© Jacobia Dahm für ZEITmagazin ONLINE

Berliner Tafel "Wir haben genug zu essen für alle, es ist nur völlig falsch verteilt"

Sabine Werth gründete in Berlin 1993 die erste Tafel. Sie weiß, was Hartz IV und Flüchtlingskrise für die Armen in Deutschland bedeuten. Was muss sich ändern, Frau Werth? Interview:

Mitten in den fetten Jahren der Kohl-Regierung gründete Sabine Werth eine Tafel, um Obdachlose im kalten Berliner Winter mit einer warmen Mahlzeit zu versorgen. Das war 1993, und ihre Tafel war die erste Deutschlands. Ein Vierteljahrhundert später gibt es nach diesem Vorbild 937 Tafeln in Deutschland. Was ist in den vergangenen 25 Jahren passiert? Wir haben sie zum Gespräch auf dem Gelände des Berliner Großmarkts getroffen, wo sie für die Berliner Tafel e.V. Lebensmittel sammelt, sortiert und weitergibt.

ZEITmagazin ONLINE: Frau Werth, Sie verteilen mit der Tafel überschüssige Lebensmittel an Bedürftige. Gleichzeitig führen Sie den Händlern so deutlich wie sonst kaum jemand vor, dass im Überfluss produziert wird. Arbeiten Sie damit nicht zugleich immer auch an Ihrer eigenen Abschaffung?

Sabine Werth: Na klar! Aber das macht nichts, wenn ich gleichzeitig das Gefühl habe, dass weniger produziert wird und weniger weggeworfen werden muss. Doch so lange wir so viel bekommen und so viele Menschen für Nahrung anstehen, kann etwas nicht totgeschwiegen werden: das Thema Armut. Irgendwann ist ja auch die Diskussion über die Essener Tafel inhaltlich gekippt, und es ging nicht mehr um Flüchtlinge, sondern um Armut in diesem Land.

ZEITmagazin ONLINE: Der Vorsitzende des Essener Tafel-Trägervereins, Jörg Sartor, hatte im Februar 2018 verkündet, einen Aufnahmestopp für Ausländer zu verhängen. Sie machten 75 Prozent der Bezugsberechtigten aus, das schrecke Deutsche ab. Haben Sie mit ihm darüber gesprochen?

Werth: Nein, warum auch? Nur weil ich der Meinung bin, dass sich Jörg Sartor falsch verhält? Alle Tafeln in Deutschland haben Tafel-Grundsätze des Bundesverbandes unterschrieben. Einer der Grundsätze besagt: Es geht nicht nach Herkunft, sondern nach Bedürftigkeit. Damit ist es völlig ausgeschlossen, was die Essener Tafel gemacht hat. Gerade in der politisch angespannten Situation, in der wir uns derzeit befinden, kann es wirklich nicht heißen: Ich nehme nur noch Deutsche. Ein anderer Tafel-Grundsatz lautet: Wir zahlen nicht für die Lebensmittel, wir geben sie ab für einen symbolischen Betrag.

ZEITmagazin ONLINE: Wie hoch ist dieser symbolische Betrag?

Werth: In Berlin liegt er meistens bei einem Euro pro Ausgabe, egal, wie viele Lebensmittel es sind. In anderen Städten sind es 1,50 oder zwei Euro. Jede Tafel unterschreibt zwar die Tafel-Grundsätze, kann dann aber gestalten, wie sie es für richtig hält.

ZEITmagazin ONLINE: Wie registriert man sich als Bezugsberechtigter?

Werth: Jeder Ausgabestelle von Laib und Seele – der Aktion der Berliner Tafel, der Kirchen und des rbb – sind bestimmte Postleitzahlen zugeordnet. Wer nachweisen kann, in diesem Bereich zu wohnen, hat die Möglichkeit, sich registrieren zu lassen, durch einen Hartz-IV- oder Rentenbescheid oder bei einem entsprechend niedrigen Einkommen. Dann gibt es mal mehr, mal weniger, je nach Warenaufkommen.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Mengen sind das, zum Beispiel, bei der Berliner Tafel?

Werth: Die Berliner Tafel verteilt monatlich rund 660 Tonnen Lebensmittel an 125.000 Menschen. Das erfolgt über die rund 300 sozialen Einrichtungen, denen wir Lebensmittel bringen, und über die 45 Ausgabestellen von Laib und Seele. Einen Anspruch auf Ware gibt es nicht, das ist ganz wichtig. Denn wenn es einen Anspruch und damit eine Regelmäßigkeit gäbe, wäre es der Regierung möglich, Hartz-IV-Bezüge zu kürzen. Also müssen wir das immer wieder betonen: Wir versorgen nicht, wir unterstützen nur. Deshalb haben unsere Ausgabestellen in Berlin eben auch nur einmal in der Woche auf. In anderen Bundesländern gibt es teilweise Tafel-Läden, die sechsmal die Woche aufhaben. Das finde ich grenzwertig.

ZEITmagazin ONLINE: Haben Sie in Berlin ähnliche Erfahrungen wie in Essen gemacht, vor allem im Jahr 2015, als über eine Million Flüchtlinge und Migrantinnen nach Deutschland kam?

Kommentare

266 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren