Einschlafhilfen Schöne wache Welt

Nicht nur Schlaflose leiden unter ihrem Problem, auch für die Wirtschaft wird es eines. Wenigstens boomt die Schlafbranche, da kann keine Erfindung aufregend genug sein. Von

Wenn man nicht einschlafen kann, gibt es kaum etwas Besseres als die Podcastserie In Our Time der BBC. Ihr Gastgeber Melvyn Bragg ist ein Universalgelehrter mit angenehm großväterlicher Stimme. Er lädt sich Professorinnen und Professoren von verschiedenen Universitäten ins Studio ein und ergründet mit ihnen mal die Fiederung von Dinosauriern, mal Protonen, mal die Sklaverei im Römischen Reich. Es gibt auch ein Folge über Hildegard von Bingen, die ist sehr toll, nicht nur, weil man dazu herrlich einschlafen kann. Gibt es etwas Schöneres, als im Bett zu liegen und Menschen mit gedämpften Stimmen dabei zuzuhören, wie sie über komplexe Dinge fachsimpeln? In diesem Moment ist die Welt in bester Ordnung. Und wird es auch noch sein, wenn man wieder aufwacht. Das Tollste daran: Dieser Podcast, und viele andere, kosten nichts. Das kann man von dem smarten Schlaf, nach dem nun so viele streben, nicht behaupten.

Schlafen ist teuer geworden. Man scheint neuerdings dafür alle möglichen Hilfsmittel zu brauchen. Der Markt für Schlafüberwachungs-Apps, intelligente Kopfkissen, elektronische Schlafmasken und dergleichen wächst seit Jahren. In einer im Januar veröffentlichten Studie prognostiziert die Marktforschungsagentur Persistence Market Research, dass der globale Markt für Schlafgadgets bis zum Jahr 2025 von derzeit 21 Milliarden auf ein Volumen von 31 Milliarden US-Dollar anwachsen wird. Die Zeiten, in denen der Mensch sechs bis acht Stunden in der Nacht nur unproduktiv herumlag und dafür außer Ruhe, einer anständigen Matratze, Kissen, Bettdecke und einem Wecker nichts brauchte, sind vorbei. Heute scheinen wir alle unter einer kollektiven Insomnia zu leiden, zumindest machen wir uns große Sorgen um den bestmöglichen Schlaf.

Dafür gibt es auch gute Gründe. Schlechter Schlaf soll dick machen und depressiv, ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall ist die Folge. Auf der Website der Krankenkasse DAK kann man lesen, dass in Deutschland die Schlafstörungen bei Berufstätigen zwischen 35 und 65 Jahren seit 2010 um 66 Prozent angestiegen seien, insgesamt schlafen nun also 80 Prozent der Erwerbstätigen schlecht. In den USA leiden, so informiert die American Sleep Association, 50 bis 70 Millionen Erwachsene an Schlafstörungen.

Schlaf als Leistungsfeld

Die New York Times hat im April 2017 ausgemacht, dass der Produktivitätsverlust, der der amerikanischen Wirtschaft durch das nächtliche Wälzen und Wachliegen ihrer Erwerbsbevölkerung entsteht, auf 411 Milliarden Dollar geschätzt wird. Das entspricht 2,28 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Wenn doch nur alle besser schlafen würden! Der Wirtschaft ginge es super.

So boomt nur das Schlafbusiness. Und dessen Betreiber machen aus der Verbesserung der Erholung ein neues Statussymbol, ein weiteres Feld, auf dem man glänzen und seine Leistung messen soll. Was soll daran erholsam sein?

Die amerikanische Schriftstellerin Patricia Marx hat im New Yorker aufgeschrieben, wie sie einige Wochen lang eine Reihe neuerer Schlafgadgets durchtestete oder von Freunden testen ließ: digitalisierte Schlafmützen, deren Sensoren die Aktivität der Großhirnrinde messen. Oder smarte Matratzen, die die Herzfrequenz und Bewegungen des Schläfers aufzeichnen, um mitzuteilen, wie gut er schläft. Marx schlief am Ende des Versuchs noch lange nicht perfekt, aber wenigstens hatte sie den Eye Slack Haruka für sich entdeckt, ein Gerät aus Japan, das wie ein Vibrator für die Wangenknochen funktioniert und mit zwei pinkfarbenen Plastikteilen alle Augenringe in drei Minuten wegmassieren soll.

Es gibt mittlerweile die verrücktesten Produkte, die unseren Schlaf erleichtern sollen. Etwa den Hello-Sense-Schlafmonitor, eine leuchtende Kugel, die Temperatur, Luftqualität und Luftfeuchtigkeit im Schlafzimmer misst und die Werte an eine App überträgt. Oder den Dodow, ein Lichtmetronom, das einen pulsierenden blauen Lichtkreis an die Decke wirft. Wer im Rhythmus dieses blauen Pulses atmet, soll zweieinhalbmal schneller einschlafen als ein müder Mensch ohne Dodow. Oder die Simba-Hybrid-Matratze, die mit ihren 2.500 konischen Stahlfedern und ihrem anpassungsfähigen Memoryschaum zu jener Flut von Smartmatratzen gehört, die man sich heute ohne lästiges Probeliegen im Matratzengeschäft per Onlinebestellung liefern lassen kann.

Mandarin versus Depression?

Es gibt jedoch auch Ideen, die nicht nur den Schlaf, sondern auch den Schlafenden optimieren wollen. Hirnforscher aus York und Birmingham wollen bewiesen haben, dass sich der Lernerfolg bei Fremdsprachen durch eine sogenannte gezielte Gedächtnisreaktivierung im Schlaf steigern lässt. So werden die tagsüber gelernten Vokabeln während der sogenannten orthodoxen Schlafphasen – das sind jene Phasen, in denen die Augen nicht zucken – noch einmal von einer leisen Stimme vorgelesen, wodurch sie sich tiefer ins Gehirn graben sollen. Aber werden davon dann nicht etwa die Träume, wichtig für die Psychohygiene, beeinträchtigt? Am Ende kann man zwar vielleicht Mandarin, ist aber leider depressiv geworden.

Ähnlich kritisch muss man einer nächtlichen Dauerberieselung mit Schlafmusik begegnen. Ein 40-minütiger Podcast zum Einschlafen ist das eine, aber die Sleep-Playlist auf Spotify hat 2,6 Millionen Follower und ist neun Stunden und zehn Minuten lang.

Der erste Track der Sleep-Playlist ist ein Ausschnitt aus der Komposition Sleep von Max Richter. Im März 2016 hat der britische Komponist in der Industriehalle des Berliner Clubs Kraftwerk die Welturaufführung seines achteinhalbstündigen "Wiegenlieds für eine hektische Welt" zelebriert. Vor der Bühne waren 400 Feldbetten aufgestellt, darauf liegend: Max-Richter-Fans, die die Komposition hören, aber gleichzeitig schlafen wollten. Sie hatten sich Schlafsäcke, Thermoskannen und Schlafanzüge mitgebracht und schienen bester Laune angesichts des Gehirnexperiments. Laut Richter sollen die redundanten, sehr bedächtig vor sich hin schreitenden Neoklassikmotive seines Sleep-Stücks von neurowissenschaftlich geschulten Schlafexperten als schlaffördernd abgesegnet worden sein. Und dennoch gab es Besucher, die sich am nächsten Morgen ziemlich gerädert fühlten. Seit dem Weltschlaftag am 14. März ist Sleep auch komplett in den Streamingportalen verfügbar. Max Richter verdient damit sozusagen über Nacht Geld. Wenigstens einer schläft gut damit.

Allein die Tatsache, dass es nun bereits Schlafcoaches gibt, die sich mit den Schlaflosen durch alle sinnvollen und -losen Schlafoptimierungsoptionen kämpfen, könnte einem schlaflose Nächte bereiten. Cristiano Ronaldo hat einen. Adele auch. Selbst Krankenkassen, nicht gerade als Branche von early adoptern bekannt, werben mit ihnen. Die R+V-Betriebskrankenkasse bietet zum Beispiel einen Onlineschlafberater an. Man füllt Fragen zum Schlafverhalten aus und bekommt einen Fahrplan für guten Schlaf ausgespuckt. Sicher sind auch den Krankenkassen längst die Kosten bewusst, die eine Gesellschaft mit zunehmender Schlaflosigkeit produziert. Und vielleicht war das auch der Moment, in dem alles in Schieflage geriet: als der Schlaf seine Unschuld verlor, weil er nichts mehr Natürliches war, sondern zu einer Ressource wurde.

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