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Sexspielzeug "Ist das noch halal?"

In Europa sind Dildos akzeptiert, in der arabischen Welt dagegen ein Tabu. Die ägyptische Filmemacherin Reem Morsi setzt sich für das Frauenrecht auf sexuelle Lust ein. Interview:

Am Internationalen Frauentag haben in Istanbul, Mossul und anderen arabischen Städten Tausende von Frauen demonstriert. Sie forderten nicht nur Gleichberechtigung und das Ende sexualisierter Gewalt, sondern unter anderem auch "Wir wollen einen Vibrator, keinen Diktator". Die Frauenrechtlerin und Filmemacherin Reem Morsi engagiert sich seit Jahren für die weibliche Emanzipation, insbesondere im arabischen Raum und in ihrer Heimat Ägypten. Für ihr neues Filmprojekt hat sie mit vielen arabischen Frauen über deren Begehren, sexuelle Vorlieben und den Gebrauch von Sexspielzeug gesprochen.

ZEITmagazin ONLINE: Frau Morsi, Sie beschäftigen sich seit Jahren mit Frauenrechten, insbesondere was sexuelle Selbstbestimmung angeht. Früher arbeiteten Sie bei verschiedenden internationalen Hilfsorganisationen wie Unicef, seit 2008 sind Sie als Filmemacherin tätig. Worum geht es Ihnen?

Reem Morsi: Es geht mir grundsätzlich um das weltweite Recht von Frauen auf sexuelle Befriedigung, das Recht auf Spaß am Sex. Viele Beziehungen leiden unter mangelnder Aufklärung und strikten Tabus. Der Schwerpunkt meiner Recherche liegt dabei in Ägypten, dem Heimatland meiner Eltern.

ZEITmagazin ONLINE: In Ägypten wird relativ spät geheiratet, oftmals erst mit deutlich über 30 Jahren. Junge Männer können sich eine Ehe meist nicht leisten, gleichzeitig soll es keinen Sex vor der Ehe geben. Das muss frustrierend sein.

Morsi: Absolut. Viele unserer Probleme wurzeln hier. Menschen, denen es finanziell eh schon schlecht geht, denen auch noch das Grundbedürfnis nach Zärtlichkeit und Sexualität verboten wird, was bleibt denen noch?

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ZEITmagazin ONLINE: Was ist mit Selbstbefriedigung?

Morsi: Es gibt einen Graubereich, was halal ist und was nicht. Viele Gelehrte sagen, dass es besser sei, zu masturbieren, als die Sünde zu begehen, vor- oder außerehelichen Sex zu haben. Aber das ist weder ein Gebot, noch wird es begrüßt. Natürlich gibt es viele konservative Gelehrte, die strikt dagegen sind.

ZEITmagazin ONLINE: Und wie ist die offizielle Haltung zu Sexspielzeug?

Morsi: Vor etwa einem halben Jahr berichteten Zeitungen darüber, dass es eine gemeinsame Aktion des ägyptischen Innen- und des Gesundheitsministeriums gab. Es war absurd. Das Gesundheitsministerium warnte Frauen davor, dass sie mit Sexspielzeug ihren Körper schädigen. Das Innenministerium soll Haftbefehle gegen Hersteller von Prothesen ausgestellt haben, die nebenbei ein paar Dildos aus Holz produziert hatten.

ZEITmagazin ONLINE: Gibt es denn so etwas wie einen Schwarzmarkt für Sexspielzeug in Ägypten?

Morsi: Ja. Ich erinnere mich an ein Geschäft in Kairo. Das war ein sehr schummriger Lingerieladen, der Besitzer saß hinter dem Tresen und rauchte eine riesige Zigarre. Ich habe mich lange darin umgeschaut. Irgendwann sagte der Mann zu mir: "Ich glaube, ich weiß, was du willst." Er öffnete eine geheime Tür hinter sich und verschwand in einem kleinen Raum. Dann kam er mit einer Plastiktüte zurück, in der mehrere Dildos lagen. Sie waren zwar neu, aber unverpackt.

ZEITmagazin Online: Warum waren die Dildos nicht verpackt?

Morsi: Er wird sie unter seiner Jacke durch die Flughafenkontrolle geschmuggelt haben.

ZEITmagazin ONLINE: Ist denn zumindest Lingerie halal?

Morsi: Es gibt einen Unterschied zwischen dem, was halal, und dem, was gesellschaftliche Norm ist. Da Lingerie für verheiratete Frauen vorgesehen ist, wird sie zumindest toleriert, denn es geht dabei ja um das Vergnügen von Männern. Alles, was Frauen Spaß machen könnte, wie Dildos oder Vibratoren, wird dagegen unterdrückt. 

ZEITmagazin ONLINE: Verstärkt das Gebot der Jungfräulichkeit dieses Tabu?

Morsi: Die Religion verlangt von Männern wie Frauen, keinen Sex vor der Ehe zu haben. Allerdings wird es eher akzeptiert, wenn ein Mann dieses Gebot verletzt. Für eine Frau wäre es allerdings ein Skandal. Viele Männer würden niemals eine Frau heiraten, von der sie wissen, dass sie keine Jungfrau mehr ist. Das ist ein gutes Beispiel dafür, wie religiöse Normen völlig verdreht werden. Die Religion macht keinen Unterschied zwischen Mann und Frau, die soziale Praxis schon.

ZEITmagazin ONLINE: Nach dem Arabischen Frühling im Jahr 2011 gab es im Westen die Hoffnung, dass sich die Situation für Frauen in Ägypten deutlich verbessern würde.

Morsi: Auch in Ägypten selbst gab es diese Hoffnung. Freunde erzählten mir, dass es zunächst einen großen gegenseitigen Respekt gab. Liberale und konservative Frauen liefen Hand in Hand. Als ich letztes Jahr selbst wieder nach Ägypten kam, war es meiner Erfahrung nach eher schlimmer als vor der Revolution.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben nach ihrem Politikstudium zehn Jahre lang als Menschenrechtsaktivistin gearbeitet. Warum haben Sie beschlossen, Filme zu drehen?

Morsi: Weil ich irgendwann gemerkt habe, dass ich nichts mehr mit meiner Arbeit erreicht habe, das hat mich extrem deprimiert. Viele der Frauen, denen ich damals in Ägypten begegnet bin, waren Opfer von Genitalverstümmelung. Ich dachte, dass ich durch das Medium Film mehr Menschen erreichen könnte, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen und einen Mentalitätswechsel zu erreichen.

ZEITmagazin ONLINE: Auch wenn in Ägypten weibliche Genitalverstümmelung mittlerweile gesetzlich verboten ist, sollen um die 90 Prozent der Frauen zwischen 15 und 49 Jahren davon betroffen sein.

Morsi: Es ist fast unmöglich, Frauen in kleineren Städten und Dörfern davon zu überzeugen, dass dies tatsächlich eine Verstümmelung ist. Das hat mich zunehmend frustriert. Deshalb habe ich nach neuen Wegen gesucht, das Thema Frauenrechte zu verhandeln. 

ZEITmagazin ONLINE: Verstehen Sie Ihre Filme als einen Aufruf an Frauen, sich selbst zu ermächtigen?

Morsi: Ja, denn meine Protagonistinnen befreien sich selbst. Sie schaffen sich und anderen eine Möglichkeit, sexuelle Befriedigung und Selbstbestimmung zu finden. Natürlich gibt es auch andere Formen der Emanzipation. Aber ich denke, dass es mit der Selbstbestimmung über den eigenen Körper beginnen muss.  

ZEITmagazin ONLINE: Sie leben in Kanada und kennen beide Welten, den Westen und die arabische Welt. Zuletzt gab es in Europa und den USA die weitreichende MeToo-Debatte. Wie unterscheidet sich Unterdrückung der Frauen im Westen von derjenigen in der arabischen Welt?

Morsi: In Ägypten und anderen arabischen Ländern kommt zur gesellschaftlichen, kulturellen Unterdrückung noch die staatliche dazu. Unterdrückung findet hier viel systematischer statt. Gleichzeitig ist die westliche Kultur viel subtiler und indirekter, wenn es um die Ausgrenzung und Marginalisierung von Frauen geht. In Nordamerika geht es viel darum, wie eine Frau aussieht, wie viel sie wiegt, ob sie sich sexy anzieht. Im arabischen Raum ist es genau andersrum, sie soll sich verhüllen. Aber in beiden Fällen wird die Frau auf ihren sexualisierten Körper reduziert. Unterdrückung und Objektifizierung gibt es hier wie dort.

ZEITmagazin ONLINE: Sie haben auf der Berlinale ein neues Filmprojekt vorgestellt. Ihre Protagonistin ist noch Jungfrau, als sie heiratet. Im Bett läuft es nicht zwischen ihr und ihrem Ehemann, daran scheitert die Beziehung. Sie verlässt ihn und gründet in Ägypten mit zwei Freundinnen einen Untergrundhandel für Sexspielzeug. Wie waren die Reaktionen auf diesen Plot? 

Morsi: Sehr interessant! Während der Berlinale habe ich eine Art Trailer des Films gezeigt. Die muslimischen Kollegen kamen zu mir und beglückwünschten mich, Männer wie Frauen. Negative Reaktionen kamen wenn dann von europäischen Männern.

ZEITmagazin ONLINE: Warum das denn?

Morsi: Es wird im Film eine Szene geben, in der sich jemand einen Gürtel mit Dildos umbindet, um damit im Flughafen durch die Kontrollen zu kommen, so wie der Besitzer des Sexshops in Kairo. Das wurde von einigen so interpretiert, als ob ich mich über Terrorismus und Sprengstoffgürtel lustig machen würde, was völliger Unsinn ist. Mir geht es nicht darum, ein Stereotyp zu bedienen oder zu provozieren: Ich will begreiflich machen, was man als arabische Frau auf sich nehmen muss, um alleine sexuelles Vergnügen zu haben und einen Orgasmus zu erleben. 

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