"Tatort" Franken Wohnzimmer sucht Licht

© BR/Hager Moss Film GmbH/ Felix Cramer
So dunkel war es selten: Zwei Leichen in Nürnberg, die Kommissare müssen in alle Richtungen ermitteln. Lohnt sich das? Unsere Kritiker bringen Licht ins Dunkel.
Aus der Serie: Tatort-Kritikerspiegel

In einem Haus am Rand von Nürnberg werden zwei Leichen gefunden, ein Libyer Mann und seine Schwester, brutal erschlagen. Die beiden lebten seit 15 Jahren in Deutschland, waren gut integriert. Der Ziehsohn ist des Opfers ist verschwunden. Die Kommissare Paula Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Felix Voss (Fabian Hinrichs) müssen unter Hochdruck in alle Richtungen ermitteln. War es eine Familientragödie, ein Raubmord oder eine reine Bluttat? Auch die rechten Szene kommt in Frage. Dann stirbt jemand, den Ringelhahn sehr gut kannte.


1. Worüber werden am Montag alle reden?

Christian Buß:  Über all den Hass und die Gewalt, die offenbar in gutbürgerlichen deutschen Wohnzimmern schlummern.

Lars-Christian Daniels: Über brutal zu Tode geprügelte Libyer, auf Rache sinnende "Vorzeige-Moslems" und deutsche Neonazis, die im vierten Franken-Tatort erwartungsgemäß nicht zusammen picknicken gehen.

Matthias Dell: Über den 132. Geburtstag von Ernst Thälmann. Oder vielleicht doch nicht?

Kirstin Lopau: Darüber, ob das nun ein Islamisten-, Rechtsradikalen-, Tragödien- oder Eifersuchtsdrama-Krimi war. Dieser Frangen-Dadord kämpft für meinen Geschmack an zu vielen Fronten.


2. Was haben Sie aus diesem Tatort gelernt?

Christian Buß: "Schauen Sie nicht zu tief in die Dinge rein, sonst gucken sie zurück." So mahnt Kommissarin Ringelhahn den Kollegen Voss am Ende in diesem labyrinthischen Krimi über die tieferen Ursachen des deutschen Fremdenhasses.

Lars-Christian Daniels: Set-Beleuchtung? Wird völlig überbewertet. Ringelhahn, Voss & Co. ermitteln in diesem ästhetisch eigenwilligen Krimidrama fast pausenlos im Halbdunkeln. Da werden Augenpaare zu schattigen Höhlen und ganze Gesichtshälften verschwinden im Schwarz.

Matthias Dell: Den Satz: "Ein schönes Wort aus Deinem Munde, Kunigunde"

Kirstin Lopau: Viel zu lernen gab es diesmal nicht. Ein Satz ist mir in Erinnerung geblieben: "Wir sind hier anders." Ob die Franken gemeint waren, lasse ich offen. Der Satz wurde auf Hochdeutsch gesprochen.


3. Welche Frage bleibt offen?

Christian Buß: Weshalb braucht Kommissar Voss drei Jahre, bis er seine Einweihungsfeier in Nürnberg gibt, so wie man das am Anfang dieses vierten Franken-Tatort sieht?

Lars-Christian Daniels: Ich töte niemand heißt dieser Tatort, aber müsste es grammatikalisch korrekt nicht heißen: "Ich töte niemanden"? Der Duden weiß es besser.

Matthias Dell: Wer wohnt in der alten Wohnung von Kommissar Felix Voss?

Kirstin Lopau: Wird es eine Dienstaufsichtsbeschwerde geben?


4. Welche Rolle hätte man besser besetzen sollen? Und mit wem?

Christian Buß: Top besetzt, besonders hervorzuheben ist Hansjürgen Hürrig, der als eine Art Wiedergänger des AfD-Vorsitzenden Alexander Gauland am Ende einen irritierend guten Auftritt hat.

Lars-Christian Daniels: Keine, denn die Besetzung ist in diesem Tatort das kleinste Problem. Vielmehr dürften das sperrige Drehbuch, die anstrengende Inszenierung und die unzähligen Nebenfiguren einige Zuschauer überfordern. Second Screens oder sonstige Ablenkungen sollte man jedenfalls für neunzig Minuten vermeiden.

Matthias Dell: keine

Kirstin Lopau: Keine. Ich hätte mir mehr Frängisch gewünscht. Danke an Fischer, der die Stange hoch hält: "Damit wer'n mer berühmd!"


5. Von welcher Szene werden Sie träumen?

Christian Buß: Von schlecht gelüfteten, wenig lichtdurchdrungenen deutschen Wohnzimmern.

Lars-Christian Daniels: Vom eintönigen, ja fast penetranten Soundtrack, der diesmal fast ausschließlich aus Ólafur Arnalds Ballade So far besteht und mich sicher bis in den Schlaf verfolgt. Genrefans kennen den Song bereits aus der britischen Krimiserie Broadchurch.

Matthias Dell: Von der Einweihungsfeier in der neuen Wohnung von Kommissar Felix Voss, das sah doch ganz munter aus.

Kirstin Lopau: Vom Schluss, der hier nicht verraten wird. Er ist sehr eindringlich.


6. Von 0 (super spannend) bis 10 (schon um halb neun eingeschlafen): Wie viele goldene Schlafmützen bekommt dieser "Tatort"?

Christian Buß: 1 Schlafmütze 😴

Lars-Christian Daniels: 4 Schlafmützen 😴 😴 😴 😴

Matthias Dell: 3 Schlafmützen 😴 😴 😴

Kirstin Lopau: 6 Schlafmützen 😴 😴 😴 😴 😴 😴

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