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Selbstbewusstsein Bin ich eine schlecht eingecremte Hochstaplerin?

Einen schönen Mann zu daten, ist nicht unbedingt gut fürs Selbstwertgefühl. Erst fühlt sich die Frau geschmeichelt, dann denkt sie: Warum ich? Der könnte doch jede haben. Von
Aus der Serie: Es ist kompliziert

Zwar sind mehr als 60 Prozent aller Alleinstehenden zufrieden mit ihrem Leben, jedoch nur zehn Prozent davon sind überzeugte Singles. Was auf der Suche nach dem richtigen Partner alles passieren kann, davon erzählen unsere beiden Singlekolumnistinnen in der Serie "Es ist kompliziert".

Eine Freundin ruft an, sie hat seit langer Zeit mal wieder ein Date und klingt wie eine 15-Jährige, die neu im Verabredungsfach ist: Was sie denn mit dem reden müsse? Wo man denn am besten hingehen könne? Was sie denn anziehen solle?

Ich rate ihr, in der Reihenfolge: 1. Reden sollte sie über alles, was sie interessiert. Wer über Germany's Next Topmodel etwas mitzuteilen hat, sollte sich nicht kopflos in eine Detaildiskussion über Strafzölle verwickeln lassen. Denn wer blufft, fliegt auf. 2. Der Ort sollte einer sein, den man schnell wieder verlassen kann. Mitunter stellt man eben innerhalb der ersten halben Stunde fest, dass man nichts miteinander anfangen kann. Dann ist es ungünstig, sich auf einer Fünf-Seen-Tour durch die Berliner Gewässer oder in einer Wagner-Oper in Bayreuth zu befinden. 3. Ganz einfach etwas anziehen und sich nicht verkleiden. Auch wenn Frauenzeitschriften an dieser Stelle zu einer komplizierten Mischung aus lässig und elegant raten, etwa so: die Lieblingsjeans, ein hübsches Top und dazu hochhackige Schuhe. Das ist die Uniform der mittelalten Frauen auf Partnersuche. Glauben Sie mir. Heute trage ich Turnschuhe und einen Hosenrock, angeblich das von Männern meistgehasste Kleidungsstück an Frauen. Ich habe also nichts vor – außer ich selbst zu sein.

Natürlich verhalte auch ich mich sehr viel weniger kaltblütig, wenn ich ein Date habe. Da brauche ich dann ebenfalls ein paar Ratschläge zum Runterkommen, während ich die lässig-elegante Abteilung meiner Garderobe durchkämme und mich frage, ob ich noch Zeit zum Epilieren habe. Wie sollte es auch anders sein, wenn man als Frau darauf getrimmt wird, von Natur aus nicht schön genug zu sein, sondern mit allen Mitteln, nicht zuletzt denen der Kosmetik, an sich arbeiten zu müssen. Es gibt auf dem Markt für Frauen tausendfache Varianten des Basisbedarfs Saubermachen und Pflegen, darunter sogar Cremes, die die "hässlichen Verfärbungen" an den Ellenbogen beseitigen, und Deodorants, die für "schöne Achselhöhlen" sorgen sollen. Ich glaube nicht, dass sich viele Männer über die Schönheit ihrer Achseln Sorgen machen, aber für Frauen haben die Kosmetikkonzerne da noch ein Einfallstor ausfindig gemacht.

Impostor Syndrome heißt es, wenn jemand glaubt, für etwas nicht gut genug zu sein. Nicht schlau genug, nicht schön genug, Disposition: unzulänglich. Geprägt wurde der Begriff am Beispiel von Karrierefrauen, die insgeheim davon überzeugt waren, nicht ausreichend qualifiziert für ihren tollen Job zu sein, sondern Hochstaplerinnen kurz vor der Enttarnung. Die Erkenntnis aus den ersten Untersuchungen war: Frauen sind davon deutlich öfter betroffen als Männer. Auch die Schauspielerin Penélope Cruz scheint daran zu leiden, sie hat einmal gesagt: "Bei jedem Film ist es, als wäre es mein erster. Ich habe Angst, gefeuert zu werden." Sheryl Sandberg, Facebook-Geschäftsführerin, sagt: "Nach einer Prüfung war ich jedes Mal überzeugt, ich hätte sie verhauen. Und jedes Mal, wenn ich mich nicht blamiert, mich sogar selber übertroffen hatte, war ich noch immer überzeugt, ich hätte alle genarrt. Das Spiel würde bald aus sein."

Das Hochstaplerinnensyndrom funktioniert auch außerhalb des Büros prächtig, es ist beim Verlieben genauso präsent und ebenso hinderlich. Manchmal gibt es diese Momente, in denen man in sich zusammensackt wie eins dieser fettigen indischen Puri-Brote, in das man mit der Gabel gepiekt hat. Ich kann mich noch ganz gut erinnern, was ich Doofes geantwortet habe, als mir ein Mann beim ersten Treffen mal den, zugegeben klischeehaften, Satz "Du bist doch eine Frau zum Heiraten!" serviert hat. Statt mich im Glanze dieses Kompliments zu sonnen, knautschte ich hervor: "Ach na ja, ich bin schon nicht so einfach im Umgang." Und ein anderes Mal, als es hieß: "Tolles Kleid hast du an!", entgegnete ich, auch nicht besser: "Ist bloß von Hennes & Mauritz und war sogar runtergesetzt."

Als ich Karl kennengelernt habe, wir einen und noch einen Wein zusammen tranken, dabei im Liegestuhl hingen und in den Sonnenuntergang schauten und uns auch nach fünf Stunden noch unglaublich viel erzählten – da hatte ich meinen bisher schlimmsten Rückfall ins Impostor Syndrome. Karl ist klug, witzig, hat eine herrliche Märchenonkelstimme und sieht außerdem aus wie eine noch hübschere Ausgabe des Schauspielers Nikolaj Coster-Waldau, dem Jaime Lennister aus Game Of Thrones. Alle Nachbarinnen in der Strandbar schmachteten ihn an, was mir zunächst schmeichelte. Ich ging ein bisschen verknallt nach Hause, kam dann aber ins Grübeln: Ist der nicht zu schön für mich? Ist das nicht anstrengend mit einem Mann, auf den auch alle anderen Frauen scharf sind? Und wenn er alle haben kann, was will der dann eigentlich von mir?

So fiel ich ins Hochstaplerinnentief, das bei mir meistens intensive Spiegelbefragungen wegen Nasolabialfalten und Schlupflidern nach sich zieht. Wäre ich bei klarem Verstand gewesen, dann hätte ich mir an dieser Stelle ja einfach sagen können: Er wird schon wissen, was er von mir will.

Aber aus diesem Tief kann man sich nur schwer wieder heraushelfen lassen. Es ist nichts geworden mit Karl und mir, und das liegt auch an einer Art schaumgebremster Zurückhaltung, die mich bei den nächsten Treffen vermutlich recht verhalten rüberkommen ließ. Wer an sich zweifelt, ist nur schwer vom Gegenteil zu überzeugen, lauert aber gleichzeitig wie auf Entzug nach der großen, alles umfassenden Bestätigung.

Karl ist vor Kurzem Vater geworden, ich habe ihm gratuliert. Und dann habe ich auf Facebook mal nachgeschaut, wie seine neue Frau aussieht. Könnte ja sein, dass doch ich die Hübschere von uns beiden bin. Ich gehe mir jetzt mal die Ellenbogen eincremen.

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