Wolfgang Kubicki Sie können sich gern wieder setzen

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Aus der Serie: Gesellschaftskritik

Lange wurde beklagt, dass die Olympischen Winterspiele zu wenig Beachtung fänden und wenn, dann nur bei solchen Goldsiegen wie dem von Aljona Savchenko und Bruno Massot im Eiskunstpaarlauf. Interessanterweise können solche Disziplinen ganz woanders zum richtigen Verhalten in Glatteissituationen inspirieren. Zwar ohne Paillettenkostüm, aber letztendlich doch mit einer sehr anständigen Wertung in der A- und B-Note. Bei Olympia, im Eiskunstlauf, entscheiden Preisrichter, in diesem Fall urteilt ein nicht gerade kleiner Teil der Öffentlichkeit. Dieser ist, beispielsweise auf Twitter, gerade damit beschäftigt, den Ausdruck "intellektuell erbärmlich" zum Goldstandard des politischen Schlagabtauschs zu erheben.

Der mit der Idee von der intellektuellen Erbärmlichkeit, der FDP-Politiker und Bundestagsvizepräsident Wolfgang Kubicki, hat damit am Donnerstag sowohl in der A-Note (Sprünge und Technik) als auch in der B-Note (Präsentation und künstlerischer Ausdruck) nach allgemeiner Auffassung bemerkenswerte Punktzahlen erreicht. Pirouetten musste er dafür nicht drehen. Er hat nur innerhalb einer Bundestagsdebatte die Vorteile langjähriger rhetorischer Ertüchtigung genutzt, um auf einen Antrag der AfD-Fraktion zu reagieren.

Dieser wurde von dem Berliner Bundestagsabgeordneten Gottfried Curio vorgetragen, der die Bundesregierung aufgefordert hatte, eine "Missbilligung" für lange zurückliegende Äußerungen Deniz Yücels auszusprechen, des vor einer Woche aus türkischer Haft entlassenen Welt-Korrespondenten. Yücels angebliche Vorzugsbehandlung sei nicht hinnehmbar, sagte Curio, speziell wegen zweier 2011 und 2012 in der taz veröffentlichten Texte Yücels, in denen dieser auf Thilo Sarrazins Buch Deutschland schafft sich ab Bezug genommen hatte. Unter anderem mit dem Satz: "Der baldige Abgang der Deutschen aber ist Völkersterben von seiner schönsten Seite."

Ein AfD-Antrag zur Missbilligung von Artikeln des Journalisten Deniz Yücel ist im Bundestag auf heftige Kritik gestoßen. Der FDP-Politiker Wolfgang Kubicki fand scharfe Worte. Wir dokumentieren hier seine Rede. (Quelle: Deutscher Bundestag)

Sarkasmus und Satire sind für die Menschen nicht immer leicht zu erkennen, doch im Fall dieser beiden Kolumnen von Deniz Yücel haben sie eine Rüge des Presserats und eine Entschädigungszahlung der taz in Höhe von 20.000 Euro an Sarrazin nach sich gezogen, weil Yücel ihm eben auch einen Schlaganfall an den Hals gewünscht hatte. Das hätte also damit erledigt sein können, und so war es für Kubicki auch nur ein leichtes Sich-Warmlaufen, auf das etwas länger zurückliegende Erscheinungsdatum dieser Texte hinzuweisen, mit dem Satz: "Ich sehe Ihnen nach, dass Sie Satire nicht verstehen und deshalb solche Anträge stellen." Das ist das wahre Wettkampfgemüt: nach außen hin völlig abgebrüht. Never let them see you sweat. Kubicki – der auch unter Gleichaltrigen immer ein bisschen wirkt wie ein weit gereister Onkel, der sich über die Naivität seiner Nichten und Neffen amüsiert – ist damit das Gegenmodell zum Grünen-Politiker Cem Özdemir. Der äußerte sich im Bundestag ebenfalls zum AfD-Antrag, trat also in derselben Disziplin an, hatte aber dafür ganz anders trainiert, mehr auf Temperamentsausbrüche hin. So ein typischer Özdemir-Satz wie der eine vom Donnerstag, "Meine schwäbische Heimat lasse ich mir von Ihnen nicht kaputt machen", muss bei Kubicki nicht befürchtet werden. Da fehlte ihm vor lauter Folklore die Kunstfertigkeit der sprachlichen Figur.

Das Wort Sarkasmus stammt vom griechischen sarkasmós ab und bedeutet wörtlich so viel wie Zerfleischung. Es ersetzt unelegantes Schimpfen durch gehobene Sticheleien, und das ist der Trick daran: Dem Gegner wird bedeutet, dass er chancenlos sei. Wolfgang Kubicki ruft denn auch bei der AfD zuverlässig deren klassische Wettkampffigur hervor: die beleidigte Leberwurst mit Das-wird-man-ja-wohl-noch-sagen-dürfen-Attitüde. Auf eine zugelassene Zwischenfrage der AfD: "Ist es nicht möglich, den Volkstod unseres Volkes zu rügen?", hieß es: "Sie müssten bitte stehen bleiben, wenn Sie eine Antwort wollen." Und im Anschluss: "Sie können sich jetzt gern wieder setzen, Sie können auch stehen bleiben, das ist mir egal." Denn das ist nun mal der künstlerisch anspruchsvollste Teil der Sarkasmuspraxis: ohne explizite Satzinhalte doch deutlich kenntlich zu machen, dass das Gegenüber leider sehr viel weniger intellektuelle Angriffsfläche zu bieten hat, als man gedacht hatte.

Sogar ein verwehtes Modewort der Achtziger, nämlich "Banane" – für alles, was es abzulehnen gilt – brachte Kubicki wieder zurück in die Rhetorik. Vor allem aber erinnerte er an eine Äußerung des AfD-Fraktionsvorsitzenden Alexander Gauland, der neulich gesagt hatte, die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Aydan Özoğuz, gehöre "in Anatolien entsorgt". Dafür sei jene Entschuldigung fällig, die es im Falle von Yücels Kolumnen ja längst gegeben habe.

Am Ende hat eine große Mehrheit den AfD-Antrag abgelehnt: 552 Abgeordnete stimmten dagegen, 77 dafür, einer enthielt sich. Die AfD-Fraktion hat 92 Abgeordnete. Schlechte Quote, schlechte Note. Doppelte Salchows mussten dafür nicht gesprungen werden.

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