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Dating Ich mach die Biege

Wenn Frauen sich plötzlich für Wandern, Bouldern oder Motorräder interessieren, haben sie wohl einen neuen Mann kennengelernt. Ist das nicht total bescheuert? Von
Aus der Serie: Es ist kompliziert

Zwar sind mehr als 60 Prozent aller Alleinstehenden zufrieden mit ihrem Leben, jedoch nur zehn Prozent davon sind überzeugte Singles. Was auf der Suche nach dem richtigen Partner alles passieren kann, davon erzählen unsere beiden Singlekolumnistinnen in der Serie "Es ist kompliziert".

Ich interessiere mich nicht besonders für Frankreich. Mein Schulfranzösisch war schon immer leidlich, meine Kenntnis der französischen Kultur im Grunde nicht vorhanden. Und doch wurde ich mit Anfang 20 größter Fan des französischen Autorenkinos. Godard, Truffaut, Chabrol. Nicht gerade ein leichtes, unbeschwertes Vergnügen. Aber ich teilte es mit Bertrand. Und mit ihm wollte ich alles teilen.

Bertrand war Medizinstudent, wir wären uns wohl nie begegnet, wäre er nicht als einziger Mann in die WG meiner vier Freundinnen gezogen. Und auf seltsame Weise drehten wir genau dort, in der Wohnküche, unseren eigenen französischen Film. Wir tranken viel billigen Wein, das Kerzenwachs tropfte die Spanplatte des Tisches voll und mindestens drei seiner vier Mitbewohnerinnen schwärmten immer gleichzeitig für Bertrand. Auch ich wollte ihm gefallen. Also interessierte ich mich plötzlich für französischen Film, für seine Heimat, ja selbst für die Berge dort heuchelte ich Interesse, die für mich, die ich vom Meer komme, im Grunde für gar nichts taugten. Ich machte mich, so hoffte ich, zu der Frau, die Bertrand gefiel.

Für eine Nacht wurde ich dann genau diese Frau. Als ich da so lag, in seinem engen Bett, malte ich mir die gemeinsame Frankreichreise schon aus. Doch nachdem ich am nächsten Morgen gegangen war, rief Bertrand nie wieder an. Kam ich in die WG, mied er die Küche, auf Partys tanzte er mit anderen Frauen, kurze Zeit später zog er aus, um ein Auslandssemester zu machen. Ich verfluchte ihn, Frankreich und die Berge – war aber auch ein bisschen erleichtert, meine Expertise in französischem Autorenfilm wieder aufgeben zu können. Und fragte mich, wieso ich das überhaupt gemacht hatte.

Und doch passiert es mir immer wieder. Und nicht nur mir, wie eine Umfrage unter vielen meiner Freundinnen zeigt. Wie ein Chamäleon passen Frauen ihre Interessen dem aktuellsten Mann ihres Interesses an. Für mich kam es bis jetzt nie wieder schlimmer als mit der Hürde des französischen Autorenfilms. In der Ausbildung entwickelte ich, während ich Adam anhimmelte, ein unglaubliches Faible für Sport. Interessiert mich tatsächlich, aber mehr auf dem Level von Bundesliga und Wimbledon, nicht so sehr Curling und Kreisliga-Turnen. Heute gehe ich mit Michael, meinem friend with benefits, auf Elektrokonzerte und plaudere anschließend über die Musikszene Berlins. Für Simon, meinen Bullerbü-Mann, wäre ich für alles entbrannt, selbst für Makramee.

Wandern, Bouldern, Sushi rollen – die Liste der Dinge, die ich schon gemacht oder in die ich mich für eine gute Konversation eingelesen habe, ließe sich ziemlich beliebig lang fortsetzen. Vieles davon war ja auch nicht doof. Es kann ja auch gut sein, neue Dinge für sich auszuprobieren. Gerade bei den ersten Dates sind Hobbys und Interessen ein guter Weg, um herauszufinden, wie gut es auch nach der fünften Verabredung noch klappen könnte.

Aber wann hat man eigentlich jemals einen Mann mit zum Nähkurs, Tanzkurs, Töpferkurs seines aktuellen Dates gehen sehen? Eben. Klar, auch Männer schauen sich mal einen Kinofilm an, den sie selbst nie ausgesucht hätten oder stehen mit Feuerzeug in der Hand auf einem Popkonzert. Doch die Flexibilität bei Frauen scheint deutlich größer, bei mir ist sie das auf jeden Fall. Ich erwarte zwar, dass sich Männer für das interessieren, was ich mache. Aber ich erwarte nicht, dass sie es gleich zu ihrem Ding machen.

Warum also werfe ich mich so oft in die Hobbys der Männer, auch, wenn ich vielleicht gar keine Lust darauf habe? Hoffe ich, dadurch interessant zu werden für sie? Sie beeindrucken zu können? Beides ist nicht falsch. Und beides finde ich mittlerweile selbst ganz schön bescheuert.

Es ist ein Mechanismus, der gar nicht so leicht zu durchbrechen ist. Ich verneine mich und meine Interessen nicht, bin aber auch schnell bereit, mich auf den Mann einzustellen. Ein bisschen gefangen zwischen dem alten Rollenbild, dass Frauen gefallen müssen, und meinem eigenen Coolness-Ding, dass ich natürlich auch als Frau weiß, wie man mit einem Fußball umgeht.

Bei Philip und mir ist es anders, irgendwie. Wir kannten uns seit Jahren flüchtig, bevor wir uns nähergekommen sind. Wir wissen ungefähr, was der oder die andere so macht. Er weiß, dass ich nicht stricke und ich weiß, dass er kein Faible für Modelleisenbahnen hat. Und doch, sobald er über sein Motorrad spricht, über irgendein Modell, das er sich vielleicht gern kaufen würde, merke ich, wie ich innerlich mein Motorrad-Quintett mit PS und Hubraum zusammenstelle. Dabei bin ich übers Rollerfahren nie hinausgekommen.

Ich will nicht schon wieder diesen Reflexen folgen, also versuche ich, mein inneres Chamäleon ein bisschen einzuhegen. Schließlich muss doch ich mit ihm auf dem Motorrad sitzen und nicht irgendeine Das-findet-Philip-cool-Version von mir. Wir einigen uns darauf, dass ich mit ihm einen Trip auf seinem Motorrad mache, wenn er mit mir in die Oper geht. In der Oper war Philip noch nie. Aber ab und zu mal neue Dinge ausprobieren, kann ja auch für Männer aufregend sein.

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