March for Our Lives "Wir sind ein unterentwickeltes Land"

In Washington und anderen US-Städten demonstrierten mehrere Hunderttausend für strengere Waffengesetze. Wir haben die Menschen gefragt, warum sie auf der Straße sind.

Hunderttausende Menschen sind am Samstag bei dem March for Our Lives in verschiedenen Städten der USA auf die Straße gegangen, um für strengere Waffengesetze zu demonstrieren. Den größten Zulauf hatten die zentralen Proteste in der Hauptstadt Washington. Organisiert wurden die Demonstrationen im ganzen Land von Schülern der Marjory Stoneman Douglas High School in Parkland in Florida. Dort hatte ein 19-Jähriger am 14. Februar 2018 14 Jugendliche und drei Erwachsene erschossen. March for Our Lives ist die größte Protestbewegung in den USA seit Jahrzehnten. Wir haben die Menschen auf den Straßen Washingtons gefragt, warum sie auf die Straße gehen.

  

Victoria Taylor, 17, Schülerin, Richmond, Virginia

Victoria Taylor

Wir hatten bereits einen Ernstfall an unserer Schule. Plötzlich hieß es, ein bewaffneter Täter sei kurz davor, anzugreifen. Die ganze Schule wurde abgeriegelt. Bei der Highschool im Nachbarort war das auch so. Ich habe das Gefühl, so etwas passiert in unserem Land mehrmals am Tag. Irgendwo gibt es immer eine Bedrohung. Ich möchte mich endlich sicher fühlen. Ich möchte nicht mehr den Ernstfall proben müssen: Mehrmals im Jahr üben wir, wie wir uns im Falle eines Amoklaufs verhalten müssen. Es geht immer los mit dieser Lautsprecheransage: Lock down! Alle Türen werden verriegelt, die Lichter ausgemacht, wir müssen mucksmäuschenstill im Klassenraum sitzen, manche Lehrer wollen sogar, dass wir uns verstecken, unter Tischen oder in Schränken. Warum können wir uns nicht sicher fühlen?


Loftin Propst, 16, Schüler, Atlanta, Georgia

Loftin Propst

In meiner Familie sind wir schon immer auf die Jagd gegangen, deshalb habe auch ich schon oft eine Waffe in den Händen gehalten. Ich habe auch auf Pappziele in unserem Garten gefeuert. Doch wir sehen einen großen Unterschied zwischen Waffen und Waffen: Es gibt solche, die zum Jagen geeignet sind und nur eine Patrone abfeuern. Und es gibt andere, die in einer Minute unzählige Menschen töten können, Sturmgewehre zum Beispiel, die für militärische Zwecke gedacht sind. Das sind nicht die Waffen, die wir in unserer Familie besitzen. Angesichts der Ereignisse gerade findet bei uns im Familienkreis ein steter Austausch darüber statt, wie wir unser Arsenal sicher benutzen können. Wir stehen eigentlich der demokratischen Partei nahe, die den Waffenbesitz beschränken oder erschweren will. Das macht die Sache gerade ein bisschen kompliziert. Aber deswegen sind wir hier.

 

Julia Hamilton, 29, Lehrerin, Morgantown, West Virginia

Julia Hamilton

Ich komme aus West Virginia. Dort bekommen wir über Thanksgiving eine Woche frei, um an Waffen zu üben. Das ist unsere Kultur dort. Wir kommen eben aus einem sehr republikanischen Staat. Nun schlagen Politiker vor, man solle uns Lehrer bewaffnen, dabei haben wir noch nicht mal genug Ressourcen, um alle Schüler mit Unterrichtsmaterial zu versorgen. Jetzt wollen sie die Schulen erst mal für Millionen mit Waffen ausstatten? Das ist Wahnsinn. Die meisten Kinder sind in der Gegend, aus der ich komme, genügend Gewalt, elterlichem Drogenmissbrauch und Armut ausgesetzt. Die Schule ist oft der einzige Ort, an dem sie sich sicher fühlen.

Wir sind so beschädigt von unserer Waffenkultur. Einen Tag nach dem Amoklauf in Parkland hatten wir einen Probefeueralarm und einige Schüler sind regelrecht panisch geworden. Sie fingen an, unter Tische zu kriechen. Einige weigerten sich anschließend, die Klasse zu verlassen. Sie sagten, man könne ja nicht sicher sein, dass es wirklich nur ein Test gewesen sei. Sie hatten schlicht Angst, erschossen zu werden. Andere bleiben seit dem Amoklauf an der Stoneman Douglas High School einfach öfter zu Hause. Aus Angst. So weit ist es schon gekommen. Es ist tragisch, dass Kinder mit der Angst aufwachsen müssen, ihnen könnte so etwas passieren. In anderen Ländern übt man den Ernstfall eines Feuers. Wir üben, wie wir uns verhalten, wenn ein Mann mit einem Gewehr die Schule betritt.

Ich habe das Gefühl, jeder kennt jemanden, der schon mal von Waffengewalt betroffen war. Waffen sind Alltag da, wo ich herkomme. Menschen in meinem Bundesstaat verbringen die Tage um Thanksgiving auf dem Schießplatz. Aus reinem Spaß. Viel anderes gibt es bei uns auch nicht zu tun, von Drogen mal abgesehen. Nennen Sie es unsere Tradition.

 

Rominy Moss, 18, Schülerin, Columbus, Ohio

Rominy Moss

Du gehst auf ein Konzert, du hast ein wenig Angst. Du gehst in ein Einkaufszentrum, du hast ein wenig Angst. Du gehst zu einem Baseballspiel, du hast ein wenig Angst. Du hörst, wie jemand an einem öffentlichen Ort die Tür zu laut zuschlägt – und schon wieder schleicht sich der Gedanke, es könnte ein Attentäter sein, in deinen Kopf. Tägliche Angst. Ich will eine Waffenreform. Jetzt.

 

Jim Baker, 60, IT-Professor, Selinsgrove, Pennsylvania

Jim Baker

Wir haben einen Präsidenten, der angesichts einer Tragödie wie in Parkland vorschlägt, dass Lehrer sich bewaffnen sollen. Ich habe einmal in meinem Leben einen historischen Fehler gemacht und habe 1968 Richard Nixon gewählt. Wir brauchen bessere Politiker.

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