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"Tatort" Köln Könnte Las Vegas sein

Der Kölner "Tatort" setzt auf Testosteron, das Primetime-Niveau erreichen aber nur die Frauen. Da kann Kommissar Ballauf noch so sehr auf einsamer Wolfsbarsch machen.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

Im Kölner Tatort: Mitgehangen wird ein Auto in einem See versenkt, im Kofferraum findet die Polizei eine Leiche. Die Kommissare Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) beginnen zu ermitteln. Schnell wird klar: Der Tote war der stadtbekannte Autonarr und Raser Florin Baciu. Baciu war Teilhaber in Matthes Grevels (Moritz Grove) profitablem Reifenhandel, seine Geschäfte liefen allerdings nicht immer legal. Bald gerät Familienvater Grevel unter Mordverdacht. Wurde Baciu in der Montagehalle seiner Firma erschossen und dann zum Baggersee gebracht?

1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß: Darüber, ob die Reifen am Auto noch genug Profil haben. Dieser Milieu-Krimi spielt bei einem Reifenhändler, und das Heizer-und Schrauberumfeld wird so bunt und lustvoll in Szene gesetzt, dass man nur zu gerne mit den Charakteren über Alufelgen und Sportreifen philosophieren will.

Lars-Christian Daniels: Über Norbert Jütte (Roland Riebeling), den neuen Assistenten im Kölner Tatort, der mit seiner unerschütterlichen Gemütlichkeit und seinem schneckenähnlichen Arbeitstempo jede Szene in diesem Tatort stiehlt: "Einarbeiten dauert natürlich!"

Matthias Dell: Über den "neuen Trendsport Schwimmen", wie es in Ballaufs Zeitschrift heißt.

Kirstin Lopau: Darüber, dass Freddy das erste Mal allein (!), ohne Max, Currywurst an der Bude essen muss, weil der lieber seiner Midlife- und Job-Krise davonschwimmt. Natürlich werden wir auch ein Wort verlieren über den neuen Kollegen "Jütte", der Tobias ersetzt (dieser weilt fröhlich frisch verheiratet in Las Vegas und hat den Job hingeschmissen). 

2. Was haben Sie aus diesem "Tatort" gelernt?

Christian Buß: "Die meisten hier drin wären mit einer Prostituierten besser bedient." Das sagt eine Gefängniswärterin zu der Ehefrau des Verdächtigen, nachdem diese mit ihrem Mann im unpersönlichen Rahmen einer Besuchszelle traurigen Sex gehabt hat.

Lars-Christian Daniels: Allein Currywurst essen ist auch irgendwie nix.

Matthias Dell: Dass die Termine, die die Polizei in der schicken Schwimmhalle bekommt, nur von wenigen genutzt werden.

Kirstin Lopau: Für Bicolor-Felgen und Sportbereifung gibt es einen Markt. Wir lernen außerdem, dass die Aufnahme in der JVA kein Zuckerschlecken ist und vor allem, dass Frau zum Langzeitbesuch in der JVA keinen Bügel-BH tragen sollte (auch wenn er noch so rot ist). Und zu guter Letzt lernen wir noch den gemeindeutsch fachsprachlichen Plural von Kran.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Und, wie schnell schwimmt Ballauf jetzt 100 Meter Kraul? Der frustrierte Polizist zieht hier zum Abreagieren seine Runden, am Ende nimmt Kollege Schenk seine Zeit.

Lars-Christian Daniels: Was hat sich der WDR nur wieder bei diesem Soundtrack gedacht? Schon im letzten Kölner Tatort: Bausünden konterkarierten die monoton-repetierenden Akkorde das Geschehen oft eher, als für Dynamik zu sorgen. Das ist diesmal nicht anders.

Matthias Dell: Warum wollte Grevel Jr. den neuen Lover der Mutter umbringen, wo der im Falle seines Schuldigseins doch eh ins Gefängnis käme?

Kirstin Lopau: Was wird nun aus dem Reifenhandel, wer kauft ernsthaft Bicolor-Felgen und zahlt Freddy sein Ticket?

4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Gegen die beiden starken Hauptdarstellerinnen – Lana Cooper als Chefin einer Baustofffirma, Lavinia Wilson als Chefin einer Reifenhändlerfirma – kommen die Männer nicht an.

Lars-Christian Daniels: Lavinia Wilson ist eine der besten deutschen Schauspielerinnen, in diesem Tatort aber eine Fehlbesetzung. Abgekauft habe ich ihr weder die gestresste Mutter zweier Kinder noch die von Finanznöten geplagte Übergangswerkstattleiterin und Ehefrau des Hauptverdächtigen. Auch sonst agiert der Cast nicht immer auf Primetime-Niveau.

Matthias Dell:  Keine. 

Kirstin Lopau: Keine.

5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von Ballauf, dem einsamen Wolfsbarsch, der seine Runden durchs Wasser zieht, weil er niemanden hat, mit dem er seine Freizeit verbringen könnte.

Lars-Christian Daniels: Hobby-Schwimmer Ballauf springt in der letzten Einstellung des Films in Zeitlupe ins Schwimmbecken – mit einem derart miserablen Kopfsprung, dass man sich fragen muss, ob er in diesem Tatort tatsächlich noch sein Seepferdchen nachholen wollte.

Matthias Dell: Vom Leitersturz in der Fechthalle. Das sah doch relativ ungemütlich aus.

Kirstin Lopau: Von Aalen mal wieder. Igitt!

6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 2 Schlafmützen 😴😴

Lars-Christian Daniels: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Matthias Dell: 5 Schlafmützen 😴😴😴😴😴

Kirstin Lopau: 3 Schlafmützen 😴😴😴 Langatmig, aber ok.

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