Stille Geburt Wenn wir morgen aufwachen, ist er tot

Es gibt mehrere Varianten, um das Leben des Ungeborenen noch im Bauch der Mutter zu beenden. Anna entscheidet sich für das Spritzen eines Muskellähmungsgifts ins Fruchtwasser. Aarons Herz wird dadurch immer langsamer schlagen und schließlich stehen bleiben. "Diesen Weg kann ich noch am ehesten ertragen", sagt sie.

Sie unterschreibt die notwendigen Formulare und geht in das Zimmer, das sie noch von der Diagnose wenige Wochen vorher kennt. Es riecht nach Desinfektionsmitteln, es ist nichts zu hören außer dem Summen der Technik. Niemand spricht. Anna versucht, sich an das zu halten, was sie mit ihrer Psychologin erarbeitet hat. Sie konzentriert sich ganz auf sich und Aaron und schafft es, alles um sie herum auszuschalten. Als sie die Spritze spürt, atmet sie gleichmäßig und tief. Ein und aus.

Zu Hause legt sich Anna auf ihr Bett. Sie weiß, wenn sie morgen früh aufwacht, wird Aaron schon nicht mehr leben. Sie achtet auf seine Bewegungen, massiert ihren Bauch mit Lavendelöl, will ihn damit streicheln. Sie spielt ihm klassische Musik vor. "Vielleicht beruhigt ihn das", denkt sie. Sie will nicht, dass er Angst hat. Irgendwann schläft sie ein.

Die Geburt

Der Wecker klingelt. Anna steht auf. Geht ins Bad. Nimmt die Tabletten, die der Arzt ihr gestern mitgegeben hat, damit die Wehen ausgelöst werden. Dann fährt sie mit ihrer Mutter und Mika ins Krankenhaus.

Die Märzsonne scheint warm durch das Fenster ihres Einzelzimmers. Im Hintergrund läuft wieder klassische Musik, während Annas Wehen langsam stärker und schmerzhafter werden. Alle zwei Stunden bekommt sie von der Krankenschwester das Wehenmittel und nach Bedarf Schmerzmedikamente; regelmäßig kontrolliert die Hebamme ihren Muttermund.

Die Sonne geht unter. Annas Wehen sind nun sehr stark und sie wird in den kleinen Kreißsaal gebracht. Die Wände sind in einem dunklen Lila gestrichen, einzig am Waschbecken brennt ein wenig Licht. Anna fühlt sich wie in einem sicheren, ruhigen und friedlichen Kokon.

Die Hände hat er von mir. Die Füße kommen eher nach dem Papa.
Anna Behrendt

Es dauert noch einige Stunden, bis sie schließlich anfängt zu pressen. Mit aller Kraft konzentriert sie sich auf die Geburt. Nur sie und Aaron zählen in diesem Moment. Nach der zweiten Presswehe ist sein Kopf zu sehen, Anna fasst intuitiv nach unten und fühlt ihn zwischen ihren Fingern. Nach der nächsten Wehe ist Aarons Kopf draußen. "Könnt ihr ihn sehen?", ruft Anna. Ihre Mutter schaut hoch zu ihr, löst ihren Blick vom Gesicht ihres Enkels. "Ich kann ihn sehen", sagt sie. Noch einmal pressen, dann ist er geboren.

Erst jetzt ist zu spüren, dass diese Geburt anders ist als andere. Alles bleibt ruhig, Aaron schreit nicht.

Anna schaut in das Gesicht ihres Sohns, betrachtet alle Details: seine winzigen, geschlossenen Augen, die Stupsnase und seinen dunkelroten Mund, aus dem, nicht ungewöhnlich für Down-Syndrom-Kinder, die Zungenspitze ein wenig heraushängt. Sein Kopf ist vergrößert, deutlich ist der Hydrocephalus zu erkennen. "Die Hände hat er von mir", denkt sie. Die Füße kommen eher nach dem Papa.

Sie schwebt wie auf einer Wolke, allein mit ihrem Sohn, getragen von den Hormonen, die bei der Geburt ausgeschüttet wurden und von der Erleichterung, die schmerzhafte Entbindung geschafft zu haben. Ihre Trauer wird später kommen.

Der Abschied

Die ganze Nacht bleiben sie alle im Kreißsaal. Abwechselnd nehmen sie Aaron, der mittlerweile in sein Leinentuch gewickelt wurde, auf den Arm, küssen und streicheln ihn. Anna legt Aaron die Wollarmbänder an; an jedes Handgelenk eins, dazu jeweils ein kleiner Amethyst. Sie reibt ihm ein wenig Öl auf die Stirn und cremt raue Stellen auf seinen Lippen ein.

Vorher hat Anna vereinbart, dass eine Sternenkind-Fotografin – Fotografen, die ehrenamtlich Bilder verstorbener Neugeborener machen – zu ihr in die Klinik kommt. Wenige Stunden nach Aarons Geburt ist sie da.

Die Sonne geht auf. Aaron wird in ein Weidenkörbchen gelegt, eine Pastorin kommt und bringt Geschenke für ihn: ein Holzkreuz und einen Bronzeengel. Anna weiß, dass sie Aaron nun gehen lassen muss. Eine Krankenschwester nimmt ihren Sohn mit.

Kaum ist sie zu Hause, wird die Trauer real: Anna vermisst ihr Baby, will unbedingt zurück ins Krankenhaus, hält den Schmerz kaum aus. Sie liegt den ganzen Tag im Bett, weint pausenlos, sucht absichtlich Streit mit ihrem Ehemann. Sie weiß nicht, wohin mit dieser Einsamkeit, die sie auf einmal spürt. 

Zwei Tage später

Anna darf Aaron noch einmal sehen: in der Pathologie des Krankenhauses. Als die Tür geöffnet wird, schafft sie nur einen winzigen Schritt in den Raum hinein. Das wird der endgültige Abschied sein. Die Tränen laufen ihr über das Gesicht,  Anna kann kaum etwas erkennen. Schritt für Schritt tastet sie sich weiter vor, geht auf ihren Sohn zu. Seine Hände liegen übereinander auf seinem Bauch, zwischen den Fingern das Sorgenpüppchen. Er sieht verändert aus, der Tod ist nun nicht mehr zu übersehen. Anna nimmt ihm eins der beiden Armbänder ab, um es für sich aufzuheben. Das zweite behält Aaron.

In den Wochen nach der Bestattung verlässt Anna das Haus nur, um zu ihrer Psychologin und zur Nachuntersuchung bei der Ärztin zu gehen. Oft glaubt sie, den wahnsinnigen Schmerz nicht länger aushalten zu können. Und gleichzeitig spürt sie eine große Liebe zu ihrem Sohn. "Diese Liebe hat mich durch die ganz schweren Tage getragen", sagt sie heute. Unendliche Mutterliebe, die mit einer unendlichen Trauer ums eigene Kind zusammenfällt – darauf kann einen niemand vorbereiten. "Wer soll sich so etwas auch vorstellen können?",  fragt sie.

Sieben Monate später

Anna arbeitet wieder als Architektin, geht zum Yoga und wieder auf Reisen. Dann kommt plötzlich der Moment, in dem sie mit ihrem Mann über ihren Wunsch nach einem zweiten Kind reden will. Zunächst blockt er ab: "Das ist zu früh, ich bin noch nicht so weit", sagt er.

Wenige Wochen danach kommt Mika von der Arbeit nach Hause und sagt: "Anna, jetzt. Lass uns loslegen."

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