Angst: Wollen wir nicht, dass sie mutig sind?

Die Welt von Eltern ist voller Gefahren, 24 Stunden am Tag ist man in Alarmbereitschaft. Schlimm? Kein bisschen. Es gehört viel Mut dazu, Angst um sein Kind zu haben. Von
Aus der Serie: Elterngefühle

Eltern erleben jeden Tag die schönsten und schwierigsten Empfindungen. Unsere Serie "Elterngefühle" will diesen Emotionen nachspüren.

Es war ein Angriff aus dem Hinterhalt. Wir saßen beim Essen, eine wohlkuratierte Runde aus jungen Autoren und Journalisten, zwischen mir und dem Wildkräutersalat lag nur mein kleiner Babybauch, da sagte die Gastgeberin, mit dem Lächeln der Klassenbesten: "Mit den Kindern kommt natürlich die Angst."

Die wie bitte was jetzt? Angst? Wovor?

Gefühl der Verunsicherung. War nicht gerade noch von "guter Hoffnung" die Rede gewesen? Hatten nicht vor einem kleinen Moment noch alle vor Bewunderung gegluckst "Was für ein Abenteuer"?

Es war die Zeit, in der sanfte Geburten imaginiert wurden. Vielleicht deshalb, weil damals, es waren die Achtzigerjahre, das Kinderkriegen sehr unüblich geworden war, jedenfalls für aufstrebende Journalistinnen. Tat man nicht. Falls man sich nicht alles ruinieren wollte. Was ich nicht wollte. Ich hatte ja mit 30 überhaupt erst angefangen, berufstätig zu sein. Kinder zu haben galt als leicht exzentrisch, ich würde die dritte Frau in meiner Zeitung sein, die überhaupt ein Kind bekam! Es fühlte sich prickelnd an, wie der Abflug zu einer Recherche in ein entferntes Land. Ich stellte es mir dort ein bisschen wie ein ewiges Italien vor, wo ich gesehen hatte, wie junge Mütter auf hochhackigen Sandalen und in leichten Fummeln, garniert mit riesigen Ohrclips und viel Lippenstift, wendige Buggies mit süßem Inhalt an den Straßencafés vorbeibugsiert hatten. Wir würden Schluss machen mit dem deutschen Muttitum, dem abgeschminkten Nanny-Look, dem endlosen Soundtrack von Sorgen-Litanei im Stile von: Ist es zu warm? Zu kalt? Braucht es jetzt Ruhe?

Aber etwas in mir war eingerastet. Ein Gefühl leichter Bangigkeit. Das würde von nun an der neue Gefühlstrack meines Lebens sein. Wann hatte sich das Baby im Bauch eigentlich zuletzt bewegt? Vor oder nachdem wir beim Konzert der Einstürzenden Neubauten gewesen waren? Lebte es überhaupt noch?

Die Leichtigkeit war dahin. Die Leichtigkeit würde sich fortan sehr mühen, aus dem Schatten einer Grundbesorgnis zu entkommen. Warum kickte das Baby im Bauch jetzt so, war das der zweite, der verbotene Espresso?

Hatte man nicht irgendwo gelesen, dass schon die Hälfte aller Frühschwangerschaften tödlich enden? Es war 1987, das Jahr nach Tschernobyl, einmal hatte ich im Restaurant meine Lieblingspasta bestellt, Tagliatelle mit Pfifferlingen, als ich den Teller mit dem fluffigen Brot austuffte, krampfte sich plötzlich mein Herz zusammen, weil mir klar wurde: Ich hatte vor Pfifferlingsgier vergessen, dass doch vor Pilzstrahlenbelastung gewarnt worden war. Radioaktive Babybedrohung! Eine schlaflose Nacht. Ich stellte mir vor, wie die Pfifferlinge im Bauch in den Schlingen meines Gedärms die Gebärmutter umrundeten, quälend langsam in Zeitlupe durchrutschten und das zarte Kindgewebe mit radioaktiven Mini-Geschossen befeuerten. Würde das Kind das überleben? Wie?

Geschichten versehrter Geburten fielen mir ein. Der kleine Markus, mit dem fünffachen Herzfehler. Sabinchen, die mit den Stöckerbeinchen an Schienen. Sauerstoffmangel. Das Hasenschartenkind. Das versehrte Kind, für das die junge Mutter, eine hoffnungsvolle Dozentin, den Job aufgegeben hatte, weil es eine Rundumversorgung brauchte – aus, aus, das ganze schöne alte Leben.

Wie prekär doch alles war. Wie fragil die ganze Eltern-Kind-Existenz gegenüber dem Ansturm von dem, was man Zufall nennen kann, oder eben Natur. Wie sollte das in unser durchgeplantes schnelles Leben passen? Die Geburt, so oft verkitscht als Event, konnte, so viel wurde klar, auch ganz oft schiefgehen. Mindestens zwei Geburten von 1.000 verlaufen tödlich, das erschien plötzlich ganz schön viel.

Es ging dann alles gut. Kind perfekt, schon im Kreißsaal Höchstpunktzahl! Beim ersten Vitalitätstest, alberner Elternstolz. Wir zogen nach Hause. Wir standen in unserer Wohnung und nahmen ängstlich Witterung auf. Zog es nicht von irgendwoher? War es vielleicht kühl? Konnte man das Kind irgendwo sicher ablegen, in dem Kinderzimmer mit Dschungelmustertapete? Würde man es hören, wenn es mauzte, würde man womöglich etwas überhören, diese winzigen Alarmlaute? Atmete es überhaupt noch?

Hatte nicht Germaine Greer einmal geschrieben, die Ursache für den Tod im Kinderbett sei ein Kinderbett?

Das Kinderzimmer erwies sich jedenfalls als zu fern für das elterliche Monitoring. Nun ja, 80 Prozent der Welt-Elternschaft haben aus diesem Grund ihre Kinder bei sich. Unser Bett allerdings, so waren wir auf einer hanseatischen Gebärstation gewarnt worden, war nichts weniger als eine Hochgefahrenzone. Zwar konnten wir mit dem Baby zwischen uns stets hören, ob es atmete, aber man konnte auch, mit einer einzigen Umdrehung im Tiefschlaf, das Kind ersticken. Schlaflose Nächte, wie man sich auch drehte und wendete.

Kinder, die das Schlafen im Bett der Eltern überleben, erweisen sich als robust. Sie robben in einem Affenzahn herum, reißen Palmen aus Töpfen, Töpfe von Herden, tasten mit der Handfläche auf heißen Herdplatten nach, ob da noch was rumliegt. Krabbeln auf Stühle und planschen im Spülwasser, in dem sie, nach vorne kippend, in Sekundenschnelle ertrinken können, so eine Matrone der Johanniter Unfallhilfe bei der Elternschulung. Sie sitzen plötzlich auf Schränken, von denen sie herunterstürzen können; wenn sie älter werden, findet man sie auf Bäumen oder höher. Einmal, als ich von der Arbeit wie immer zu spät nach Hause rauschte, brüllten die Nachbarn anklagend: "Ihr Kind sitzt auf dem Dach!!!", und ich sagte keck: "Toll. Wollen wir nicht, dass sie mutig sind?!"

Mutig! Pfeifen im Wald. Natürlich will man, dass sie mutig werden, aber gleichzeitig wäre es toll, wenn man nicht die ganze Zeit Angst um sie haben müsste! Es wäre toll, wenn man selbst mutig wäre, würde sich das Mutigsein nicht so irrsinnig verantwortungslos anfühlen.

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