Schlafstörungen: Schon wieder so eine Nacht

Wie verbringen die Schlaflosen die trüben Stunden bis zum Morgen? Bügeln, futtern, Tierfilm gucken? Der Weltschlaftag ist für Nichtschläfer ein besonders schwerer Tag. Von

Wieder so ein Weltschlaftag. Ich stelle mich ihm wie jedem anderen auch – mit Augenringen groß wie Untertassen. Fast jede Nacht werfe ich mich zwischen ein und sechs Uhr auf der Matratze hin und her, füttere die Eichhörnchen auf dem Fensterbrett, oder reiße, von der Knabberei im Freien inspiriert, die Kühlschranktür auf. Schlafmediziner mag es grausen, aber ich schaue nachts auch gerne in den Computer, um zum Beispiel auf YouTube Tierfilme zu sehen, in denen nichts passiert, außer dass es im Dschungel raschelt. 

Vielen Menschen geht es ähnlich: Der Sandmann hat uns nichts mehr zu sagen. Der Weltschlaftag verhöhnt uns. Laut DAK-Gesundheitsreport leidet jeder zehnte Arbeitnehmer in Deutschland unter schweren Schlafstörungen, auch Insomnien genannt. Sie bringen Ein- und Durchschlafstörungen mit sich, eine schlechte Schlafqualität, Tagesmüdigkeit und Erschöpfung. "Die zunehmenden Schlafstörungen in der Bevölkerung sollten uns wachrütteln", sagte dazu der DAK-Vorsitzende Andreas Storm. Den Wortwitz scheint er nicht beabsichtigt zu haben. Insomniker müssen eigentlich gar nicht wachgerüttelt werden, uns kann man schlechte Nachrichten einfach in Zimmerlautstärke überbringen, Ohren und Augen sind durchgehend geöffnet. 

Seit 2010 haben die besonders schweren Schlafstörungen um 60 Prozent zugenommen, wie die DAK-Studie weiter verrät. In diesem Zusammenhang kann man lange über den Zustand unserer Gesellschaft nachdenken, und die klugen Köpfe unter den Nichtschläfern tun das vermutlich auch. Während draußen der Mond scheint, entwerfen sie Essays über Leistungsdruck und die postindustrielle Gesellschaft.

Wir einfachen Menschen sind auf weniger geistreiche Weise wach. Und haben das Problem, dass wir die leeren Nachtstunden irgendwie ausfüllen müssen. Alle reden darüber, wie man das Einschlafen befördert – liebe Freunde, ein für alle Mal: Schlaftees helfen nicht, danke für den Tipp – doch niemand spricht darüber, wie man die vielen Wachstunden vernünftig herumbringt.

Mediziner empfehlen, schleunigst das Bett zu verlassen, wenn der Schlaf nicht kommen will. Das kann man natürlich tun. Allerdings: Da draußen ist nicht viel los. Auf dem Sofa zu lesen ist eine gute Sache, doch meine tränenden Augen wollen das nicht mitmachen, schon nach zwei Seiten verschwimmen die Buchstaben. Putzen und Bügeln kommen für mich nicht infrage. Das sind schon bei Tage deprimierende Tätigkeiten, und in der Nacht bin ich viel zu geschwächt, um den Besen zu schwingen. Viele meiner Bekannten lieben es aber zu bügeln, denn das ist eine sehr mechanische Tätigkeit, die geradezu meditativ wirkt, wie sie meinen. Die ganz Harten putzen Bad und Küche. Ihnen ist nicht zu helfen. Aber wenigstens blitzen die Armaturen, wenn sie morgens in die Dusche taumeln.

Mit zerzausten Haaren und geschwollenen Augenlidern setzen wir uns an den Küchentisch und angeln Heringsfilets aus dem Glas.

Vernünftig ist es, in der Nacht Radio zu hören. Tanzbare Musik sollte es vielleicht nicht sein, aber die wortlastigen Beiträge von Deutschlandfunk und Deutschlandradio sind eine gute Ablenkung von tiefen Grübeleien – den Garanten langer, quälender Wachstunden. Radiostimmen lullen ein, auch wenn das Thema noch so spannend ist. So kommt es, dass ich immer dann kurz einnicke, wenn zum Beispiel die Auflösung eines Hörkrimis bevorsteht oder wenn in einer Diskussionsrunde das Fazit von zwei Stunden Dialog zum Thema "Wohin, Europa?" verkündet wird. In der Nacht fehlt einfach die physische und gedankliche Fitness. Manchmal aber surrt doch eine Synapse im Hirn des Nichtschläfers und vermeldet die Lösung eines Arbeitsproblems oder die entscheidende Zutat für ein gelingendes Rhabarber-Quark-Souf­f­lé. Wenn dann das Notizbuch bereitliegt, ist das ein schöner Moment – einer, den die Tief-und-fest-Schläfer niemals erleben werden.

Was rührt sich noch in der Nacht in deutschen Haushalten? Viele Schlaflose fangen in ihrer Verzweiflung an zu essen. Uns fällt einfach nichts Besseres ein. Mit zerzausten Haaren und geschwollenen Augenlidern setzen wir uns an den Küchentisch, knuspern Salzstangen oder angeln Heringsfilets aus dem Glas. Das suggeriert uns, dass das Leben irgendwie weitergeht und ist als Übersprungshandlung sehr verständlich. Man muss im Übrigen das Bett verlassen, um den Kühlschrank zu öffnen, und folgt damit dem medizinischen Rat. Einerseits. Anderseits ist Essen gefährlich, denn Schlaflosigkeit führt generell zu  Gewichtszunahme, sagt die Wissenschaft. Selbst ohne Zwischenmahlzeiten in der Nacht. Warum auch immer. Konzentrations- und Gedächtnisschwäche bleiben ebenfalls nicht aus. Schlechter Schlaf wird von der eigenen Physis leider auch noch bestraft.

Umso schlimmer das Wissen, dass die Anderen, die fest und selig Schlafenden, durch pure Bewusstlosigkeit auf dem Weg zur Strandfigur sind. Es macht diese Spezies noch hassenswerter. Seien wir ehrlich, wir hassen die Tief-und-fest-Schläfer mit Leidenschaft für ihre Sorglosigkeit und Grundentspanntheit. Zwar richten sie in der Welt nicht mehr Übles an als alle anderen, aber ich glaube trotzdem, dass Menschen mit rosigen Wangen und glänzenden Augen seicht und gedankenlos sind, und ich verachte sie dafür. Aus Notwehr, während ich stetig an Gewicht zunehme und langsam meinen Namen vergesse.

Während sich die Festschläfer also erholen, bleibt den meisten Schlaflosen doch nur das Surfen im Internet, die größte Zuwiderhandlung aus ärztlicher Sicht. Der Blaulichtanteil, der vom Bildschirm ausgeht, stört die Melatoninproduktion und damit den Schlaf, heißt es.

Trotz allem hat sich eine etwas bizarre YouTube-Bewegung gebildet, bei der Menschen anderen Menschen beim Einschlafen helfen. Nennt sich ASMR, die Abkürzung steht für Autonomous Sensory Meridian Response. Man muss sich zwangsläufig online aufhalten, um davon zu profitieren, es hilft leider nichts. Die YouTuber, meistens junge Frauen, tun Dinge, die auf Anhieb absonderlich wirken, und dazu flüstern sie behutsam. Eine der Videokünstlerinnen filmt sich gerne, während sie ihre Katze streichelt, eine andere faltet ganz langsam Handtücher zusammen, mit geflüsterter Anleitung, und eine Dritte tippt mit den Fingernägeln rhythmisch auf leere Schachteln. Die Geräusche in Kombination mit der gedämpften menschlichen Stimme sollen beruhigen.

Es wäre sinnvoll, allen Schlaflosen ein bedingungsloses Grundeinkommen zu gewähren, damit sie in ihrem eigenen Rhythmus Höchstleistungen erbringen können.

Wenn man einmal aufgehört hat, sich über die Menschen und ihre Umtriebe zu wundern, kann so ein Video sehr entspannend sein. Es gibt Nächte, in denen mich das sinnentleerte Geschwafel der jungen Frauen tatsächlich einschlafen lässt, wenn auch nicht für lange. Wenn ich wieder aufwache, ist längst ein anderes Video dieser Art zu sehen, zum Beispiel eines, in dem eine Frau flüsternd ihre Schuhkollektion vorstellt und sanft über Sohlen streicht. Man fragt sich, ob diese Frauen auch alle schlaflos sind und in der Nacht an ihren Videos arbeiten. Jedenfalls sind sie für mich zur wirksamsten Einschlafhilfe geworden. Wenn man schon nachts im Internet unterwegs ist, ist es übrigens ratsam, den Bildschirm sehr dunkel zu stellen. Ich bilde mir ein, dass das melatoninmäßig weniger Schaden anrichtet.

Zuletzt sollten wir uns trotz allem klarmachen, dass die Schlaflosigkeit nicht generell zu verteufeln ist. Sie könnte so schön sein. Proust-Leser wissen, dass der Autor seinen durchwachten Nächten viele Tausende Romanseiten abgewonnen hat. Etliche von ihnen handeln von der Schlaflosigkeit selbst, andere davon, was einem so durch den Kopf geht, wenn man nachts wach liegt. Marcel Proust war allerdings ein Großbürger ohne Erwerbszwang. Nachts schrieb er mit der Feder auf konventionellem, blaulichtarmem Papier, tagsüber ruhte er und abends ging er in die Salons der Gesellschaft, um geistreich zu plaudern und Gehässigkeiten für sein Werk zu notieren. Das ist eigentlich das Ideal, das ist Schlaflosigkeit mit Stil. Hätte Proust nach einer Nacht ohne Schlaf um sieben Uhr aufstehen und zehn Stunden in einer Tech-Bude arbeiten müssen, gäbe es wohl keine "Suche nach der verlorenen Zeit". Es wäre vielleicht sinnvoll, allen Schlaflosen ein bedingungsloses Grundeinkommen zu gewähren, damit sie frei nach Proust in ihrem eigenen Rhythmus auf ihre eigene Weise Höchstleistungen bringen können. In der Nacht. Befreit von den Gedanken an morgen.

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