölner Landgerichts, das die rituelle Beschneidung eines minderjährigen Jungen als Körperverletzung einstufte, eine heftige Debatte aus.

Maxi Bauermeister würde sich nie als Kranken bezeichnen. "Intersex ist keine Sache der Ärzte allein. Der Verein für Intersexuelle Menschen bietet inzwischen Peer-Beratung an. Da fahren ausgebildete intersexuelle Menschen und ihre Eltern in Zweierteams zu Eltern mit einem intersexuellen Neugeborenen und klären sie auf. Einige Krankenhäuser weisen inzwischen auf diese Beratung hin", sagt Bauermeister. Es gebe auch regelmäßige Treffen für Eltern und Kinder, "denn man muss den Eltern die Möglichkeit geben, Intergeschlechtlichkeit positiv sehen zu lernen, nicht als etwas, was behandelt werden muss". Und man müsse ihnen die Angst vor Diskriminierung nehmen. Dann erst könnten sie auch ihre Kinder darin unterstützen. "Es geht darum, sich zu vernetzen und dass die Kinder miteinander spielen und aufwachsen und von Anfang an wissen, dass sie nicht allein sind. Das gibt mir Hoffnung."

"Ich bin auch noch lange nicht mit mir im Reinen", sagt Bauermeister, aber er will seine Geschichte verstehen – auch wenn das ein Leben lang dauert. © Leon Reindl/ZEIT ONLINE

Maxi Bauermeister wird nie wissen, wie das Leben verlaufen wäre, wenn es die Operation nicht gegeben hätte. Offiziell hat Bauermeister zurzeit gar kein Geschlecht. Es ist schon seit 2013 möglich, in der Geburtsurkunde einen Nichteintrag zu bekommen, also weder weiblich noch männlich. Auch der Name ist geändert: Maximiliane Maria ist weg, es gibt nur noch Maxi. "Ich habe mir schon überlegt, dass ich nun sagen könnte: Hallo, ich bin die dritte Option. Aber das ist ja Quatsch. Davon will ein Kunde auf dem Wochenmarkt, der bei mir Kartoffeln kauft, ja gar nichts wissen."

Bauermeister handhabt seine Uneindeutigkeit so offen wie möglich. Er geht zum Beispiel sehr gerne in die Sauna. "Dort benutze ich die weibliche Umkleide, da blicken die Leute oft irritiert und sagen: Hier sind Sie falsch, junger Mann. Ich stehe mittlerweile über solchen Kommentaren. Ich sage dann: Wenn ich mich nackt ausziehe, sehe ich aus wie eine Frau. Ich bin weder Mann noch Frau. Für mich gibt es keine Umkleidekabine. Sagen Sie mir, wohin ich gehen soll." Inzwischen nimmt er sogar Broschüren vom Verein mit und gibt sie aus.

Es gibt Intersexuelle, die da weniger gelassen sind. Sie bestünden auf eine neutrale Anrede, sagt Maxi, untereinander sprechen sie sich mit "es" an oder mit "hen", dem geschlechtsneutralen Pronomen, welches es im Schwedischen gibt und etwas wie "dazwischen" bedeutet. Oder sie hängen ein -ix an den Vornamen. Michaelix. Oder Annix. Andere Intersexuelle erfahren aber häufig noch viel später als Bauermeister und meist zufällig die Wahrheit über sich. Das ist traumatisierend. Es gibt Selbsthilfegruppen, in denen sitzen verheiratete Frauen, also offiziell, deren Männer nicht den geringsten Schimmer vom tatsächlichen Geschlecht ihrer Gattin haben.

"Ich bin auch noch lange nicht mit mir im Reinen", sagt Bauermeister, "ich glaube, das wird mein Leben lang ein Thema sein. Aber das ist gut so. Ich fühle mich wirklich dazwischen, ich habe beides in mir, Mann und Frau." Seit Kurzem nimmt Bauermeister an einer Studie der Universität Lübeck teil, "um eine gesicherte Diagnose zu bekommen. Ich will wissen, warum ich so geworden bin, wie ich bin". Ein erfülltes Sexualleben, das laut den Ärzten ohne eine Operation nicht möglich gewesen wäre, ist auch mit der Operation problematisch. Partnerschaften macht das nicht leichter. Bauermeister hat immer wieder mal eine Beziehung geführt, aber bisher war es auf Dauer "für die Beteiligten letztlich jedes Mal zu schwierig".

Seit der Urteilsverkündung des Bundesverfassungsgerichts sind mehr als zwei Monate vergangen und nach einem Neuanfang fühlt sich bisher gar nichts an. Der für die Umsetzung des Urteils zuständige Bundesinnenminister Thomas de Maizière zögert mit einer grundlegenden Reform. Für Maxi Bauermeister ist es dennoch ein großer Schritt: "Es ist schon sehr gut mit dieser dritten Option. Endlich gibt es etwas, worauf man sich beziehen kann. Wenn ich früher etwas zu meinem Geschlecht gesagt habe, hatten die Leute oft noch nie etwas davon gehört. Es ist wichtig, dass die Gesellschaft wahrnimmt, dass es mehr gibt als Mann und Frau."

Eine alte Schulfreundin von Maxi ist in diesen Tagen Mutter geworden, Bauermeister soll Pate werden und überlegt gerade, wie man sich dann am besten nennt. Tonkel? Tanke? "Nur durch offenen Umgang kann man etwas ändern", sagt Bauermeister. Bisher hat Maxi mit seiner Offenheit gute Erfahrungen gemacht. In seinem brandenburgischen Dorf wissen es alle. Allerdings stehen dort nur sieben Häuser. Doch es ist ein Anfang.

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