Stille Geburt: Wenn wir morgen aufwachen, ist er tot

Die Entscheidung

Wenige Tage später sitzen Anna und Mika in der Praxis eines Kinder- und Neurochirurgen. Bei beiden Diagnosen sei nicht zu 100 Prozent vorhersehbar, wie schwerwiegend sie ausfallen werden. Doch der Hydrocephalus ist sehr stark ausgeprägt, das kann er mit Sicherheit sagen. Wenn die Flüssigkeitsräume im Kopf massiv erweitert sind, lässt dies auf einen Hirnentwicklungsdefekt des Ungeborenen schließen. Das heißt, das Gehirn des Babys kann sich nicht richtig weiterentwickeln. Der Arzt zählt dem Ehepaar auf, welche Operationen wann, wie und wo stattfinden müssten, was direkt nach der Geburt geschehen kann und was erst einige Wochen später. "Nur noch vier Monate, dann wird so also mein Leben aussehen", denkt Anna.

"Überlegen Sie sich, ob Sie mit dem Schlimmsten umgehen könnten", sagt der Arzt. "Wenn Sie glauben, das zu schaffen, spricht nichts dagegen, sich für das Kind zu entscheiden."

Das Schlimmste. Das wäre für Anna, dass ihr Sohn niemals sprechen lernt, dass sie keinen Weg finden, mit ihm kommunizieren. Dass er starke Schmerzen hat. Dass ihn ein Leben im Krankenhaus, mit ständigen Operationen, mit ewigen Ängsten erwartet. Kann sie das schaffen? Kann die Ehe das aushalten? Müssen sie umziehen, in die Nähe von Annas Familie, weil sie auf permanente Hilfe angewiesen sein werden? Wird sie weiter arbeiten können, als Architektin? In Annas Kopf explodieren die Fragen.

Aaron ist jetzt krank, wir schicken ihn noch mal zurück, damit er gesund wiederkommen kann.
Pastorin

In den nächsten Tagen sitzt sie einfach nur im Schlafanzug auf dem Sofa, bis ihr Mann von der Arbeit nach Hause wiederkommt. Einzig die Termine bei ihrer Psychologin nimmt sie wahr. Für die vier Stationen mit der U-Bahn vermummt sie sich, versteckt sich hinter Mütze und Sonnenbrille, verstöpselt ihre Ohren mit Kopfhörern. Sie hat Angst vor Blickkontakt, Angst vor zu viel Nähe, Angst, Bekannte zu treffen, die sie nach ihrer Schwangerschaft fragen könnten.

Mit Mika, ihrer Mutter, ihrer Psychologin wägt sie jedes Argument und jedes Szenario immer wieder ab – bis die Gewissheit schließlich da ist: Sie will den Abbruch. Zu groß erscheinen ihr die Herausforderungen, die sich vor ihr auftürmen. Es dauert noch einige Tage, bis Anna sich traut, ihre Entscheidung laut auszusprechen.

Bevor der Schwangerschaftsabbruch jedoch wirklich durchgeführt werden kann, muss sich Anna einem Komitee der Klinik vorstellen, das der Entscheidung geschlossen zustimmen muss. Sie spricht mit fünf Personen: einer Pastorin, einem Kinderarzt, einer Hebamme, einer Psychologin und dem zuständigen Gynäkologen. "Aaron ist jetzt krank, wir schicken ihn noch mal zurück, damit er gesund wiederkommen kann", sagt die Pastorin. Dieser Satz hilft Anna am meisten.

Der Eingriff

Anna wartet auf eine Rückmeldung der Klinik, wann sie kommen darf; sie hat mittlerweile die 24. Schwangerschaftswoche abgeschlossen. Ihre Mutter reist an, sie gehen spazieren, kochen gemeinsam, reden über alles Mögliche. Gleichzeitig versucht Anna, diese letzte Zeit so bewusst wie möglich mit Aaron zu verbringen. Mika hat zu diesem Zeitpunkt schon Abschied genommen, er will und kann sich nicht mehr auf den Kontakt zu seinem Sohn einlassen.

Anna überlegt, was Aaron nach seiner Geburt tragen soll und entscheidet sich für ein weiches, weißes Leintuch, in das er gewickelt werden kann. Sie besorgt Geschenke, die sie ihm mitgeben will: ein Sorgenpüppchen, winzige Armbänder aus Wollfäden und zwei kleine Amethysten. Die violetten Steine stehen in der Esoterik für Stärke. Wie jede werdende Mutter packt sie eine Kliniktasche: bequeme Kleidung für sich, Musik, Wehen-Öl, Kerzen und Palo-Santo-Öl, das reinigend wirken soll. Damit will sie Aaron einreiben.

"Sie können jetzt kommen, wenn Sie bereit sind." Anna kann kaum antworten, hält den Telefonhörer in der Hand und räuspert sich schließlich: "Ja, okay", sagt sie und legt auf.  Immer, wenn sie traurig ist oder Angst hat, kann sie den Kontakt zu anderen Menschen und deren Trost kaum ertragen. Sie geht allein ins Bad, aus dem Sichtfeld ihrer Familie, schließt die Tür und weint. Jetzt ist es also so weit.

Mit ihrem Mann und ihrer Mutter bricht sie auf, sie reden nur das Nötigste auf dem Weg zur Klinik: Stell mal das Navi ein, guck, hier ist ein Parkplatz. Da es schon Abend ist, herrscht in der Klinik kein regulärer Betrieb mehr; einzig der Arzt und eine Schwester warten auf Anna. So muss sie keine glücklichen Schwangeren sehen, keine dicken Bäuche.

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