Deborah Feldman und Mirna Funk "Deutsche können das Wort Jude bis heute nicht normal aussprechen"

Ist Antisemitismus in Deutschland Folge einer falschen Gedenkkultur? Die jüdischen Autorinnen Deborah Feldman und Mirna Funk über Vorurteile, Schuld und kleine Wunder. Interview: und

Die Autorinnen Deborah Feldman und Mirna Funk sind Enkelinnen von Holocaustüberlebenden. Beide setzen sich in ihren Büchern und Artikeln mit deutscher Gedenkkultur und dem Ringen um eine jüdische Identität auseinander. Vor wenigen Wochen hat der Rapper Kollegah mit antisemitischen, frauenfeindlichen und homophoben Texten den Echo, den bis dahin wichtigsten deutschen Musikpreis, bekommen. Die Debatte führte zur Abschaffung des Preises. In Berlin wurde ein Kippa tragender Mann auf offener Straße von einem Syrer mit einem Gürtel angegriffen. Anlässlich der jüngsten Ereignisse haben wir in Feldmans Wohnung in Berlin mit beiden Publizistinnen über Antisemitismus in Deutschland gesprochen.

ZEITmagazin ONLINE: Frau Funk, Frau Feldman, seit Kurzem redet Deutschland wieder über Antisemitismus. Haben die vergangenen Wochen für Sie persönlich etwas verändert?

Mirna Funk: Ehrlich gesagt nein. Seit etwa zwei Jahren führen wir alle paar Monate eine neue Antisemitismusdebatte. Vor einem Jahr verließ ein jüdischer Junge seine Schule in Berlin, weil er antisemitisch angegriffen worden war. Danach diskutierten wir darüber, ob das Verbot einer Antisemitismusdiskussion schon Antisemitismus ist. Vor Weihnachten ging ein Video viral, auf dem ein deutscher Passant einen israelischen Wirt in Berlin antisemitisch beschimpft. Es gibt immer wieder antisemitische Vorfälle an Berliner Schulen. Der Angriff auf den jungen Mann mit der Kippa war für mich weder neu noch krasser als anderes.

Deborah Feldman: Mir fällt auf, dass in Deutschland Gewalt gerne in verschiedene Kategorien unterteilt wird. Immer wieder werden muslimische Frauen diskriminiert oder angegriffen, weil sie ein Kopftuch tragen. In Berlin-Spandau wurde vergangene Woche eine Frau an einer Bushaltestelle mit der Hand ins Gesicht geschlagen, weil sie angab, ihr Kopftuch als Muslima gerne zu tragen. So etwas besprechen wir separat von dem antisemitischen Angriff in Prenzlauer Berg. Wir sagen, Gewalt gegen eine Frau oder eine Muslima ist das eine, Antisemitismus etwas anderes. Aber was machen wir, wenn Frauenfeindlichkeit und Antisemitismus aus demselben Mund laut werden, wie etwa bei Kollegah: Da fühle ich mich zuerst als Frau beleidigt, dann als Jüdin.

ZEITmagazin ONLINE: Ist es nicht sinnvoll, bei solchen Vorfällen zu unterscheiden, um nach den jeweiligen Ursachen der Gewalt zu suchen?

Feldman: Rassismus kommt immer aus derselben Quelle, wir alle tragen ihn in uns. Es ist der Drang, sich von anderen Menschen abzugrenzen, egal ob aus Neid, Überlegenheitsgefühl oder Angst. Am Ende entsteht jede Form von Diskriminierung aus dem gleichen primitiven Impuls.

Funk: Ich würde schon sagen, dass Antisemitismus andere Quellen hat als andere Rassismen. Er hat vor allem mit Neid zu tun, mit Unterlegenheit statt Überlegenheit, und in Deutschland kommt noch etwas anderes hinzu: die Wut darüber, sich für den Holocaust schämen zu müssen.

ZEITmagazin ONLINE: Der Historiker Götz Aly argumentiert, dass der gesellschaftliche Erfolg der  deutschen Juden im 19. und frühen 20. Jahrhundert zu Sozialneid führte. Das hat damals bereits vorhandene Ressentiments noch verstärkt. Heute erzählen Jüdinnen und Juden, dass viele Deutsche es gar nicht bemerken, wenn sie immer noch antisemitische Klischees reproduzieren – oder dass sie es sogar mit einer gewissen Lust tun.

Funk: Der strukturelle Antisemitismus war in der Einstellung vieler Deutscher immer präsent. Neu ist seit einigen Jahren, dass man meint, seine Vorurteile und Ressentiments nun auch offen aussprechen zu können, ohne dass man von seinem Umfeld dafür abgestraft wird.

ZEIT ONLINE: Welche Vorurteile begegnen Ihnen etwa?

Funk: Es gibt die verrücktesten Vermutungen. Zum Beispiel, dass Juden in Deutschland keine Steuern zahlen müssten. Oder eine Verknüpfung zwischen Goldman Sachs und einem sogenannten Finanzjudentum. Mein Eindruck ist, dass sich Deutsche, wenn sie so etwas sagen, weniger schämen als früher. Im Gegenteil, sie empfinden es als eine Art rebellischen Akt, sie seien mutig genug, das aufgezwungene Schweigen zu beenden. Nach dem Motto: Man wird nach all den Jahren doch wieder mal was sagen dürfen über die Juden und wie die das so machen.

Feldman: In den dreieinhalb Jahren, in denen ich jetzt in Berlin lebe, habe ich nicht mehr Antisemitismus erlebt als anderswo, aber doch mehr als meine jüdischen Freunde, die hier aufgewachsen sind. Vielleicht, weil sie gelernt haben, unterzutauchen. Ich bin laut polternd angekommen und habe gesagt: Hallo, ich bin eine Jüdin, was haltet ihr davon? Und dann haben mir doch einige Leute gesagt, was sie davon halten. Und ich habe zugleich die gegenteilige Erfahrung gemacht: Leute, die sich sehr konstruktiv mit mir auseinandersetzen.

Funk: Deutsche können das Wort Jude bis heute nicht normal aussprechen. Sie behaupten, durch zu sein mit der Holocaustnummer, sind es aber gar nicht. Solange ich den Satz "Warum muss ich mich schuldig fühlen für das, was meine Großeltern gemacht haben?" höre, solange sind sie ihre diffuse Schuld eben nicht los.

Feldman: Ich höre diesen Satz nie.

ZEITmagazin ONLINE: Bei seinem ersten Staatsbesuch in Israel 1999 sagte der Außenminister Joschka Fischer: "Ich komme als Schuldiger." Bis heute gehört es zur Staatsräson, dass sich aus der Nazizeit und dem Holocaust eine besondere Verantwortung Deutschlands herleitet.

Feldman: Aber die Täter sitzen wie hilflose Kinder in den Pflegeheimen. Also, wer ist denn noch schuldig? Wenn die Verantwortung für die Aufarbeitung fehlt, dann sind wir alle schuldig, egal welcher Identitätszuschreibung.

Funk: Um direkte Täterschaft geht es nicht. Die Schuld wird durch die Art, wie in Deutschland der Holocaust aufgearbeitet wurde, quasi mitgeliefert. In dem Moment, in dem man als Jugendlicher auf Klassenfahrt in ein Konzentrationslager geht und erklärt bekommt, dass die Deutschen sechs Millionen Juden umgebracht haben, muss einem niemand mehr sagen: Du bist ein Enkel der Täter. Man weiß dann schon, wer gemeint ist.

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