Sexualität am Arbeitsplatz Verführt Macht zum Sex?

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Flirt oder Übergriff? Affäre oder Machtmissbrauch? Sexualität am Arbeitsplatz ist besonders heikel. Vor allem für die Frau, sagt der Sexualtherapeut Ulrich Clement. Von

ZEITmagazin ONLINE: Welch heikle Folgen Sex am Arbeitsplatz haben kann, mussten schon ein amerikanischer Präsident und eine Praktikantin im Weißen Haus erfahren, die Fellatio im Büro praktizierten – konsensuell, also einvernehmlich. Das hatte Monica Lewinsky stets betont. Erst jetzt wird ihr bewusst, dass "konsensuell" wegen des gewaltigen Machtgefälles zwischen Bill Clinton und ihr vermutlich irrelevant war.

Ulrich Clement: Ja, denn selbst einvernehmlicher Sex ist nicht einfach die Angelegenheit der beiden Akteure. Der Kontext ist das Problem, nicht die Handlung. Und die Bewertung ändert sich. Ich möchte daran erinnern, dass in der Clinton-Lewinsky-Affäre vor zwanzig Jahren nicht der Vorwurf des Machtmissbrauchs das Thema war, sondern der Vorwurf der Lüge. Die gleiche Geschichte heute würde genau das thematisieren. Interessant ist übrigens auch die Bezeichnung, die Amerikaner für besagte Handlung bei uns bekannt gemacht haben: blow job. Mal abgesehen von der mechanischen Inkorrektheit, dass da irgendwie gepustet würde, verweist der zweite Teil direkt auf die Nähe zur Arbeit und die entsprechende hierarchische Implikation: Jemand erledigt hier einen Job, ein anderer lässt ihn machen. Darin steckt schon die ganze riskante Doppeldeutigkeit von Macht und Sex.

ZEITmagazin ONLINE: Das ist genau die Frage: Ist eine Affäre mit Kollegen einfach nur eine Affäre, die zufällig am Arbeitsplatz stattfindet? Oder beeinflusst der berufliche und womöglich auch hierarchische Kontext das, was da abläuft?

Clement: Das klingt moralisch einfach, ist emotional aber schwierig auseinanderzuhalten. Das Bedürfnis, sich mit jemand Starkem zusammenzutun, ist – für Frauen wie für Männer – ein elementares, evolutionsbiologisch betrachtet war es ein Vorteil. So finden Frauen – im Durchschnitt gesprochen – auch in der postindustriellen Gesellschaft noch körperlich große Männer attraktiv, aber Stärke wird heute zunehmend ersetzt durch Intelligenz, Klugheit und Humor – alles Faktoren, die auch zu beruflichem Erfolg führen können. Erfolgreiche Männer haben bessere Karten. Und Frauen, die diesen Erfolg bewundern, haben wiederum bessere Chancen bei den erfolgreichen Männern. Wenn an einem Arbeitsplatz zwei Menschen unterschiedlicher Hierarchie voneinander angezogen sind, kann das also durchaus wegen des Statusunterschiedes sein – aber natürlich auch trotz des Statusunterschiedes.

ZEITmagazin ONLINE: Nun begegnen sich Männer und Frauen ja nie im luftleeren Raum. Menschen haben nun mal einen Job und stellen beruflich etwas dar.

Clement: Aber die Affäre am selben Arbeitsplatz birgt ganz besondere Risiken.

ZEITmagazin ONLINE: Nämlich?

Clement: Wenn sie bekannt wird, verändert sich die Sicht des Umfelds auf den beteiligten Mann und die beteiligte Frau. Und zwar auf sehr unterschiedliche Weise: Männer, die ein Verhältnis mit einer Kollegin haben, werden typischerweise als Schürzenjäger identifiziert. Das ist zwar kein Statusgewinn, aber noch immer kein Imageverlust. Den Frauen hingegen – und das ist ärgerlich, aber leider durch Studien belegt – wird ihre fachliche Kompetenz abgesprochen. Das verleidet ihnen den Arbeitsplatz und kann sogar in Mobbing enden.

ZEITmagazin ONLINE: Es stimmt also nicht, dass eine Büroromanze etwas Glimmer in den grauen Büroalltag brächte?

Clement: Glimmer für wen? Selbst wenn die Beteiligten die Affäre als positiv erleben, können die Konsequenzen für den Arbeitsplatz negativ sein. Am wohlsten fühlen sich nach der eben genannten Studie Menschen, die am seltensten sexuelles Verhalten am Arbeitsplatz erleben und auch am wenigsten mögen – jene also, die den Arbeitsplatz besonders asexuell erleben. Je mehr sexuelles Verhalten jemand hingegen im Job erlebt, desto weniger fühlt sich derjenige in seiner oder ihrer Arbeit wertgeschätzt – und zwar unabhängig davon, ob er oder sie das sexuelle Verhalten positiv oder negativ bewertet.

ZEITmagazin ONLINE: Dabei haben wir bisher nur über konsensuelles sexuelles Verhalten gesprochen. Wie sieht es dann erst aus, wenn es um einseitige Anmache am Arbeitsplatz geht? Womöglich sogar insistierende oder übergriffige?

Clement: Das ist schon bei Gleichrangigen mindestens lästig. Wenn die Anmache aber von oben nach unten geht, also der Ranghöhere sich übergriffig verhält, ist es Gewaltausübung.

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