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Schwangerschaft: "Seit ich schwanger bin, habe ich keine Lust mehr auf Sex"

Während einer Schwangerschaft muss man oft die Beziehung neu kalibrieren. Da spielen die Gefühle beider eine wichtige Rolle. Man sollte sich und den anderen verstehen. Von
Aus der Serie: Schlafzimmerblick

In unserer Kolumne "Schlafzimmerblick" beantwortet die Sexualtherapeutin Angelika Eck regelmäßig Ihre Fragen zu Liebe, Sex und Partnerschaft. Denn über nichts wird häufiger geschwiegen. Das wollen wir ändern.

Maria W., 28

Ich bin schwanger. Seit etwa drei Monaten, also seit dem Beginn der Schwangerschaft, habe ich keine Lust mehr auf Sex. Dass das durchaus normal ist im ersten Teil der Schwangerschaft, weiß ich. Dennoch: Ich bin genervt, wenn er versucht, mich zu verführen, mich anfasst und küsst. Ich habe versucht, mit ihm darüber zu sprechen. Er sagt, dass er mich versteht. Für einen oder zwei Tage ist dann auch Ruhe, doch dann beginnt das Spiel wieder von vorne. Ich bin es leid, ihn ständig abblitzen zu lassen, aber nachgeben werde ich auch nicht. Was kann ich noch tun?

© Susanne Lencinas


Eine Schwangerschaft ist eine vielschichtige Angelegenheit, hormonell, körperlich, emotional. Auch die Paarbeziehung und ihre Sexualität sind neu zu kalibrieren. Nebenbei bemerkt: Vielleicht verspüren Sie im zweiten Trimester sogar mehr Lust auf Sex als bisher, was nicht selten vorkommt. Falls es Ihnen weiterhin ergeht wie beschrieben und Sie nicht möchten, dass sich die Fronten weiter verhärten, liegt der Schlüssel für mich in der Verständigung. Damit meine ich Ihre jeweilige Verständigung mit sich selbst und miteinander.

Ihr Partner sagt zwar, er verstehe, aber vielleicht versteht er Ihre Zurückweisung doch nicht, sondern will einfach rücksichtsvoll sein. Das hält er aber nicht lange durch, weil er keinen Umgang mit seinem Frust findet. Er fühlt sich womöglich abgelehnt, alleingelassen oder einfach hilflos, weil er Angst hat, dass das jetzt immer so weitergeht. Haben Sie ihn mal danach gefragt? Es könnte sich lohnen. Ein Klischee über Männer sagt ja, sie wollten nur das Eine. In diesem Einen verbirgt sich aber oft ein emotionaler Kosmos. Sex ist nie nur Sex, sondern darin drücken wir Grundbedürfnisse aus und stillen sie, wie etwa einander nahe zu sein, in der eigenen Kraft, als exklusiver Partner bestätigt zu sein und vieles mehr. Jetzt denken Sie vielleicht: Nun soll ich ihn noch verstehen, dabei geht es mir doch mies, weil er mein Nein nicht akzeptiert! Wenn Sie ihn durch interessierte Fragen dahin bringen, dass er seine eigene Reaktion besser versteht, kann er diese mehr in seine Verantwortung bringen, das heißt, für seinen Frust eine Sprache finden, mit Ihnen teilen, Ihnen darüber näherkommen, statt blindlings den nächsten Anlauf zu starten.

Klar ist: Sie sollten nur sexuell aktiv sein, wenn Sie es selbst wollen oder zumindest freigiebig sein können. Ihre Frage klingt nach dem Gegenteil, als fühlten Sie sich in die Enge getrieben. Auch für Sie ist wichtig, Ihre eigene Reaktion genau zu verstehen. Sie dürfen nicht davon ausgehen, dass Ihre Position selbsterklärend ist. Warum wollen Sie was genau nicht? Fühlen Sie sich im aktuellen Körper nicht mehr so wohl wie sonst? Sind es Müdigkeit und Übelkeit? Stresst Sie etwas bezüglich der Schwangerschaft? Halten Sie es für ein vorübergehendes Phänomen oder haben Sie das Gefühl, dass Ihre Lust auf Sexualität sich gerade dauerhaft verabschiedet? Oder ist es die Art, wie er sich annähert? Bräuchten Sie derzeit eine ganz andere Art des körperlichen Zusammenseins, die in Ihrem bisherigen sexuellen Skript nicht vorgekommen ist? 

Wenn Sie sich selbst auf die Spur kommen, können Sie differenzierter Auskunft geben. Wenn Ihnen etwas an ihm liegt, teilen Sie ihm mit: "Ich sehe, dass es dir was ausmacht. Im Augenblick geht da nix bei mir. Ich erkläre es mir so und so. Wie lange es dauert, kann ich nicht sagen. Aber ich verspreche dir, ich bleibe an dem Thema dran, weil ich weiß, dass es dir wichtig ist." In meiner Praxis sind die Paare am erfolgreichsten, die zwar echte Differenzen haben bezüglich der Sexualität, die aber dieses Grundverständnis für den anderen und die Bereitschaft, sich zu bewegen, mitbringen. Das wünsche ich Ihnen beiden auch, denn das Leben wird noch viele Störfeuer für Ihre Erotik bereithalten, denen Sie am besten gemeinsam begegnen.

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