© Astrid Doerenbruch/plainpicture

Dating Männer, die in Kaffees pusten

Der Mann fürs Leben muss die richtige Haltung haben, das gilt für die Kaffeetasse ebenso wie für die Politik. Aber wie viel Schnittmenge braucht man mit einer Affäre? Von
Aus der Serie: Es ist kompliziert

Zwar sind mehr als 60 Prozent aller Singles zufrieden mit ihrem Leben, jedoch nur zehn Prozent davon sind überzeugte Singles. Was auf der Suche nach dem richtigen Partner alles passieren kann, davon erzählen unsere beiden Single-Kolumnistinnen in der Serie Es ist kompliziert.

Es ist ein strapaziertes Klischee, wenn es es ums Daten geht: Gegensätze ziehen sich an. Aber wie viel Gegensatz sorgt für Anziehung und Spannung und wie viele Unterschiede sind zu viel und machen alles nur kompliziert? Ab wann darf ich überhaupt entscheiden, welche mir ferne Eigenheit eines Mannes mir schon bei der ersten Verabredung zu viel wird und bei welcher es sich lohnt, über sie hinwegzusehen? Und was ist eigentlich, wenn es schon beim ersten Kaffeetrinken schwierig wird?

Vielleicht muss ich als Singlefrau Mitte 30 ja über Kleinigkeiten hinwegsehen, um meine Chancen auf Zweisamkeit zu wahren. Noch so ein Allgemeinplatz, den ich in den vergangenen Jahren häufiger gehört habe, wenn meine Gesprächspartner erfuhren, dass ich noch nicht den Kredit für die gemeinsame Eigentumswohnung mit Mr. Right abgeschlossen habe: Sei nicht zu anspruchsvoll.

Der Satz wirft mich immer zehn Jahre zurück zu einer Verabredung mit Mitte 20. Es war ein Blind Date, mein erstes und bis heute letztes. Wir verabredeten uns an einem Sonntagnachmittag zum Kaffee. Der erste Eindruck war okay, nicht überwältigend, aber ich wollte optimistisch sein. Nach dem ersten Schluck Kaffee wäre ich aber am liebsten gegangen. Meine Verabredung hatte sich an dem heißen Kaffee verbrannt. Kann passieren, allerdings regte er sich in weinerlichem Ton endlos darüber auf. Und dann befühlte er noch ständig seine Lippe, ob sie womöglich geschwollen sei.

War es übertrieben, dass ich da schon genervt war und danach auch noch von seinem Herumgepuste? Ich bin trotzdem nicht gegangen, es hätte ja nur eine Kleinigkeit sein können, die doof ist, aber nicht weiter stört. War nicht so, leider. Wir steckten noch eine Stunde in einer Konversation fest, die sich erstaunlich oft wieder um diesen Kaffee drehte, der irgendwann kalt war, was sonst. Natürlich hörten wir nie wieder voneinander. Vermutlich hat er seinen Freunden erzählt, wie verständnislos und hart ich war, im Gegensatz zu ihm.

Zehn Jahre und einige Verabredungen später habe ich mehr Langmut entwickelt. Vermutlich nicht in der konkreten Situation, der Kaffee würde mich immer noch wahnsinnig machen, aber ich erwarte von einer Verabredung nicht mehr, dass sie mir innerhalb einer halben Stunde verrät, was daraus werden kann. Der erste Eindruck von mir ist schließlich auch nicht perfekt. Also verabschiede ich mich nicht innerlich schon vom Date, wenn jemand einen Pullover in der falschen Farbe trägt oder gerne angelt.

Klar sind das genau die Oberflächlichkeiten, vor denen Dating-Ratgeber warnen. Ich möchte auch nicht, dass mich jemand ablehnt, nur weil ich keine hohen Schuhe trage. Doch die Summe aller Details macht einen Menschen nun mal aus. Wenn die Schnittmenge zu klein ist, kann man mir zigmal erzählen, dass sich Gegensätze anziehen – ich glaube es einfach nicht. Nicht ohne Grund enden ausnahmslos alle romantischen Komödien mit dem ersten Kuss. Der erste Streit darüber, warum die falsche Butter gekauft wurde, kommt bestimmt. Aber ist ja nur eine Kleinigkeit. Hoffentlich.

Ach, Philip

Philip und ich sind im Hier und Jetzt noch lange nicht so weit, dass wir uns wegen Zahnpasta oder offenstehender Schranktüren anmaulen würden. Vielleicht bleibt es die Affäre, die es gerade ist und hat gar kein Chance, etwas anderes zu werden, vielleicht ist das hier ja auch gerade das perfekte Dating-Stadium: Wir kennen uns schon gut genug, um uns angenehm nah zu sein und ein paar Macken des anderen – Heißgetränke sind zum Glück kein Problem – wahrzunehmen. Aber wir kennen uns noch nicht gut genug, um alltäglich miteinander umzugehen. Es ist spannend und aufregend – und ich möchte das manchmal genau so festhalten und nichts anderes daraus werden lassen.

Dann kommt der Abend, an dem wir bei mir auf dem Sofa sitzen und über Politik streiten. Es ist nicht wie an unserem ersten Date, als ich ob seiner konservativen Ansichten lächeln musste und er mich bewusst mit steilen Thesen provozierte. Denn jetzt kenne ich ihn gut genug, um zu sehen, dass er wirklich hinter mancher seiner überspitzten Formulierungen steht. Und er merkt, dass ich nicht mehr echt lächele: weil ich einfach nicht verstehen kann, dass wir in manchen grundsätzlichen politischen Fragen so weit auseinander sind. Einen Moment lang denke ich, das war es jetzt, das ist der Punkt, an dem der Gegensatz nicht anzieht, sondern abstößt, auch wenn vieles andere stimmt.

An diesem Abend will ich keine Antwort auf diese Frage finden. Ich bremse mich in meinen Argumenten, irgendwann hören wir einfach auf zu reden, Philip küsst mich, ich lasse mich gern küssen, eine bessere Ablenkung als Sex gibt es nicht. Die Summe aller fehlenden Kleinigkeiten ist mir gerade total egal. Ich bin entschlossen, sie noch ein bisschen auszuhalten – die Ungewissheit, wohin uns die Gegensätzlichkeit führt.

Kommentare

297 Kommentare Seite 1 von 23 Kommentieren