Hobbys Die Anarchie der freien Zeit

Wir gestalten unsere Freizeit immer effizienter. Kaum jemand hat noch Hobbys, um sich nur die Zeit zu vertreiben. Sind wir deshalb so erschöpft nach dem Wochenende? Von

Sollte man sich jetzt auch noch einen Bienenstock in den Garten stellen, weil das gerade alle machen? Schalen und Teller für das Dinner mit Freunden selber töpfern? Reicht es nicht, die Marmelade für den Brunch selbst eingekocht zu haben? Und kann man eigentlich laufen gehen, ohne hinterher davon zu erzählen, dass man im Herbst für einen Halbmarathon angemeldet ist?

Hört sich furchtbar anstrengend an, das alles. Wer imkern will, soll imkern, aber wer meint, dass er dringend mal imkern sollte, der sollte es besser bleiben lassen. "Zwischen dem, was die meisten Bundesbürger in ihrer Freizeit tun, und dem, was sie gern tun würden, besteht ein großer Unterschied", sagt der Freizeitforscher Ulrich Reinhardt. "Sie bleiben auch in ihrer Freizeit Getriebene." Reinhardt leitet die Hamburger BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, er ist nicht in seiner Freizeit Forscher, sondern forscht beruflich über die Freizeit. Über jene Zeit also, die per Definition frei sein soll – von Pflichten, von Arbeit, von Zwängen. Jene Zeit, in der der Weg frei ist für das, was man freiwillig und mit Freude tun möchte. Ist er meist aber nicht. 

Unsere Freizeit ist längst genauso gestaltet wie unser Berufsalltag: effizient, strukturiert, durchgetaktet. An die Termine erinnert eine App, die das Multitasking unserer Tagesabläufe überhaupt möglich macht. Es könnte Erholung sein, mehr noch, geradezu rebellisch, sich dem in seiner Freizeit nicht zu unterwerfen. Dass das aber kaum gelingt, zeigt auch der inflationäre Gebrauch des Wortes Freizeitstress, das den Widerspruch schon in sich trägt.

Das Hobby ist verschwunden

Der zeitgemäße Anspruch ist es, auch die Freizeit mit Aufgaben vollzupacken, sie zu nutzen. Als könnte nur sehr viel Aktivität das ausgleichen, was die meisten Arbeitnehmer als sehr viel Wochenarbeitszeit ansehen. Der Ausdruck "aktive Erholung" ist ja ähnlich paradox wie der Freizeitstress, denn auf jeden Fall geht es darum, auf keinen Fall untätig zu sein. "Wir haben das Gefühl, wir müssten uns mal wieder mit Freunden treffen, mal wieder Sport machen, wir sollten mal wieder ins Kino gehen und in die Philharmonie sowieso", so beschreibt Reinhardt das Dilemma des modernen Menschen, der sich in Wahrheit "mehr Spontanität, mehr Zeit zum Ausschlafen, mehr soziale Aktivitäten, mehr Zeit für sich selbst" wünsche. Und vom Anspruchsdenken, von den Hochleistungserwartungen in unserer Gesellschaft, trotzdem nicht wegkommt.

Das erkennt man schon daran, dass kaum noch jemand vom gezielten Nichtstun, vom Herumbaumeln in der Hängematte, vom Hobby als Stressausgleich redet. Das klingt offenbar nach zu viel Freizeit, nach zu wenig Struktur, nach ungenutzter Zeit. Das Hobby als solches ist verschwunden, wenn es nicht als DIY-Workshop, als Craftingwochenende im Wald oder als VHS-Kurs im Melonenschnitzen in den sozialen Netzwerken präsentiert werden kann und so eine mediale Zweitnutzung erfährt.

Ulrich Reinhardt sieht überall nur noch Freizeitaktivitäten – und vor lauter Freizeitaktivitäten fast keine Hobbys mehr. Wer fitter, beliebter, smarter werden will, übt eine Freizeitaktivität aus. Das sieht man etwa beim Sport, der heute nur selten darauf beschränkt bleibt, mal kurz den Puls hochzutreiben. Stattdessen operieren wir mit Fitness-App, Trainingsplan, Personal Trainer, die unsere Aktivität, unsere Herausforderungen und unseren Fortschritt aufzeichnen. Ein Hobby, sagt Reinhardt, sei von anderem Charakter. Es dient nicht der Optimierung, es kennt den Wettbewerbsgedanken nur von Weitem. Die Motivation des Hobbys ist, dass es einfach nur dann und wann ausgeübt werden will, andere Regeln gibt es nicht. Das macht es anachronistisch und anarchistisch zugleich.

So kann es etwa auch ein Hobby sein, mit Absicht nichts zu tun. Die Generation unserer Großeltern hielt es für ein gelungenes Wochenende, die meiste Zeit im Liegestuhl verbracht zu haben. In der Nachkriegszeit war Freizeit der Erholung gewidmet und sollte nicht in Arbeit ausarten. Das wirkt aus heutiger Sicht so putzig wie der Loriot-Sketch, in dem ein Mann seiner freizeitambitionierten Frau versichert, er wolle einfach nur so dasitzen. Und sie sagt: "Du kannst doch tun, was dir Spaß macht." Und er sagt: "Das tue ich ja." Nur will sie ihn nicht lassen, sondern ihm zur Erholung eine Zeitschrift bringen, ihn zum Rausgehen animieren, ein Gespräch mit ihm führen. Hier kollidieren sozusagen der moderne und der traditionelle Freizeitbegriff miteinander. Modern ist alles, was aktiv aussieht.

"Mit den Kindern spielen" war mal ein Hobby

Aus den Fünfzigerjahren haben Forscher überliefert, dass es damals die drittliebste Freizeitaktivität war, aus dem Fenster zu schauen. Auf die Fensterbank aufgestützt, am besten mit einem Kissen unter den Ellenbogen. Heutzutage könnte man vermutlich kaum etwas Schrägeres von sich geben, als nach dem Wochenende zu berichten, man habe mal so richtig ausgiebig aus dem Fenster geguckt. Die zweitbeliebteste Freizeitaktivität war der Verwandtenbesuch, die allerbeliebteste bestand darin, mit den Kindern zu spielen. Letzteres taucht in den Listen unserer Tage gar nicht erst auf, obwohl sich die meisten Eltern in ihrer Freizeit sicher viel mit ihrem Kind beschäftigen.

In den Sechziger- und Siebzigerjahren, mit der Herausbildung der modernen Konsumgesellschaft, wurde Shopping zum Hobby erklärt, in den Achtziger- und Neunzigerjahren ging es zuerst darum, die neuen Errungenschaften vorzuzeigen und danach darum, mit der ersten Wellnesswelle das Leiden am Konsum zu zelebrieren. Das Hobby ist also schon lange vom Aussterben bedroht – seit sich Rituale etabliert haben, die die Freizeit ausfüllen und organisieren sollen. Als hätte man vor nichts mehr Angst als vor der reinen Leere.

Kommentare

135 Kommentare Seite 1 von 15 Kommentieren