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Sternenkinder: Wenn das erste Bild das letzte ist

Katrin Titze ist Sternenkindfotografin. Mit ihren Bildern hilft sie Eltern, einen besonders schweren Moment zu überstehen – wenn ein Baby vor oder bei der Geburt stirbt. Von
Aus der Serie: Der Tod ist groß

Wie gehen wir Menschen damit um, dass wir alle sterben müssen? Wir wollen in der Serie "Der Tod ist groß" den Tod enttabuisieren und fragen nach seiner Rolle in unseren Leben und in unserer Gesellschaft.

Als die App auf ihrem Handy aufleuchtet, weiß Katrin Titze, dass wieder ein Kind gestorben ist. Titze bittet ihre Mutter, den dreijährigen Sohn zu sich zu nehmen und packt ihre Kamera ein. Unten auf dem Parkplatz der Plattenbausiedlung atmet sie kurz durch. Es ist ein gewöhnlicher Wintertag, 17 Uhr, sie steigt in ihren Nissan Tiida und stellt die Stereoanlage an. Im Radio läuft Techno, volle Lautstärke. Die Straßen sind leer, von ihrer Wohnung in Friedrichsfelde, in der östlichen Peripherie von Berlin, bis zum Krankenhaus in Berlin-Tempelhof braucht sie 40 Minuten. An einer Ampel schaut sie auf ihr Handy und öffnet die App. Ihr Einsatz wurde registriert. Jetzt ist es offiziell.

Katrin Titze ist eine von rund 600 Hobby- und Profifotografen in Deutschland, die ehrenamtlich auf Abruf bereitstehen, um tot geborene oder kurz nach der Entbindung gestorbene Kinder zu fotografieren, sogenannte Sternenkinder. Etwa 3.000 dieser Kinder kommen in Deutschland pro Jahr zur Welt. Verbunden sind die Fotografen durch das Projekt Dein Sternenkind, das Kai Gebel Anfang 2013 ins Leben gerufen hat. Im Dezember 2017 wurden die Sternenkindfotografinnen und -fotografen mit dem Deutschen Engagementpreis ausgezeichnet, gemeinsam machen sie rund 1.500 Einsätze pro Jahr. Eltern können sich online bei dem Netzwerk melden, über eine App werden die Einsätze dann regional koordiniert. Viele der Fotografen schreiben im Nachhinein Einsatzberichte, die sie auf der Website von Dein Sternenkind oder auf Facebook veröffentlichen. Der Einsatz an diesem Wintertag ist Katrin Titzes achter. Trotzdem ist sie nervös, als sie gegen 18 Uhr am Krankenhaus ankommt. 

Als ich aussteige, pocht mein Herz. Man weiß nie, was einen erwartet. Ich frage mich: Wie geht es den Eltern? Was ist mit dem Baby passiert? Wie sieht es aus? Ich irre durch das Krankenhaus in Tempelhof, suche den Weg zum Kreißsaal, eine automatische Tür lässt sich nicht öffnen. Am Kreißsaal angekommen, drücke ich auf die Klingel, und zwei junge Hebammen nehmen mich in Empfang. Wir sprechen kurz miteinander, dann führen sie mich zum Kind.

Als Titze den Kreißsaal betritt, ist es drückend warm. Sie sieht einen Mann Ende zwanzig, 1,80 groß, lichte Haare, roter Pullover, an einem Wickeltisch stehen. Darauf liegt ein Neugeborenes unter einer Wärmelampe. Es sieht aus, als würde es schlafen. 

Ihre erste Kamera schenkten ihr ihre Eltern, als sie zehn Jahre alt war. Heute arbeitet Katrin Titze neben ihrer Tätigkeit in einer Berliner Behörde als freiberufliche Fotografin. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Mitte Dezember vergangenen Jahres waren Julian und Maya Brandt noch über den Weihnachtsmarkt von Liebenberg nördlich von Oranienburg geschlendert. Maya war da im achten Monat schwanger. Ein paar Jahre zuvor war sie zum Studium nach Berlin gekommen, auf einer Party traf sie Julian. Die beide verliebten sich ineinander; als Maya schwanger wurde, heirateten sie.

Irgendwann an diesem Nachmittag auf dem Weihnachtsmarkt fiel Maya auf, dass das Baby schon länger ganz ruhig war. Umgeben von Menschen, Musik und Marktständen mit Kunsthandwerk ahnte sie, dass irgendwas nicht stimmte. Am kommenden Tag las sie sich im Internet Schwangerschaftsforen durch. In der 32. Schwangerschaftswoche noch ein Kind zu verlieren, sei so gut wie unmöglich, hieß es dort. Einen Tag später hatte sie einen Termin beim Gynäkologen. Der Arzt ist ihr Nachbar, ein älterer Herr kurz vor der Pension. Nach dem Ultraschall schaute er Maya verloren an. Dann sagte er: "Das Herz des Kindes hat aufgehört zu schlagen."

Als das Kind wenige Tage später im Klinikum in Tempelhof zur Welt kommt, schreit es nicht, es weint auch nicht, es rührt sich nicht. Maya war das natürlich bewusst. Trotzdem kann sie kaum hinsehen. Die Hebammen nehmen das Kind, waschen es und ziehen es an. Dann legen sie es auf den Wickeltisch unter die Wärmelampe, um die Leichenstarre zu verzögern. Plötzlich empfindet Maya ein regelrechtes Glücksgefühl. Ihr Mann Julian steht neben ihr. Auch er fühlt sich erlöst. Seine Frau hat die Geburt gut überstanden. Dann schauen beide das Kind an. "Ist die schön", denkt Julian und nimmt Maya in den Arm.

Vor jedem Sternenkind-Einsatz, zu dem Katrin Titze fährt, fühlt sie eine innere Anspannung. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

In diesem Moment wendet sich eine der Hebammen an Maya und Julian und erzählt ihnen von Dein Sternenkind. Man könnte einen Fotografen bestellen, um das Kind zu porträtieren. Aber es müsse jetzt schnell gehen. Erst zweifeln beide. Nach ein paar Minuten sagt Maya zu Julian: "Vielleicht wäre es schön, solch ein Bild zu haben?" Sie füllen online schnell ein Formular aus, wenige Minuten später meldet sich ein Mitarbeiter. Eine Stunde später steht Katrin Titze im Kreißsaal.

Maya und Julian begrüßen sie verhalten. Während Titze ihre Jacke auszieht und ihre Kamera auspackt, beginnen die drei, über das Kind zu sprechen. Über das Herz, das nicht mehr schlagen wollte, das Gefühl, als Mutter einen leblosen Körper im Leib zu tragen. Und den Namen, dem sie dem kleinen Mädchen gegeben haben: Lara. Titze legt ihre Uhr ab, das macht sie immer bei diesen Einsätzen, um das Zeitgefühl ein wenig zu verlieren.

Eigentlich habe ich Angst vor Krankenhäusern. Wenn es meine Familie betrifft, sind die Besuche dort eine Qual für mich. Seltsamerweise funktioniert das während der Sternenkind-Einsätze ohne Probleme. Vielleicht ist der Unterschied, dass es fremde Menschen betrifft, zu denen ich zunächst keine Bindung habe. Klar kommen in mir die Emotionen hoch, aber ich versuche, mich mit meiner Arbeit, mit dem Handwerklichen abzulenken. Die Kamera hilft mir dabei, sie steht zwischen mir und dem Geschehen wie ein Schutzschild.

Katrin Titze ist fast 40 Jahre alt. Sie ist alleinerziehend, hat drei Kinder von drei Männern auf die Welt gebracht. Die Älteste und der Jüngste leben bei ihr, der Mittlere wohnt überwiegend bei seinem Vater.

Zwei ihrer drei Kinder leben bei ihr, der Jüngste und die Älteste. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Die Hebammen haben Lara mittlerweile umgezogen und sie auf das Entbindungsbett gelegt. Titze weiß, dass sie sich jetzt beeilen muss, bald setzt die Leichenstarre ein. Die Eltern halten sich zunächst im Hintergrund, während Titze das Deckenlicht einschaltet und sich dem Kind behutsam nähert. Vorsichtig legt sie das Kind zurecht, ein wenig zur Seite, die Arme und Beine so, dass sie sie gut fotografieren kann. Sie beginnt mit Detailaufnahmen der Füße und der Hände.

Es fällt mir nicht immer leicht, nicht selbst emotional zu werden. Manchmal muss ich auch an meine eigenen Kinder denken, an die Geburt meines zweiten Sohnes, die auch nicht so einfach war.

Katrin Titzes Leben ist nicht immer einfach verlaufen. Sie ist im letzten Jahrzehnt der DDR aufgewachsen. In der Schule hatte sie Probleme, ein Bachelorstudium Public Management hat sie abgebrochen, mit 20 wurde sie zum ersten Mal mit ihrer ältesten Tochter schwanger. Mit Mitte 30 hat sie eine Umschulung zur Kauffrau für Bürokommunikation gemacht und schließlich einen Job in einer Berliner Behörde gefunden. "Mehr wollte ich gar nicht", sagt sie. Im Sommer 2016 stieß sie bei Facebook auf einen Beitrag über Dein Sternenkind. Irgendetwas daran hat sie nicht mehr losgelassen, was genau, kann sie nicht sagen. Aber die Sternenkinder verfolgten sie bis in ihre Träume. Nach mehreren Monaten beschließt sie: "Ich will das auch probieren." Ihre Eltern hatten ihr mit zehn Jahren eine analoge Kamera geschenkt, seither hat sie fotografiert, Freunde, Natur, Pflanzen, Tiere, Hochzeiten. Das Fotografieren, es hat Katrin Titze schon immer beruhigt.

Katrin Titze ist in dieser Plattenbausiedlung in Berlin-Friedrichsfelde aufgewachsen, ihre Mutter lebt einen Aufgang weiter. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Im Kreißsaal spürt Katrin Titze, wie die Wärme des Kindes langsam abnimmt. Mit jedem Grad weniger wächst bei ihr ein Gefühl der Fremdheit dem Körper gegenüber. Für das letzte Bild fragt sie Maya und Julian nach deren Eheringen und legt sie zu Füßen des Kindes. Die Eltern bittet sie, hinter das Bett zu treten. So entsteht ein letzter Moment der Vertrautheit. Und das erste – und letzte – Familienbild.

Anfangs hatten Maya und Julian noch gezweifelt, ob sie eine fremde Person in diese so kurze und so intime Situation lassen wollen. Jetzt fühlen sie sich wie erlöst. Es berührt sie, dass jemand Fremdes so viel Aufmerksamkeit für ihr Kind zeigt. Seit zwei Stunden reden sie nun schon über Lara, die Ehe, die Träume von der eigenen Familie. Irgendwann spürt Katrin Titze, dass es Zeit ist, zu gehen.

Kurz nach 20 Uhr verabschieden wir uns herzlich voneinander. Auf der Suche nach meinem Auto geht mir der Abend durch den Kopf. Klar ist jeder Einsatz anders, aber dieser war besonders, die Eltern strahlten trotz der offensichtlichen Tragik eine große Kraft aus. Im Auto angekommen, gebe ich im Forum Bescheid. Wieder ein Einsatz erledigt. Dann drehe ich das Radio laut auf und fahre nach Hause.

Später, zu Hause, sichtet sie die Aufnahmen. Auf ihrem alten Laptop finden sich viele Ordner voller Fotos, die meisten sind schwarz-weiß oder in Sepiatönen, Porträts von Babys, die aussehen, als würden sie schlafen. Bilder winziger Details, von Händen oder Füßen, die Haut manchmal fast transparent. Und Familienbilder. Sie legt einen Ordner für Lara an. Jeder dieser Ordner ist ein Sternenkind, jedes der Bilder ein Detail, eine Vergrößerung der Welt, eine Erinnerung. Titze hat jeden Fall, den sie übernahm, akribisch aufgelistet: wie das Kind hieß, wie alt es war, als es zur Welt kam, wie es aussah, sogar die Kilometer zum Krankenhaus und zurück.

Auf Katrin Titzes Laptop finden sich Ordner voller Fotos. Jeder dieser Ordner ist einem Sternenkind gewidmet. © Maria Sturm für ZEIT ONLINE

Am nächsten Tag stellt Katrin Titze eine Auswahl für Maya und Julian zusammen, druckt sie aus und verschickt sie in einer kleinen Box. Dieser letzte Akt ist ihr wichtig. Es ist ein persönlicher Abschied, auch für Katrin Titze.

"Der Tod ist ein Tabu. Alle haben Angst davor", sagt sie, "aber als mein Vater starb, wollte ich ihn unbedingt noch mal sehen. Eine Erinnerung mit mir tragen. Das hat mir die Angst genommen." Mit ihren Bildern will Katrin Titze auch den Eltern der Sternenkinder eine Erinnerung schenken. Und wahrscheinlich nimmt ihr jeder der Einsätze selbst ein wenig Angst vor dem Tod.

Ein paar Tage später kommt die Box mit den Bildern bei Maya und Julian an. Maya legt sie auf den Küchentisch. Nach einer Weile setzen sich beide zusammen an den Tisch. In wenigen Tagen soll ihr Kind begraben werden. Irgendwann öffnen sie die Kiste, schauen sich die Bilder an. Sie sehen den kleinen Fuß ihrer Tochter, den hölzernen Stern, den Katrin Titze Lara mit auf die Reise gegeben hat, ein Foto zeigt die Hände der Eltern, in denen Laras Hand liegt. Davor sieht man die beiden Eheringe. Dieses Bild werden Maya und Julian später auf die Einladungen zur Trauerfeier drucken lassen, als Abschiedsgruß.

Katrin Titze wird da schon zwei weitere Einsätze hinter sich haben.

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