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Affären Warum lieben wir ständig aneinander vorbei?

Es beginnt mit einem Blick und einem Glas Champagner, beim nächsten Mal küsst man sich. Und dann? Die Liebe könnte so einfach sein. Wenn das Timing stimmen würde. Von

Zwar sind mehr als 60 Prozent aller Alleinstehenden zufrieden mit ihrem Leben, jedoch nur zehn Prozent davon sind überzeugte Singles. Was auf der Suche nach dem richtigen Partner alles passieren kann, davon erzählen unsere beiden Single-Kolumnistinnen in der Serie Es ist kompliziert.

Marcus und ich haben das schlechteste Timing der Welt. Wir kennen uns seit sieben Jahren, aber irgendwas war immer. Wir lernten uns auf einer Cocktailparty kennen, er im Anzug, ich in meinem elegantesten Kleid. Der Champagner wurde aus Magnumflaschen ausgeschenkt, ich war neu in Berlin und fand es absurd, wie alle um mich herum die Dekadenz so ernst nahmen und die in Mikroportionen gereichte Currywurst mit abgespreiztem Finger aßen. Ich hätte die Currywurst lieber irgendwo an einer Bude gegessen, aber klar, der Champagner war schon cool.

Wir hatten einen Super-Abend, lachten über dieselben Dinge, gleichzeitig mochte ich seine Ernsthaftigkeit, mit der er über seine Arbeit sprach und sich für alles interessierte, was ich zu sagen hatten. Ich fand ihn anziehend in seinem Anzug und mit diesem Hauch von Spießigkeit, den er ausstrahlte. Eigentlich nicht so mein Ding, aber an ihm gefiel mir das. Wir passten einfach gut zueinander an diesem Abend. Irgendwann erwähnte er seine Frau, ich meine aktuelle Affäre, wir tranken weiter Champagner, berührten uns, spielerisch, unverbindlich. Bis ich mich ins Taxi setzte und nach Hause fuhr.

So ein Abend kann ja auch für Singles einfach mal für sich stehen. Ohne Drama und ohne die Frage, wie es weitergehen wird. Zwar wussten wir beide, dass wir uns sicher wiedersehen würden, aber ohne Druck, ohne Erwartungen, irgendwann, wenn es passt. Marcus ist für mich ein Mann, der ganz offensichtlich mehr sein könnte als nur ein Kumpel, mit dem sich aber nicht unbedingt mehr entwickeln muss. Ein Mann, der mir ein gutes Gefühl gibt, ohne dass ich mein Herz an ihn hänge. Also einer, der toll ist, wenn er da ist und nicht fehlt, wenn er woanders ist. Like Champagne. Marcus ist für mich ganz einfach der perfekte Multioptionen-Mann.

Ich weiß nicht genau, was ich für ihn bin. Vielleicht eine Ausflucht aus einem Alltag und einem Leben, das gar keine Katastrophe ist, aber manchmal vielleicht ein wenig langweilig.

Nach unserem ersten Treffen sahen wir uns eine Weile nicht, bis wir uns bei einer verstockten Verabredung mit Freunden wieder trafen. Es war wie beim ersten Mal: der Humor, die Gespräche, die Verheißung – alles stimmte an diesem Abend, später auch die Küsse. Die waren sogar ausgesprochen schön. Er erwähnte zwar irgendetwas von einer privaten Krise, aber später verabschiedeten wir uns gut gelaunt.

Wir beide hatten von dem Abend bekommen, was wir uns erhofft hatten, ein gutes Gefühl, Nähe, Spaß, ohne übermäßiges Risiko. Am nächsten Tag schrieb er mir auf Facebook, wir tauschten Nummern aus. Auf seinem Profil sah ich anhand seiner wohlinszenierten Strandbilder, dass die private Krise wohl überwunden war. Fast hätte ich die Fotos gelikt.

Irgendwann nach dem Urlaub meldete Marcus sich und fragte, ob wir uns nicht an einem Freitagabend verabreden wollten. Freitagabend ist beim Dating ein recht eindeutiger Zeitpunkt. Ich sagte dem Multioptionen-Mann zu, auch ohne den zwingenden Drang zu verspüren, ihn zu mir nach Hause einladen zu müssen. Denn es ging uns ja nicht zielführend darum, die Grenze zum Sex zu überschreiten. Es ging immer um das, was es in dem Moment eben war. Dachte ich.

Wir hatten einen großartigen Abend, aus den Küssen wurden mehr, als die Bar leerer und dunkler wurde, wir spielten beide mit dem Gedanken, es dort nicht enden zu lassen – um uns dann doch vor der Tür voneinander zu verabschieden.

Das Problem am Multioptionen-Mann ist aber natürlich genau das: die vielen Optionen. Irgendwann fragte ich mich dann doch, ob Sex nicht genau das war, was uns noch fehlte. Und so gab es diese eine Nacht, in der ich ernsthaft überlegt habe, ihn doch mit nach Hause zu nehmen. In der ich mir gewünscht hätte, mit ihm zu schlafen, ihn bei mir zu haben. Genau in dieser Nacht aber war ich für Marcus offensichtlich nicht die Frau dafür. Jetzt war er es, der sich ins Taxi setzte.

In diesem Moment hatten wir uns für unterschiedliche Optionen entschieden. Er wollte mich nur lange auf der Straße küssen, ich wollte Sex. Multioptionen funktionieren leider nur, wenn beide dieselbe Option gewählt haben.

Es ist noch nicht lange her, da haben wir uns wiedergesehen. Er fragte mich sehr schnell nach einem Treffen in einer bestimmten Woche. Ich sei dann nicht in der Stadt, sagte ich. Seine Frau war es offensichtlich auch nicht. Nun war er gedanklich dort, wo ich bei unserem letzten Treffen war. Er wollte Sex, ich wollte ihn lieber wieder nur küssen.  

An diesem Abend machten wir nicht einmal mehr das. Als Marcus gegangen war, dachte ich noch lange nach. Das Problem am Multioptionen-Mann ist nicht das Timing, sein Familienstand oder die Bereitschaft zu einer Affäre. Das Problem ist, wenn er auf eine Multioptionen-Frau trifft.


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