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Onlinedating In ihren Herzen lodert ein Emoji

Das Liebesleben junger Großstädter wurde lange auf Tinder abgewickelt. Für alle, die keine Lust mehr auf plumpes Sexting haben, gibt es jetzt eine Alternative: Instagram. Von

In meinem Leben vergeht kaum ein Gespräch mit meinen Freundinnen, ohne dass sie mich dazu überreden wollen, bei Tinder nach der großen Liebe zu suchen. Meine Antwort ist immer dieselbe: "Nee, lass mal." Das heißt nicht, dass ich, 25, Single, keine Männer kennenlernen möchte. Ganz im Gegenteil. Ich habe nur einfach einen viel besseren Kanal für das Onlinedating gefunden – ohne nach links und rechts zu swipen, mit jemandem zu matchen und Superlikes austauschen. Ohne plumpe Sexangebote und den faden Beigeschmack, sich auf einer Partnerbörse entblößen zu müssen. Es geschah durch puren Zufall. 

An einem Sonntagmorgen scrolle ich durch Instagram, um etwas über ein Café herauszufinden, in dem ich später mit Freunden verabredet bin. Inmitten der Bilderflut sehe ich ein Foto von einem attraktiven Mann, der in genau dem Café frühstückt, in dem ich verabredet bin. Ich schaue mir sein Profil an, innerhalb von wenigen Minuten weiß ich sehr viel mehr über ihn: letzter Urlaub, Arbeitsplatz, Ex-Freundin, Lieblingssport, Faible für Hunde.

Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, die große Liebe gerade nicht durch eine App zu finden. Aber wenn sie mir hier schon so direkt begegnet, wieso nicht? Also hinterlasse ein paar Likes auf einigen seiner Bilder. Prompt bekomme ich ein paar Insta-Herzchen von ihm zurück. Mal sehen.

Um 14 Uhr treffe ich mich mit meinen Freunden in dem Café. Und noch bevor ich mich setzen kann, sehe ich ihn. Der Typ, dessen Bilder ich erst vor eineinhalb Stunden bei Instagram geliked habe. Ich verstecke mich halb hinter der Speisekarte, halb hinter dem Blumensträußchen auf dem Tisch und hoffe, dass er mich nicht erkennt. Als er das Café verlässt, bereue ich, dass ich nicht zu ihm rübergegangen bin.

Zu Hause schreibe ich ihm später: "Wie lustig, ich war heute auch in dem Café." Etwas berechnend, aber zielführend. Wir kommen ins Gespräch und flirten ein bisschen. Bis er fragt, ob wir kommende Woche ein Glas Wein zusammen trinken wollen. OMG!

Hatte ich, die Tinder-Verweigerin, tatsächlich gerade ein Date über eine App ausgemacht? Egal. Drei Tage später treffen wir uns auf ein Glas Wein, daraus werden eine Flasche und drei Negroni. Danach landen wir prompt bei ihm zu Hause. Aus diesem Abend folgen sieben weitere, sehr schöne Dates.

Als ich mich 2014 bei Instagram angemeldet habe, war es noch eine App für Urlaubsfotos und Foodporn. Mittlerweile hat sich das Netzwerk unversehens zu einer diskreten Flirt- und Dating-App entwickelt.

Instagram macht es einem aber auch leicht: Jeder User kann in seinen Postings seine GPS-Koordinaten und damit den Standort angeben, an dem er sich aufhält. Eine Freundin hatte kürzlich dadurch schnell einen Sucherfolg: "Wir saßen im selben Bus, ich habe gesehen, an welcher Haltestelle er aussteigt, dann habe ich ihn einfach über den Hashtag #Winterhude gefunden."

Besser als die fünftausendste Variante eines blöden Anmachspruchs ist ein Fire-Emoji auf jeden Fall.

Eine andere Freundin erzählte mir, sie sei von einem Mann angeschrieben worden, weil sie Zeit in der Ukraine verbracht und dabei Bilder gepostet hatte. Er sagte ihr, er plane gerade eine Reise dorthin und hätte gerne ein paar Tipps. Sie daten nun seit vier Wochen.

Vor allem die Einführung von Instagram-Stories war in der Flirtgeschichte der App der Wendepunkt. Eingeführt wurden sie 2016, als Konkurrenz zu Snapchat, einer App, die nur aus Schnappschüssen besteht. Snaps oder Stories sind kurze Bild- oder Videosequenzen, die mit Texten oder Emojis versehen werden können. Eine Story bleibt lediglich 24 Stunden im Profil des Users bestehen. Und Follower können ganz einfach auf sie reagieren: mit einem Kommentar oder mit Emojis, die lachen, weinen, erstaunt oder verliebt sind. Es gibt sogar ein Feuerchen, wenn man etwas heiß findet. Über diese Kommentarfunktion ist die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme so niedrig geworden, dass man fremden Menschen einfach mal eben so ein Fire-Emoji schickt. Besser als die fünftausendste Variante eines blöden Anmachspruchs ist das auf jeden Fall.

Auch wer bei Tinder ist, nutzt die App oftmals nur noch als Sprungbrett. Als ich mit einem Freund über das Thema spreche, berichtet er mir, dass ihn Frauen bei Tinder zuvor immer gleich zu Beginn der Konversation fragten, ob er Instagram hätte. Sobald er seinen Profilnamen verraten hatte, folgten sie ihm, liketen seine Bilder und schrieben ihm nur noch dort. Insgeheim war es ihnen vielleicht doch peinlich, eine App wie Tinder zu nutzen, bei der immer schon klar ist, worauf es hinauslaufen soll: auf Sex.

Instagram ist dagegen geradezu unschuldig, eben weil es keine reine Dating-App ist. Mit dem Typen aus dem Café hat es am Ende dann übrigens doch nicht geklappt. Das lag aber nicht an Instagram. Dort schaut er sich weiter meine Stories an.


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