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Frauen Unter Bienenköniginnen

Man muss auch gönnen können. Nur können Frauen das nicht so gut. Wenn es um die Erfolge der anderen geht, nagt an ihnen immer nur die eine Frage: Warum sie und nicht ich? Von

Ob Männer oder Sonnenliegen, bei beidem wird aus Missgunst gern um die Besitzstandswahrung gestritten, zumindest unter Frauen. Über die Sonnenliegen in bester Lage kommt ein Handtuch, über die Männer werfen Frauen ihren Alleinstellungsanspruch. Sowohl über Männer, mit denen sie mal zusammen waren, als auch über zukünftige Kandidaten. Sie den anderen Frauen auch gönnen, das können sie oft nicht.

Nicht mein Klischee, nicht mein Problem. Das habe ich fast mein ganzes Leben lang gedacht. Die, die so rivalisieren und dabei die anderen insgeheim als nicht konkurrenzwürdig abwerten, das sind die anderen. Die, die andere Frauen für ihren zur Schau gestellten Körper runtermachen, für zu viel Make-up oder zu wenig Anstand. So bin ich nicht, dachte ich. Bis ich begriff, dass allein schon dieser Gedanke knirscht wie Sand zwischen den Zähnen. Denn ich verglich mich eben doch – und kam dabei besser weg als die anderen.

Leider gibt es da keine Grenzen. Der einen neiden wir das makellose Antlitz oder die geschmackvolle Wohnung, der anderen ihren tollen Job. Es gibt keinen Aspekt unseres Lebens, der nicht davon betroffen wäre. Statt aufrichtiger Bewunderung für das, was sie erreicht haben, lösen diese Frauen meist nur eine Frage aus: "Warum sie und nicht ich?" Und diese Frage ist der Ausgangspunkt einer gnadenlosen Fahndung nach Unvollkommenheiten. Irgendetwas wird sich doch finden.

Nur zehn Prozent der Frauen möchten lieber eine Chefin als einen Chef haben.

Wird eine Frau Bundeskanzlerin, zerpflücken wir ihre Kinderlosigkeit und ihren neutralen Stil. Zeigt die Schauspielerin Emma Watson auch nur den Ansatz ihrer Brüste, wird ihr Zusammenarbeit mit dem Feind vorgeworfen. Finden Tausende von Frauen im Rahmen von #MeToo den Mut, über sexuelle Belästigung und Gewalt zu sprechen, folgen manche von uns Catherine Deneuve und ihren Kolleginnen in die "Freiheit, jemandem lästig zu werden". Selbst im allergrößten Hype um Stars wie Britney Spears oder Taylor Swift ahnen wir den Absturz immer schon im Voraus. Haben Freundinnen überraschend Glück in der Liebe oder im Spiel, kann schnell Schluss sein mit der Seelenverwandtschaft.

Wollen Frauen es trotzdem allein nach oben schaffen, sind sie meistens dazu gezwungen, die Ellenbogen auszufahren. Stutenbissigkeit nennt man das dann gern, und das Wort ist so hinterhältig wie das Programm selbst. Denn es zieht, gerade von Männern ausgesprochen, Konflikte zwischen Frauen ins Lächerliche und verharmlost das eigentliche Problem.

Leider ist es längst nicht nur ein Gerücht, dass Frauen sich beruflich gegenseitig eher im Wege stehen, als sich gegenseitig zu fördern. Kürzlich veröffentlichte Henry Markovits, Professor der Psychologie an der Université du Québec à Montréal, eine Studie, die das männliche und weibliche Kooperationsverhalten am Arbeitsplatz behandelt. Sie belegt, dass Frauen mit hohem beruflichen Status weniger bereit sind, in die Beziehungen zu ihren rangniederen Kolleginnen zu investieren als Männer. Während die Männer im Rahmen der Studie großzügig Lob an andere Männer verteilten, neigten die Frauen dazu, das eher für sich zu behalten.

Warum sie sich verhielten wie Bienenköniginnen, die keine andere neben sich dulden, darüber können auch Wissenschaftler nur spekulieren. Zumindest aber lässt sich so die Tatsache erklären, warum laut der Gesellschaft für Konsumforschung nur zehn Prozent der Frauen lieber einen weiblichen Chef hätten – und 40 Prozent einen männlichen.

Der niederländische Sozialpsychologe Abraham P. Buunk beschreibt in seiner Studie "Sexueller Wettkampf bei der Arbeit: Geschlechtliche Unterschiede von Neid und Missgunst am Arbeitsplatz", wie sehr sexuelle Konkurrenz Frauen im Gegensatz zu Männern im Job beeinflusst. Frauen sind ständig damit beschäftigt, sich zu vergleichen, Männer können sich dereweil um anderes kümmern. Woher das kommt? Aus der Kindheit. Die Psychologin Felicitas Heyne erklärt: "Eltern neigen bei ihren Töchtern verstärkt dazu, Aggressivität zu unterdrücken und bei ihren Söhnen eher zu tolerieren. So können Mädchen einen offensiven Umgang mit Konkurrenz gar nicht erst lernen, sondern müssen subtilere Wege finden, sie zum Ausdruck zu bringen." Es ist wie mit allen unterdrückten Gefühlen: Je mehr wir sie in den Untergrund drängen, desto mehr wollen sie da raus. Also setzen wir uns gegenseitig herab, tuscheln und intrigieren.

Die männliche Geringschätzung der Frau ist Teil des weiblichen Selbst geworden.

Erst vor etwa 55 Jahren wurde es Frauen in Westdeutschland gestattet, ein eigenes Bankkonto zu eröffnen, erst seit rund 40 Jahren dürfen sie ohne die Erlaubnis ihres Gatten arbeiten – ein Wimpernschlag im Vergleich zu der Zeit, da Frauen komplett von Männern kontrolliert wurden. Wen wundert es, dass wir diese Abhängigkeit internalisiert haben und uns gefällig machen. Bis heute. "Dass Frauen dazu in der Lage sind, auch unabhängig vom Mann an Ressourcen zu gelangen, ist zeithistorisch eine sehr neue Entwicklung, die sich noch gar nicht in unseren Genen abgebildet haben kann", sagt Felicitas Heyne. Folglich erlebt sie in ihrer Praxis immer wieder beruflich höchst erfolgreiche Frauen, die das Gefühl haben, auf gesamter Linie versagt zu haben, wenn es nicht klappen will mit den Männern.

Wie viel mehr es den Frauen schon immer brachte, sich mit Männern zu verbünden statt mit Frauen, beschreibt die Psychologin Sandra Konrad in ihrem Buch Das beherrschte Geschlecht – Warum sie will, was er will. Denn Allianzen schmiede man mit den Mächtigen. "Die Frau will gefallen, sie will geliebt und begehrt werden – aber je weniger Wert sie sich selbst beimisst, desto abhängiger wird sie von der Bewertung der anderen", führt Konrad aus. "Daher sitzt die Frau in der Falle. Sie sieht auf sich selbst aus einer männlichen Perspektive, die ihre Unterlegenheit immer schon voraussetzt: Die männliche Geringschätzung der Frau ist Teil des weiblichen Selbst geworden." Das ist das Dilemma: Wo unser Wert gefühlt am Mann hängt, da müssen wir unsere Konkurrentinnen bekämpfen und niedermachen, um uns selbst besser zu positionieren.

Doch so lange Unterdrückte damit beschäftigt sind, sich gegenseitig ein Bein zu stellen, können sie den Mächtigen nicht gefährlich werden. Dieser Mechanismus macht uns schwach. Lächerlich. Und einsam. Was aber sollen wir tun, wenn gesellschaftliche Veränderungen sich so quälend langsam manifestieren? Wenn es ganze Generationen dauern wird, bis wir einander die Freundinnen sein können, die wir sein wollen? "Sich selbst beobachten", rät Felicitas Heyne. "Und sich fragen: Was bekämpfe ich da eigentlich in der Anderen? Meist ist das unser 'Schatten', wie C. G. Jung ihn nannte – Persönlichkeitsanteile, die ich an mir selbst nicht leiden kann oder deren Ausleben ich mir nicht gestatte."

Statt also andere Frauen für ihre ausschweifende Sexualität, ihren beruflichen Erfolg, ihre strahlende Schönheit zu diffamieren, sollten wir sie nutzen, um etwas über uns selbst zu lernen. Als Entwicklungshilfe, gewissermaßen. Ganz ohne Handtücher und Missgunst. In Wirklichkeit ist nämlich genug für alle da.

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