Wir müssen reden Kann man am Ohr einen Orgasmus haben?

© Pablo Heimplatz/unsplash
Was machen Körperbehinderungen aus dem Sex? Ist er ohne Erektion nur ein Trostpreis? Von wegen, sagt der Sexualtherapeut Ulrich Clement: Erotik lässt sich umlenken. Interview:
Aus der Serie: Beziehungen

ZEITmagazin ONLINE: Touch Me Not heißt der Film, der in diesem Jahr die Berlinale gewonnen hat. Darin geht es um die Sexualität vor allem körperlich behinderter Menschen. Die Reaktionen auf den Film und den Preis haben gezeigt, wie überraschend es offensichtlich manche finden, dass auch körperlich behinderte Menschen ihre Sinnlichkeit und Sexualität haben und ausleben wollen. Ist das nicht schon allein deswegen selbstverständlich, weil beides vor allem im Kopf entsteht?

Ulrich Clement: Diese Beschränkung im Zusammendenken von Behinderung und Sexualität kommt vermutlich daher, dass Sex als Prototyp des Gesunden gilt, als etwas Strahlendes, Unbeeinträchtigtes. So kommt es oft zu der ungeprüften Annahme, körperlich behinderte Menschen könnten das nicht in dem Maße haben oder müssten auch sinnlich beeinträchtigt sein. Was sie natürlich nicht sein müssen.

ZEITmagazin ONLINE: Liegt diese Verknüpfung von Sex mit Gesundheit daran, dass es auch potenziell um Fruchtbarkeit und Fortpflanzung geht?

Clement: Jungsein, Gesundsein und potenziell fruchtbar zu sein, gehört zur Aura von Sexualität. Das ist unreflektiert, aber es fühlt sich erst mal so an. Das führt dazu, dass bestimmte Dinge für manche irritierend sind. Früher fand man alte Leute, die Sex haben, komisch. Das hat sich etwas relativiert. Körperliche Behinderung ist ein ähnliches Thema.

ZEITmagazin ONLINE: Warum sind Sex im Alter oder mit Behinderung solche Tabus, dass sie, wenn sie beispielsweise in einem Film thematisiert werden, als Tabubruch gelten?

Clement: Wir haben eine evolutionäre Vorprogrammierung, aufgrund der wir sichtbar Ungesundes meiden wollen.

ZEITmagazin ONLINE: Das klingt, als läge dem Tabu ein begründeter Reflex des Meidens zugrunde?

Clement: Ob das wünschenswert ist, kann man ja bezweifeln. Aber zumindest ist es in unserem biologischen Programm, dass wir gesunde Lebewesen für attraktiver halten als ungesunde. Daher rührt beispielsweise auch unsere gut nachgewiesene Vorliebe für körperliche Symmetrie. Unsymmetrisches Aussehen hingegen gilt als eher unansehnlich. Das ist nicht unbedingt ein Vorbehalt oder gar Ekel, aber eine Zurückhaltung. Die müssen wir in unserem Kopf erst überwinden.

ZEITmagazin ONLINE: Auf der anderen Seite besteht das Problem, dass körperlich behinderte Menschen manchmal selbst nur schwer glauben können, dass ein anderer ihren unperfekten Körper schön finden könne. Davon zeugen etliche Einträge in entsprechenden Internetforen. Ist dieses Schönfinden denn nicht Grundvoraussetzung für das Entstehen von Verlangen?

Clement: Was wir schön finden, ist leider normativ stark vorgegeben. Aber nicht nur. Auch jemand Herzliches oder Witziges kann als attraktiv wahrgenommen werden. Menschen mit Behinderung achten sicherlich noch aufmerksamer darauf, ob es ihr Gegenüber ernst mit ihnen meint, ob es um Mitleid geht oder um echte Anziehung. Das ist für ihre Selbstachtung natürlich sehr wichtig. Aber wir pauschalisieren hier. Denn körperliche Einschränkungen sind sehr vielfältig. Wir sollten zunächst unterscheiden, um welche Art der körperlichen Beeinträchtigung es geht. Hat jemand eine Amputation, beispielsweise des Unterschenkels, ist die Sexualität kaum mit einem Tabu belegt. Das Tabu greift eher, wenn jemand körperlich auffällig ist, zum Beispiel viel im Bett liegen muss, sich auffällig bewegt oder ausgeprägte Fehlbildungen hat.

ZEITmagazin ONLINE: Welche Rolle spielt es, ob die Sexualorgane funktionell beeinträchtigt sind oder nicht?

Clement: Wenn ein Mann beispielsweise Erektionsschwierigkeiten hat oder nur schwer erregbar ist, dann wertet er sich womöglich selbst ab, weil er denkt, er könne weniger bieten. Vor allem kann er befürchten, für die Partnerin sei das Zusammensein frustrierend, weil sie keine Wirkung sehe und ihr Bemühen nichts bringe. Solche Ängste sind bei Menschen mit Behinderung größer. Andererseits bemerke ich in der jüngeren Vergangenheit auch einen größeren Stolz unter Menschen mit Behinderung. Sie besorgen sich beispielsweise auffälligere, farbigere Rollstuhlmodelle. Sie machen sich nicht mehr so unsichtbar, sondern geben sich zu erkennen. Diese öffentlich gezeigte Selbstachtung macht auf einer individuellen Ebene sehr viel aus.

ZEITmagazin ONLINE: Nehmen wir als Beispiel eine Querschnittlähmung. Auch weil es eine Beeinträchtigung ist, von der sich jeder Gesunde vorstellen kann, dass sie einen von heute auf morgen durch einen Unfall ereilt. Wie verändert sich dadurch das sexuelle Empfinden?

Clement: Das hängt von der Höhe und der Art der Verletzung, also der Läsion, ab.

ZEITmagazin ONLINE: Obwohl eine Klitoris oder ein Penis Schwellkörper sind und keine Muskeln?

Clement: Auch die brauchen eine neuronale Versorgung, und wenn die Nervenbahnen getrennt sind, findet die nicht mehr statt. Die entscheidende Frage ist in diesem Fall wie in jedem anderen Fall von funktionalen Einschränkungen: Versteht beispielsweise ein betroffener Mann das als das Ende seines sexuellen Erlebens oder fragt er sich: Wie kann ich eine Sexualität ohne Erektion interessant leben? Und zwar – das ist ganz wichtig – nicht nach dem Motto: Streicheln ist auch schön. Das fühlt sich an wie ein Trostpreis. Es geht vielmehr darum, was man sich mit seinem Partner oder seiner Partnerin ausdenken kann, ohne dass man sich als Bittsteller oder zweite Wahl fühlt. Manche werden hier sehr kreativ.

ZEITmagazin ONLINE: Und – das sei vielleicht noch einmal explizit erwähnt – das kann dann eine vergleichbare Befriedigung verschaffen wie ein handelsüblicher Orgasmus. So beschreibt beispielsweise ein 17-Jähriger, der mit einer Spina Bifida lebt: "Vom Bauchnabel abwärts spüre ich nichts. Aber wenn jemand meine Schulter berührt und sogar streichelt, dann ist das ein derart geiles Gefühl für mich, dass ich denke: So muss der Orgasmus sein."

Kommentare

20 Kommentare Seite 1 von 2 Kommentieren

Naja, "kennen" ist nicht gleich kennen. Menschen tendieren dazu, so etwas als Kuriosität abzutun und nicht ernsthaft für sich selbst in Erwägung zu ziehen.

Es wird leider auch viel romantisierend verklärt. Man erinnere sich nur an das Bild des Erblindeten der jetzt "besser hören" kann, weil seine anderen Sinne "geschärft" wurden. Ist natürlich Quatsch. Jeder kann sein Gehör trainieren um sich nur damit im Raum zu orientieren. Ist halt schwer und langwierig und daher absolut nachvollziehbar, sich diesen Aufwand zu schenken so lange man noch sehen kann.

"Das sind nicht nur skurrile Einzelfälle von jemandem, der einen Orgasmus erlebt, wenn man ihn am Ohr zupft, sondern es gibt tatsächlich Variationen. Und das wiederum bedeutet ja nichts anderes, als dass neurologisch ein Potenzial zur Verfügung steht, das die meisten von uns wohl nicht nutzen, das man aber anzapfen könnte."

Dieser Satz fasst es gut zusammen und ich kann das nur unterschreiben. Dabei spreche ich aus eigener Erfahrung - ich habe das selbst gelernt. Nicht aus Notwendigkeit/Behinderung, sondern weil ich neidisch auf die multiplen Orgasmen der Frauen war. Hat 5 Jahre gedauert, aber jetzt habe ich im Schnitt mehr Orgasmen pro Tag als die meisten pro Monat. Und ich bin nicht der einzige, sondern habe es selbst auch nur von anderen gelernt, die ihr Wissen geteilt haben.

Man kann das sogar so weit treiben, dass man sich nicht mal mehr anfassen muss, sondern sich zum Orgasmus meditieren kann.

Schön, dass es Ihnen wieder gut geht!

Das Impotenz bei Männern um die 60 normal ist, ist natürlich Quatsch.
Es ist sicher nicht mehr so wild und so oft wie mit jungen Männern, aber kann man mit Männern in diesem Alter sehr viel Spaß haben.

Sie haben noch ein langes Sexleben vor sich und ich hoffe, dass Sie auch mit 60 Jahren noch aktiv sind.
Freuen Sie sich drauf!