Schwangerschaftsabbruch Meine Zukunft gehört mir

Vor rund 50 Jahren haben in Deutschland die ersten Frauen für ihr Recht auf einen Schwangerschaftsabbruch demonstriert. Warum gilt der Eingriff noch heute als Stigma? Von

Derzeit wird im Bundestag wieder über die rechtliche Grundlage von Schwangerschaftsabbrüchen diskutiert. Wir widmen diesem Thema deshalb einen Schwerpunkt auf ZEIT ONLINE

Weder die Zeit noch der Mann passten, meine Mitbewohnerin war Anfang zwanzig und Studentin. Und sie war ungewollt schwanger geworden. Anfang der Siebzigerjahre mussten wir nach Amsterdam in eine Klinik fahren, damit sie die Schwangerschaft abbrechen konnte. In der Bundesrepublik Deutschland war ein Schwangerschaftsabbruch noch illegal: gesetzlich verboten seit 1871 und als Straftat im Paragraf 218 Strafgesetzbuch geächtet. Im Nachbarland dagegen gab es professionelle medizinische Hilfe und keine inquisitorischen Fragen. Hier musste man sich nicht schämen.

Im Sommer 1971 war es auch in Westdeutschland mit der Scham vorbei. Auf dem Titel des Magazins Stern zeigten prominente und unbekannte Frauen ihr Gesicht und bekannten: "Wir haben abgetrieben!" 374 Frauen behaupteten damals öffentlich, in Deutschland gegen geltendes Recht verstoßen zu haben. Die Französinnen hatten es uns mit dem Manifest der 343 Schlampen im Magazin Le Nouvel Observateur vorgemacht, Simone de Beauvoir hatte darin einen feministischen Text zum Frauenrecht auf Schwangerschaftsabbruch verfasst.

Zwar machte die seit 1961 verfügbare Antibabypille es für Frauen bedeutend leichter, Fortpflanzung und Sexualität zu trennen. Doch unsere Parolen "Kinder oder keine – entscheiden wir alleine!" oder "Mein Bauch gehört mir!" brachten auf den Punkt, was die zweite Frauenbewegung forderte: die Handlungsmacht über den eigenen Körper, um selbstbestimmt leben zu können – ob allein oder in einer Kommune, in einer wilden Ehe oder als Ehefrau.

Man muss sich das heute mal vorstellen: Verheiratete Frauen erhielten erst nach breiten Protesten im Jahr 1977 das Recht, ohne die Erlaubnis ihres Ehemanns ein eigenes Konto zu eröffnen und eine Arbeitsstelle anzunehmen. Beim Thema Schwangerschaftsabbruch jedoch sprechen der Staat und die Kirchen dem weiblichen Teil der Bevölkerung weiterhin die volle Mündigkeit ab, bis heute.

Damals hatten wir die Fristenlösung gefordert: Bis zur zwölften Woche sollte jede Frau frei ihre Gewissensentscheidung treffen können. Das Bonner Parlament folgte 1973 dem Vorschlag, jedoch legten fünf CDU-regierte Länder Verfassungsbeschwerde ein, weil ihnen der Schutz des ungeborenen Lebens nicht weit genug ging. Es mussten noch 22 Jahre vergehen, bis 1995 die heute noch gültige Fassung des Paragrafen 218 verabschiedet wurde, erzwungen durch die Wiedervereinigung.

In der DDR hatte die Fristenlösung gegolten, die aber bundesweit nicht durchzusetzen war. Am Ende verloren die Ostfrauen ein Stück Autonomie und bewahrten uns Westfrauen vor einem restriktiveren Gesetz.

Dieser Kompromiss gilt bis heute: Der Schwangerschaftsabbruch bleibt gesetzeswidrig, aber unter bestimmten Bedingungen ist er straffrei. Eine folgender drei Indikationen muss zutreffen, damit eine Frau die Schwangerschaft abbrechen darf: die medizinische, wenn ihr Gefahr für Leib und Leben droht; die kriminologische, wenn das Kind durch Vergewaltigung oder Missbrauch gezeugt wurde. Alle anderen Gründe, die Frauen oder Paare in Entscheidungsnot bringen, fallen unter die soziale Indikation, was auch bedeutet, dass man den Abbruch selbst zahlen muss.

Etwa 100.000 Frauen brechen in Deutschland durchschnittlich pro Jahr eine Schwangerschaft ab, 95 Prozent davon mit sozialer Indikation – nach einer vorgeschriebenen Bedenkzeit von drei Tagen. Knapp zwei Drittel dieser Frauen haben schon Kinder, 75 Prozent von ihnen sind zwischen 18 und 34 Jahren alt.

Bis heute arrangiert man sich in Deutschland mit dem Status quo des Paragrafen 218. "Die juristische Lösung hat politisch befriedet, aber sie bleibt ethisch inkonsistent", sagt der Lübecker Wissenschaftshistoriker Cornelius Borck.

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