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Oralsex: "Muss ich meine Freundin oral befriedigen?"

Augen zu und durch? Man muss gar nichts im Bett. Wie man ein Nein trotzdem überwindet, erklärt Sexualtherapeutin Angelika Eck in der neuen Folge von "Schlafzimmerblick". Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer neuen Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern.

Andreas W., 41 Jahre

Meine Freundin wünscht sich von mir Oralverkehr, aber mir ist das irgendwie unangenehm. Muss ich mich überwinden? Wie kann auch ich Spaß dabei haben?

Hinter Ihrer ersten Frage könnten zwei weitere Fragen stehen, die Menschen in meiner Praxis scharenweise umtreiben: Darf ich Nein sagen? Und: Bin ich normal, wenn ich nicht will? Antwort: Ja und ja. Sie müssen gar nichts. Sie könnten ihrer Freundin sagen: "Ich mag das einfach nicht, dich aber sehr. Bist du sexuell und auch sonst glücklich genug mit mir, wenn wir das Eine nicht tun?" Damit würden Sie beide Farbe bekennen und prüfen, wie Sie eine erotische Differenz aushalten können – eine Situation, die auf längere Sicht mit einem Partner sowieso unvermeidlich ist. 

Mit Ihrer Frage, wie auch Sie Spaß an oraler Betätigung haben könnten, bleiben Sie allerdings nicht beim Nein stehen, sondern signalisieren die Bereitschaft, sich über die Schwelle Ihrer Komfortzone zu wagen. Zunächst könnte es interessant sein zu verstehen, was genau Ihnen eigentlich unangenehm ist. War das immer so oder nur bei dieser Partnerin? Welche Gefühle und Gedanken entstehen, wenn Sie sich oral annähern? Fühlt es sich bedrohlich an, so nah an ihrem Genitale zu sein, stößt Sie etwas ab? Oder machen Sie sich eher Sorgen über Ihre oralen Fertigkeiten? 

© Susanne Lencinas

Kulturell sind wir nicht gerade auf Schmusekurs mit der Vulva getrimmt: Nicht nur für Jungs und Männer, sondern auch für Mädchen und Frauen ist das weibliche Geschlecht oft mit gemischten Gefühlen verbunden, löst Ekel aus und wird lieber nicht so ganz genau erkundet. Beide Geschlechter brauchen daher oft einen Aneignungsprozess, einen allmählichen Übergang von Abstoßung über wertfreie Akzeptanz bis hin zu hoffentlich lustvoller Besetzung. 

Gönnen Sie sich in jedem Fall eine behutsame Annäherung. Machen Sie kurze orale Ausflüge in die erweiterte Genitalregion und schnuppern Sie, schauen Sie, tasten Sie, küssen Sie. Ab welchem Punkt wird es unangenehm? Wie riecht und schmeckt die Scheidenflüssigkeit? Falls Sie unsicher im Vorgehen sind, fragen Sie Ihre Freundin, ob Sie Ihnen beibringen kann, was sie mag. Vielleicht kommen Sie auch zu dem Schluss, dass es Ihnen nie Spaß machen wird, Sie ihr aber irgendwann entspannter geben können, was sie begehrt. 

Ein Kollege, ein verschmitzter älterer Herr, mit dem ich in einem Restaurant zu Mittag aß, schilderte mir einen Fall, in dem ein Mann sich von den intimen Gerüchen seiner Partnerin abgestoßen fühlte. Ich fragte ihn, wie er dem Mann geholfen habe, sich sinnlich an die Sache anzunähern. Während ich gerade genüsslich einen Löffel Pasta mit Trüffeln in meinen Mund führte, lachte er auf und sagte: "Genau so!"  

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