© NDR/Christine Schroeder

"Tatort" Kiel Am schönsten ist es an der Mordsee

Ein Toter auf einer einsamen Nordseeinsel, eine ausgeflippte Geliebte und ordentlich Schnaps: Im Kieler "Tatort" muss Kommissar Klaus Borowski alles geben, auch im Bett.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Im Kieler Tatort "Borowski und das Land zwischen den Meeren" wird auf der fiktiven Nordseeinsel Suunholt ein Mann leblos in seinem Badezimmer aufgefunden. Der Tote heißt Oliver Teuber, er war vor Jahren in einen Korruptionsskandal verwickelt. In der Provinz wollte er mit seiner Geliebten Famke Oejen (Christiane Paul) ein neues Leben beginnen. War Oejen am Mord an ihrem Geliebten beteiligt? Und welche Rolle spielen die merkwürdigen Bewohner der Insel? Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) übernimmt den Fall – und scheint im Zuge der Ermittlungen in der geheimnisvollen Atmosphäre der Insel verloren zu gehen. 

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die Anfangsszene: Christiane Paul steigt im Neoprenanzug aus der eisigen Nordsee – eine Triathletin, die es mit dem Training übertreibt? Ein Bond-Girl, das sich verschwommen hat? Auf jeden Fall eines der rätselhaftesten Tatort-Intros.

Lars-Christian Daniels: Über zwei der außergewöhnlichsten Todesfälle in der fast fünfzigjährigen Tatort-Geschichte: Gespoilert werden sollen sie an dieser Stelle nicht, aber bei Thriller-Fans dürften Erinnerungen an Ridley Scotts Hannibal oder Bryan Fullers gleichnamige NBC-Serie wach werden.

Matthias Dell: Über das Brecht-Gedicht Erinnerung an Marie A.

Kirstin Lopau: Wann sie den nächsten Urlaub auf einer friesischen Insel buchen. Über diesen Tatort sicherlich nicht.

2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Wenn man sie nicht aus der Schule kennt, lernt man hier Theodor Storms Novelle Eine Halligfahrt kennen. Aus ihr wird immer wieder fleißig zitiert, und Kommissar Borowski träumt Szenen daraus nach.

Lars-Christian Daniels: Eine ganze Menge über die finstere Sage um den Untergang des heute nicht mehr existenten Nordsee-Eilands Rungholt: Dessen Bewohner haben angeblich vor vielen Hundert Jahren ein gotteslästerliches Leben geführt und sind dafür mit einer Sturmflut bestraft worden, die die Insel für alle Zeiten überschwemmt hat. Kein Wunder, wenn man nach einem ausufernden Trinkgelage nicht nur eine Sau mit Schnaps abfüllt, sondern auch noch einen Pfarrer dazu nötigt, ihr die letzte Ölung zu geben. Die Jungs aus Hangover wären stolz auf ihre norddeutschen Brüder im Geiste gewesen.

Matthias Dell: Eine neue Todesart: Mord durch Orgasmus.

Kirstin Lopau: Viel zu lernen gab es diesmal nicht. Außer, dass ein langsam erzählter Handlungsstrang sich kaugummiartig langziehen kann, sodass man am Ende zwar nicht platzt, aber sanft entschlummert. Wie viel vom Tatort haben Sie geschafft?

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Was hat es denn nun genau mit der von Christiane Paul gespielten Femme fatale auf sich? Das Rätsel um ihre Person wird bis zum Schluss nicht richtig aufgelöst.

Lars-Christian Daniels: Hört man unter der Wasseroberfläche der Nordsee wirklich die Glocken der versunkenen Rungholter Kirche, wenn ruhige See ist?

Matthias Dell: Wann schaut Borowski die Bewerbungen für seine neue Kollegin durch?

Kirstin Lopau: Borowski ist so ein abgebrühter Polizist, der bisher wenig empathisch erschien. Warum um Himmels Willen legt er sich ins Bett mit Famke Oejen?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

 Christian Buß: Die rückständigen Bewohner der Nordseeinsel waren schon sehr klischeehaft. Wo ist Hinnerk Schönemann ("Mörder auf Amrum"), wenn man ihn braucht? Der spielt doch sonst so oft gekonnt in Friesen-Krimis mit, die Tradition und Moderne verbinden.

Lars-Christian Daniels: Beim Blick auf die konservativen Dorfbewohner fühlt sich dieser Tatort häufig an wie die Fälle von Kollegin Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler): Die wird von ihren wechselnden Chefs schließlich regelmäßig in verschlafene Provinznester geschickt, um sich dort in die einzige Kneipe im Ort zu setzen – um einfach mal die Ohren zu spitzen, worüber am Stammtisch so gestritten wird. Auch auf der fiktiven Insel Suunholt blicken wir in Borowskis Hotel in die misstrauischen Gesichter unzähliger Stereotypen, die dem hohen Unterhaltungswert des Psycho-Krimis aber keinen Abbruch tun.

Matthias Dell: Beat Marti als Oliver Teuber hätte ruhig etwas Text abkriegen können, die Szenen mit ihm, in denen er nichts sagt, wirken auf Dauer etwas albern.

Kirstin Lopau: Die Inselbewohner waren eigentlich alle nordisch herb und somit gut besetzt. Einzig Borowski passte diesmal nicht in seinen eigenen Tatort. Vielleicht könnte Stedefreund aus Bremen ja Kiel übernehmen?

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von Wirbelstürmen und im Meer grauenvoll quiekend sterbenden Schweinen.

Lars-Christian Daniels: Von dem Mann mit dem Schweinekopf – ich musste sofort an Lance Dalys enttäuschenden Historien-Actioner Black 47 denken, der es aus mir unerfindlichen Gründen außer Konkurrenz in den Wettbewerb der noch laufenden Berlinale geschafft hat und eine ganz ähnliche Szene bietet. 

Matthias Dell: Vom Mord an Oliver Teuber in der Badewanne.

Kirstin Lopau: Vom Spaziergang am Strand, vom Meeresrauschen und bestimmt nicht von Borowski.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 4 Schlafmützen 😴😴😴😴

Lars-Christian Daniels: 3 Schlafmützen 😴😴😴

Matthias Dell: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 8 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴😴😴

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