Schwangerschaftsabbruch "Frauen entscheiden, ob ein Mann Vater wird oder nicht"

Bei nur einem Drittel aller Schwangerschaftskonfliktberatungen sind Männer dabei. Das hat mit Ohnmachtsgefühlen und Scham zu tun, sagt der Sozialpädagoge Sören Bangert. Interview:

Derzeit wird im Bundestag wieder über die rechtliche Grundlage von Schwangerschaftsabbrüchen diskutiert. Wir widmen diesem Thema deshalb einen Schwerpunkt auf ZEIT ONLINE

ZEITmagazin ONLINE: Herr Bangert, laut Statistischem Bundesamt gibt es jährlich rund 100.000 Schwangerschaftsabbrüche in Deutschland. Was schätzen Sie: Wie viele davon geschehen ohne Wissen des Partners?

Sören Bangert: Ich würde schätzen, vielleicht zehn Prozent. Aber damit weiß man noch nicht, was für Männer das sind. Denn in den meisten Fällen ist es sicherlich nicht der feste Partner, dem das verheimlicht wird, sondern es sind Affären oder One-Night-Stands, bei denen sich die Frauen sagen: Was soll ich denn jetzt mit dem diskutieren? In einer bestehenden Partnerschaft kommt es selten vor, dass ein Abbruch verschwiegen wird.

ZEITmagazin ONLINE: Haben Sie schon mal mit einem Mann zu tun gehabt in Ihren Beratungen, der zu spät davon erfahren hatte und darunter litt?

Bangert: Ich bin jetzt seit 16 Jahren bei Pro Familia in Köln. Ungefähr ein Drittel der Beratungen, die wir machen – 2017 waren es rund 1.200 –, sind Schwangerschaftskonfliktberatungen. Und ich kann mich an keinen einzigen Fall erinnern, bei dem ein Mann alleine erschien und Redebedürfnis hatte, weil seine Partnerin heimlich abgetrieben hatte.

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ZEITmagazin ONLINE: Haben Männer generell weniger Gesprächsbedarf als Frauen?

Bangert: Frauen finden schnell passende Beratungsstellen, das ist für Männer viel schwieriger. Das liegt tatsächlich aber auch daran, dass die Nachfrage sehr gering ist. Männer haben meistens einfach andere Bewältigungsstrategien. Ob die nun glücken oder nicht, sei mal dahingestellt. Männer machen sehr viel mit sich selbst aus, aus dem Gefühl heraus: Das muss ich selbst hinkriegen.

ZEITmagazin ONLINE: Wenn Sie Männer und Frauen zusammen in Ihren Schwangerschaftskonfliktberatungen erleben: Spüren Sie oft große Uneinigkeiten wegen dieser Entscheidung?

Bangert: Die gemeinsam getroffene Entscheidung überwiegt. Aber es gibt auch Paare, die sich an entgegengesetzten Polen befinden. Da ist die Konstellation häufiger so, dass Frauen sich vorstellen können, ein Kind zu bekommen, und Männer finden, dass es noch zu früh ist. Die umgekehrte Situation ist selten: dass sich die Frau, etwa aus beruflichen Motiven, gegen ein Kind entscheidet und der Mann eigentlich dafür wäre.

ZEITmagazin ONLINE: Wie oft kommen Frauen denn überhaupt gemeinsam mit ihren Partnern zu Ihnen?

Bangert: Grundsätzlich sind Männer nur bei einem Drittel der Beratungen dabei. Bei zwei Dritteln sehen wir nur die Frauen, die wir natürlich danach fragen, wie das so ist mit dem Partner. Bei dem einen Drittel, wo die Männer mitkommen, sind es dann wiederum 15 bis 20 Prozent, die sich uneinig sind. Das reicht von völliger Ablehnung bis hin zu "Okay, ich kann damit leben – aber ich würde es anders entscheiden".

ZEITmagazin ONLINE: Wie erleben Sie das in Ihrer Rolle als Berater? Üben Männer, die das Kind nicht wollen, Druck aus auf die Frauen, die eigentlich wollen?

Bangert: Rechtlich ist es so, dass die Frau darüber entscheidet, das Kind auszutragen oder nicht. Es ist ihr Körper, und wenn es keine gemeinsame Entscheidung gibt, dann muss sie eine treffen, und das kann tatsächlich nur die Frau. Es ist immer wichtig, das noch einmal zu benennen, obwohl es für Männer eine Ohnmachtssituation bedeutet. Sie können versuchen, die Frau von ihrer Position zu überzeugen – aber letzten Endes wird die Frau darüber entscheiden, ob dieser Mann Vater wird oder nicht.

ZEITmagazin ONLINE: Ist das für Männer eine besonders schwierige Situation? Für viele dürfte das Gefühl der Ohnmacht stark mit ihrem Selbstbild kollidieren.

Bangert: Absolut. Wenn ein Mann gegen seinen Willen Vater wird, ist das Gefühl der Ohnmacht extrem groß, denn sein Leben wird sich komplett verändern. Für Männer ist es auffällig schwer, eine solche Ohnmacht auszuhalten. Sie merken, dass sie in ihrer Handlungsfähigkeit total eingeschränkt sind.

ZEITmagazin ONLINE: Wissen Sie, wie viele Beziehungen wegen einer Abtreibung scheitern?

Bangert: Wie will man das erfassen? Man müsste ja alle Paare nach einigen Jahren noch mal fragen, ob sie noch zusammen sind. Eine Abtreibung ist immer eine Belastung für eine Beziehung, weil das viel mit Schuldgefühlen, mit Ohnmacht und Macht zu tun hat. Es hat auch mit der Frage zu tun, wer was in einer Beziehung entscheidet. Viele Frauen tun sich schwer mit einer Entscheidung gegen den Willen ihres Partners.

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