© Radio Bremen/Christine Schröder

"Tatort" Bremen Beim Sterben ist man nie allein

Verzweifelte Angehörige, vernachlässigte Patienten: Dieser "Tatort" aus Bremen geht dahin, wo es richtig wehtut: mitten hinein in das kranke deutsche Pflegesystem.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Der Rentner Horst Claasen hat seine demenzkranke Frau getötet. War es Mord oder der verzweifelte Versuch, sie aus einem unwürdigen Leben zu erlösen? Und konnte sich Claasen die häusliche Pflege tatsächlich nicht mehr leisten? Inga Lürsen (Sabine Postel) und Stedefreund (Oliver Mommsen) geraten in die Abgründe eines Systems, in dem Pflegebedürftige als Umsatzfaktor gelten, die Betreuung in mafiaähnlichen Strukturen organisiert wird und Angehörige in ihrer Überforderung alleingelassen werden. Im toten Winkel aus Bremen ist ein Tatort zum Wachrütteln mit fast dokumentarischen Zügen. "Was da draußen passiert, ist so hart", sagt der Regisseur Philip Koch über den deutschen Pflegenotstand.   

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Über die Frage, wie sie eigentlich sterben wollen. Stichwort: Patientenverfügung.

Lars-Christian Daniels: Über den titelgebenden toten Winkel und die mangelhaften Rahmenbedingungen für die häusliche Pflege, die dieser Tatort gnadenlos offenlegt. "Es ist deutsche Realität in komprimierter Form", sagt Hauptdarstellerin Sabine Postel dazu.

Matthias Dell: Über den Pflegenotstand.

Kirstin Lopau: Zunächst wird man zum Hörer greifen und die eigenen Eltern anrufen und sich nach deren Befinden erkundigen. Danach wird man sich eher stille Gedanken darüber machen, wie das mal werden soll, wenn man selbst alt und pflegebedürftig ist. Und wenn Sie hier eine Panikattacke bekommen haben, gehen Sie vielleicht mal mit dem Hund. 

2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: Beim Sterben ist man nie allein, der eigene Tod ist immer ein Ereignis, bei dem andere Menschen involviert sind. Ob man will oder nicht.

Lars-Christian Daniels: Spätestens seit dem viel diskutierten TV-Auftritt eines engagierten jungen Altenpflegers im Wahlkampf zur Bundestagswahl 2017 und seinem flammenden Appell an Bundeskanzlerin Angela Merkel dürfte auch der Letzte begriffen haben: Das deutsche Pflegesystem krankt an allen Ecken und Enden. Wie das dann in der Praxis aussehen kann, zeigt dieser starke Bremer Tatort mit sehr eindringlichen Bildern.

Matthias Dell: Augen auf bei der Wahl der Kommunikationsmittel! Vater Claasen hätte für seine Mitteilung an die Polizei besser einen Brief geschickt, als es per Telefon zu versuchen.

Kirstin Lopau: "Wir haben uns das Leben einfach nicht mehr leisten können", sagt Horst Claasen nach der jahrelangen Pflege seiner an Alzheimer erkrankten Frau. Wir sehen mit bangem Blick auf das Pflegesystem in Deutschland, erahnen, was für Abgründe darin versteckt sind und werden mal wieder bestätigt in der Annahme, dass es immer noch Menschen gibt, die aus der Not anderer Profit schlagen. Bedrückender als in diesem Tatort kann dies wohl kaum gezeigt werden. Dazu sehen wir noch die unendliche Aufopferung und die Arbeit unter Hochspannung von pflegenden Angehörigen (von Alzheimerpatientinnen bis hin zur Intensivpflege zu Hause), und der Abend ist emotional vollends gelaufen.

3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Würdevoll sterben, wie geht das?

Lars-Christian Daniels: "Wann stirbst du endlich, Mama!?"

Matthias Dell: Was wird denn nun aus dem Hund von Familie Claasen?

Kirstin Lopau: Was passiert mit uns allen, wenn wir alt und pflegebedürftig sind?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Der überforderte Sohn des alten Herren, der sich hier am Anfang das Leben nehmen will, ist auch in seinem Spiel wirklich – überfordert.

Lars-Christian Daniels: Keine. Und was Dörte Lyssewski in der Rolle der mit der Pflege ihrer Mutter überforderten Akke Jansen abliefert, ist sehr beeindruckend. 

Matthias Dell: Keine. 

Kirstin Lopau: Ein bisschen mehr Stedefreund hätte ich mir persönlich gewünscht. Inga Lürsen ist diesmal sehr gut!

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: So viele Bilder von schreienden Alten und röhrenden Maschinen: Nach diesem Krimi über den Pflegenotstand schläft man so oder so schlecht.

Lars-Christian Daniels: Kein Tatort zum Einschlafen und erst recht keiner zum Träumen. Es ist ein Tatort zum Wachrütteln.

Matthias Dell: Vom Hund der Familie Claasen, der Männchen an der Schlafzimmertür macht, weil er vom Drama dahinter ausgeschlossen ist – was für ein sensibles Tier!

Kirstin Lopau: Von Max am Pflegebett seiner Mutter und vom Vater, der die Bestechungskohle der Polizei übergibt.

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 2 Schlafmützen 😴😴

Lars-Christian Daniels: 2 Schlafmützen 😴😴

Matthias Dell: 7 Schlafmützen 😴😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 3 Schlafmützen. Ein aufrüttelndes Thema mit ein paar Längen. 😴😴😴

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