© [M] Alexander Hoepfner für ZEIT ONLINE Fotos: Bruce Dixon; Soroush Karimi/Unsplash

Monogamie "Warum fantasiere ich über Sex mit anderen Frauen?"

Man darf in Gedanken fast alles. Warum abwegige Fantasie-Plots nichts Schlimmes sind, erklärt Sexualtherapeutin Angelika Eck in der neuen Folge von "Schlafzimmerblick". Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer neuen Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern.

Marcus, 36

Ich bin seit fünf Jahren mit meiner Freundin zusammen. Wir sind im Grunde glücklich, auch sexuell. Dennoch habe ich immer wieder die Fantasie, mit anderen Frauen zu schlafen. Ist das nicht komisch? Warum reicht mir meine Beziehung nicht?

Mit Ihren Fragen wagen Sie sich mit einem besonders privaten Thema heraus. Sexuelle Fantasien steigern die Erregung, oft sind sie aber mehr: wohlgehütete Schätze der Intimität mit uns selbst. Manchmal sind sie mit zwiespältigen Gefühlen belegt, denn was uns am stärksten erregt, passt nicht immer zu unseren Werten. Bei Ihnen kommt der Wert monogamer sexueller Erfüllung in Konflikt mit der erregenden Vorstellung, Sex mit anderen Frauen zu haben. "Ist das nicht komisch?", fragen Sie. Komisch oder nicht, es ist jedenfalls häufig: In einer Studie mit dem Titel "Was genau ist eine ungewöhnliche sexuelle Fantasie?" gab die Mehrzahl der Befragten an, viele verschiedene Fantasien zu hegen, darunter auch eine ganze Reihe politisch inkorrekter Plots. Mehr als 60 Prozent der befragten Frauen und über 80 Prozent der Männer gaben an, dass sie Fantasien von Sex mit anderen Menschen als dem Partner haben. 

© Susanne Lencinas

Wieso kommen Sie angesichts Ihrer Fantasien so rasch zu dem Schluss, dass Ihnen Ihre Beziehung nicht reicht? Darin liegen für mich zwei Themen, das ich gerne hinterfragen möchte: 1. Eine Gleichsetzung von Fantasie und Wunsch. 2. Die Erwartung, dass das eigene erotische Spektrum mit der Paarsexualität deckungsgleich sein sollte, damit die Beziehung als zufriedenstellend gelten kann

Zu Punkt 1: Fantasien sind nicht automatisch Wünsche. Gerade weil sie reine Vorstellung sind, können wir darin mühelos erzeugen und durch Stilmittel intensivieren, was wir in der Realität nicht können und vielleicht auch nicht wollen, zum Beispiel, weil wir Risiken scheuen. Vielleicht möchten Sie hier mal genauer hinsehen und sich fragen: Was gibt mir die Fantasie mit einer anderen Frau genau? Was ist das speziell Anziehende daran für mich? Es könnte sein, dass Sie sich in der Fantasie ein Séparée schaffen, das einfach ureigene Bedürfnisse stillt, zum Beispiel als Mann neu zu erobern, frei von Verantwortung zu sein, von der Vielfalt des Lebens zu kosten oder etwas ganz anderes. Ein Ort, an dem Sie erleben können, was Sie sich im echten Leben nicht gestatten möchten und vielleicht nicht einmal brauchen.

Natürlich können sich durchaus Wünsche in den Fantasien zeigen. Auch hier sind Sie eingeladen, genauer nachzusehen und zu fragen: Hand aufs Herz – vermisse ich etwas Wesentliches? Wonach sehne ich mich? Nach fünf Jahren Beziehung ist diese Frage vielleicht nicht angstfrei zu stellen, aber angebracht.

Zu Punkt 2: Nehmen wir an, Sie würden merken, dass Sie keinen realen Wunsch nach neuen Partnerinnen hätten, dass die Fantasie Ihnen aber viel bedeutet. Was spräche dagegen, sie voll zu genießen? Was genau ist bedroht dadurch, dass Sie einen erotischen Privatraum haben, den Ihre Freundin nicht kennt oder bevölkert? Die Erwartung, dass wir einander alles sein und geben sollten, halte ich für eine der destruktivsten der Langzeitbeziehung. Wir können nur hinter ihr zurückbleiben.  Und wenn wir keinerlei Privaträume voreinander haben, wer sind wir dann füreinander? Erotische Wesen eher nicht.

In meiner therapeutischen Arbeit erlebe ich: Wenn Menschen sich entschließen, sich ihren zwiespältigen Fantasien interessiert zuzuwenden und dabei mehr über die eigene Erotik zu erfahren, entsteht ein großer Zugewinn an Selbstbejahung. Dieser wirkt sich fast immer günstig auf die Paarbeziehung aus.

Und woher wissen Sie, was ihre Partnerin fantasiert? Würden Sie sich trauen, sie danach zu fragen?

Kommentare

64 Kommentare Seite 1 von 6 Kommentieren