© Leonie Seifert für ZEIT ONLINE

Erbstücke: Daran halten wir fest

Wenn Menschen sterben, hinterlassen sie Dinge, die uns an sie erinnern. Diese Erbstücke müssen keinen materiellen Wert haben, um uns das Wichtigste in der Welt zu sein. Von , , , , und
Aus der Serie: Der Tod ist groß

Wie gehen wir Menschen damit um, dass wir alle sterben müssen? Wir wollen in der Serie "Der Tod ist groß" den Tod enttabuisieren und fragen nach seiner Rolle in unseren Leben und in unserer Gesellschaft. Diese sechs Episoden erzählen davon, was bleibt, wenn die Liebsten nicht mehr sind.

Ein Ferkel für einen Ring

Als meine Oma starb, war ich elf Jahre alt. Mein Opa zog vorerst bei uns zu Hause ein, um nicht so allein zu sein. Er brauchte Abstand, konnte ihre Kleider und ihren Schmuck nicht mehr sehen. Aber er brachte mir ihren Ring mit. Es war der Verlobungsring, den meine Oma irgendwann im Laufe der Ehe abgelegt hatte. Ein silberner Ring mit verschnörkelten Herzen und einem ovalen Aquamarin.   

Mein Opa erzählte mir, wie er ihn kurz nach dem Krieg, im Herbst 1946, gegen ein Ferkel getauscht hatte. Er war damals erst 25 Jahre alt, hatte das Ferkel auf den Arm genommen und war auf dem Motorrad zu den Leuten im Nachbardorf gefahren, die offenbar Fleisch nötiger hatten als Schmuck. Als Mädchen erschien mir mein neuer Ring unglaublich wertvoll, mindestens so wertvoll wie ein kleines Schwein. Mein Opa steckte ihn mir an den Mittelfinger.

Seitdem habe ich den Verlobungsring meiner Oma so gut wie nie wieder ausgezogen. Ich trage ihn nachts, beim Sport, bei der Arbeit, beim Kochen, auf Hochzeiten, immer. Nur im Meer trage ich ihn nicht, zu gefährlich. An kalten Wintertagen muss ich aufpassen, dass er mir nicht vom Finger rutscht. Und wenn ich ihn aus irgendeinem Grund doch mal kurz abgelegt habe wie neulich beim Fensterputzen, erschrecke ich mich sehr, wenn ich abends in der Bar bemerke: Der Ring ist weg! Um mich dann sehr erleichtert daran zu erinnern, dass er zu Hause neben dem Waschbecken liegt.

Es geht noch weiter: Ich befürchte, ihn nicht zu tragen, bringt mir Unglück. Schließlich war er bislang bei einer ganzen Menge Glück dabei. Leonie Seifert

Die Uhr über der Werkbank

Die einzige gute Erinnerung, die ich an meinen Vater habe, zeigt mir, wie spät es ist. Es ist eine Wanduhr, schwarzes Blatt mit weißen Zeigern, randlos, ein bisschen angestaubt hängt sie an der Wand meines WG-Zimmers. Ich habe sie vor einigen Jahren mitgenommen, kurz nachdem mein Vater gestorben war. Lange hing sie in seiner Werkstatt über der Werkbank, an der er mir, als ich sechs Jahre alt war, eine Holztigerente aus einem Stück Buche gefräst hatte.

Irgendwann hing die Uhr in einem fremden Haus, das er mit einer fremden Frau bewohnte, die er nach der Scheidung von meiner Mutter geheiratet hatte. Die Wanduhr ist das Einzige, was ich von ihm aus diesem Haus mitgenommen habe. Und das Einzige, was ich von ihm wollte.

"Die Wanduhr ist das Einzige, das Einzige, was ich von ihm wollte." © Michael Pfister für ZEIT ONLINE

Ich wollte nicht seine Rolex, von deren Unterseite er nach der Scheidung meinen Namen hatte entfernen lassen, der dort seit meiner Geburt eingraviert war. Ich wollte keines seiner Bücher über Flugzeuge, die er dutzendfach besaß und von denen er sich gewünscht hatte, dass sie mich zum Ingenieur machen würden. Und ich wollte auch sein Werkzeug nicht, für das ich in seinen Augen immer zu schwach gewesen war.

Ich wollte nur weg. Ich wollte weg von der Frau, mit der ich nie etwas anfangen konnte, und raus aus dem Haus, in dem ich nicht eine Nacht gut geschlafen hatte. Raus aus dem Dorf, in dem es nur ein Restaurant gab, in dem alles nach Soßenbinder schmeckte.
Ich denke nicht oft an meinen Vater. Aber wenn, dann schaue ich, wie spät es ist, und denke an den Samstagnachmittag, an dem ich an seiner Werkbank stand, er mir eine Tigerente fräste und ich dachte: Danke, Papa. Benjamin Berben


Leben in der Bude

Bei Großeltern darf man alles, bei meinen war das auch so. Nur eines durften meine Schwester und ich nicht: den Plattenspieler anfassen. Es war Ende der Achtzigerjahre, der Wohnzimmerschrank sah schrecklich hässlich aus, im verspiegelten Barfach standen die Groggläser neben dem Würfelzucker, im Fach darunter befand sich der Plattenspieler. Seine Lautsprecher hätten die Musik problemlos bis zum Erdbeerfeld am Ende des großen Gartens getragen, aber natürlich drehte mein Großvater die Anlage nie voll auf, während ich neben ihm saß und auf den Plattenteller starrte. 

Jahre später, man hörte Musik längst von CDs, staubte der Plattenspieler immer mehr ein an seinem Platz. Mein Großvater sah nicht mehr gut genug, um ihn zu bedienen, meine Großmutter hatte sich nie um die Beschallung gekümmert. Meine Schwester und ich waren mittlerweile erwachsen und viel seltener da, aber wir spielten Musik, wann immer wir zu Besuch kamen. Jetzt durften wir ihn endlich anfassen!

Die Auswahl war mäßig: klassische Musik, Roger Whittaker oder der Schlagermix aus der ZDF-Sendung Der Große Preis mit Wum und Wendelin. Aber egal. Egal wie schlecht oder falsch wir die Lieder von Roland Kaiser mitsangen, meine Großeltern freuten sich über "das Leben in der Bude", wie mein Opa jedes, wirklich jedes Mal sagte.

Nie klang der Plattenspieler besser als heute. © Rieke Havertz für ZEIT ONLINE

Als das Haus meiner Großeltern ein paar Jahre später leergeräumt wurde, stand der Plattenspieler immer noch an seinem Platz. Meine Eltern wollten ihn nicht. Ich nahm ihn mit in mein Wohnzimmer, schloss ihn an, er knarzte und hakte, die Jahre hatten ihm zugesetzt. Also brachte ich ihn schließlich zur Reparatur. 250 Euro! Dafür bekommt man heute zwar ein neues Gerät, aber sicher kein so gutes. Die erste Platte, die ich nach seiner Sanierung auflegte, war Leonard Cohen. Der Plattenspieler hat nie besser geklungen. Und ich denke jedes Mal an meinen Großvater, wenn der Plattenteller anfängt sich zu drehen. Rieke Havertz

Kommentare

9 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren