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"Tatort" Berlin Real? Irreal? Ach, egal.

Eine verstümmelte Leiche und ein Geständnis im Kino: Im Berliner "Tatort" taumeln die Kommissare zwischen Wirklichkeit und Fiktion. Und landen auf der Berlinale.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Kommissar Robert Karow (Mark Waschke) wird im Berliner Tatort Meta der abgetrennte Finger eines jungen Mädchens zugesandt. Kurz darauf wird ihre Leiche von Karow und seiner Kollegin Nina Rubin (Meret Becker) in einem Lagerhaus gefunden. Als Absender des Fingers wird eine Produktionsfirma ermittelt, deren erster Kinofilm Meta (ja, der heißt genau so) auf der Berlinale Premiere feiert – und dessen Handlung verstörende Parallelen zum Mordfall aufweist. War der Drehbuchautor Peter Koteas der Mörder, ist der Film sein öffentliches Bekenntnis? Fieberhaft steigert sich Karow in den Fall ­– und droht im Nirvana zwischen Realität und Fiktion verloren zu gehen.


1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über diesen wahnsinnigen Soundtrack. Die Filmemacher haben einfach bei Taxi Driver von Martin Scorsese geklaut und unterlegen ihren Tatort mit dem Original-Score von Bernhard Herrmann. Macht ja auch Sinn, denn Kommissar Karow entwickelt Züge des von Robert de Niro gespielten Antihelden Travis Bickle.

Lars-Christian Daniels: Egal, ob man nach zwanzig Minuten abgeschaltet hat oder das Spiel mit den Meta-Ebenen bis zum grandiosen Finale genießen kann: Reden wird man über diesen Tatort nicht nur am Montag, sondern auch noch in Monaten.

Matthias Dell: Über das, was einen "klassischen Tatort" angeblich ausmacht.

Kirstin Lopau: Über die Handlung, diesen genialen Plot und seine Umsetzung, über Verschwörungstheorien und darüber, ob wir eher wie Rubin sind: "Ich glaube an Fakten und Beweise." Was sind die Fakten, was sind die Beweise? Himmel, ist dieser Tatort brillant!


2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: Film ist mächtiger als die Wirklichkeit. Dieser Zitat-Tatort ist eine Liebeserklärung an die Imaginationskraft des Kinos und, auch das, des Fernsehens.

Lars-Christian Daniels: DieBerlinale braucht dringend eine Sektion für fantastische Fernsehkrimis wie diesen.

Matthias Dell: Dass Filme gucken einen auch davor bewahren kann, verrückt zu werden.

Kirstin Lopau: Gelernt habe ich tatsächlich etwas über deutsche Geschichte, denn die Organisation Gehlen spielte leider weder im Geschichts-LK noch im geisteswissenschaftlichen Studium eine Rolle. Was wir hier par excellence vorgeführt bekommen, ist das Motiv Film im Film (im Film), mit dem intelligent und spannend gespielt wird. Wir überdenken, was Realität, was Fiktion und was Realität in der Fiktion ist, und fragen uns, zu welcher Metaebene das "inspiriert von wahren Begebenheiten" des Anfangs gehört.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Ja, gibt es denn nun noch Überreste der Organisation Gehlen, dieses geheimnisvollen deutschen Parallelgeheimdienstes der Nachkriegszeit, in dem Nazis gearbeitet haben sollen? Oder sollte man lieber nicht fragen, weil die Antwort, wie in diesem irren Tatort angedeutet, direkt in die Klapse führen würde?

Lars-Christian Daniels: Wer kam bei der ARD auf die Schnapsidee, die Zahl der Tatort-Experimente auf zwei pro Kalenderjahr zu begrenzen? Wenn das Ergebnis so großartig ausfällt wie diesmal, möchte ich sonntags nur noch Experimente sehen.

Matthias Dell: Was ist denn nun aus der Organisation Gehlen geworden?

Kirstin Lopau: Ist das jetzt der Beginn einer wunderbaren Kumpelfreundschaft zwischen Rubin und Karow?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Der Kinoregisseur, der auf der Berlinale seinen Film zeigt, ist das absolute Abziehbild des koksenden Kreativzwergs.

Lars-Christian Daniels: Keine. Na gut: die der jungen Prostituierten, der Karow seine Handynummer in die Hand drückt. Mit der jungen Jodie Foster. Travis Bickle hätte es sicher gefallen.

Matthias Dell: Keine.

Kirstin Lopau: Absolut keine.


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Davon, wie Karow einsam zum Taxi-Driver-Score durch die Berliner Nacht fährt. Kein Mann, der auf Einbahnstraßenschilder achtet!

Lars-Christian Daniels: Kommissar Karow sitzt im Kino und schaut einen Film, in dem ein Kommissar im Kino sitzt und einen Film schaut, in dem ein Kommissar im Kino sitzt und einen Film schaut. Dieser Tatort fühlt sich an, als würde man einen Spiegel in einem Spiegel spiegeln.

Matthias Dell: Von der, in der der Kommissar im Kino sitzt und einen Film sieht, in dem ein Kommissar im Kino sitzt und einen Film sieht, in dem ein Kommissar in einem Kino sitzt und einen Film sieht – davon kann einem schon schwindelig werden, zumal das ja hätte endlos so weiter gehen können.

Kirstin Lopau: Davon, wie Karow blutüberströmt zum DVD-Player greift und ...

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß:  Eine Schlafmütze 😴

Lars-Christian Daniels: Keine einzige. Dafür den Goldenen Bären. Ist ja schließlich Berlinale.

Matthias Dell: Drei Schlafmützen 😴😴😴

Kirstin Lopau:  Null Schlafmützen. Für mich einer der besten Tatorte, die ich je gesehen habe.

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