Hobbys: Die Anarchie der freien Zeit

Kann man machen: nähen. Aber nicht in Stress geraten.

Heute sind, dem zuletzt 2016 durchgeführten BAT-Freizeitmonitor zufolge, sechs der zehn beliebtesten Freizeitbeschäftigungen Mediennutzungen: Telefonieren, Zeitunglesen, Internetnutzung, Radiohören – auf Platz 1 liegt, mit geradezu absolutistischen 97 Prozent, das Fernsehen, klassisch und online. Diese Verteilung zieht sich konsequent schon durch die Nullerjahre. Kann es sein, dass die Menschen aus Zeitmangel nicht mehr zum Hobby kommen? Binge-Watching dauert schließlich ganz schön lange. Mit einer Staffel Sopranos kann ein Wochenende schnell zu Ende sein.

Mit dem Hobby hat das Seriengucken gemeinsam, dass es den Rest der Welt außen vor lässt. Nur überlässt es den Menschen eben auch einer Passivität, die ziemlich paralysierend sein kann – auch wenn Medienkonsum heute selbstverständlich auch bedeutet, dass man über die rezipierte Sendung auf Twitter oder Facebook diskutiert. So kann auch der Tatort pro forma der Lethargie entrissen werden.

Doch das beglückende Auf-sich-gestellt-Sein eines wahren Hobbys geht dabei verloren. Denn es handelt sich ja gerade um nichts, das kommuniziert werden soll, im Gegenteil: Es ist ein geheimnisvolles Herummurkeln, ein ungeschicktes Rumprobieren, ein Sichreinvertiefen, das den Rest der Welt völlig außen vor lässt. Ein Hobby – das englische Wort bedeutet Steckenpferd – ist reine Liebhaberei, erhebend und frustrierend wie das Zählen von Ringelgänsen an der Nordsee. Wer ein Hobby ausübt, darf sich währenddessen unberührt von den Erwartungen anderer fühlen, von den Ansprüchen, die man erfüllen zu müssen glaubt. Das Hobby ist sozusagen eine kultivierte, von anderen nicht übel genommene Form des Egoismus ohne höheres Ziel. 

Der Journalist David Denk hat für sein Buch Der Hobbyist. Auf der Suche nach der verlorenen Freiheit 26 Hobbys ausprobiert, für jeden Buchstaben des Alphabets eins. Sein Fazit? Ein gutes Hobby ist frei von Selbstzensur. Es muss nur einem selbst und sonst keinem anderen Menschen Spaß machen – einen besonders einleuchtenden Zweck braucht es nicht. "Und wenn Sie der einzige Mensch sind, der sich nichts Schöneres vorstellen kann, als David-Hasselhoff-Songs zu covern, dann seien Sie eben der einzige Mensch weit und breit, der sich nichts Schöneres vorstellen kann, als David-Hasselhoff-Songs zu covern", schreibt Denk. Jemandem, der seine Individualität auslebe, könne man nämlich grundsätzlich gratulieren. Weil man damit ganz bei sich ist. Ohne anderen auf die Nerven zu gehen. Ohne Achtsamkeitsworkshop. Wer sich im Hobby verliert, denkt nicht an die Außenwirkung. Es hat einen reinen Selbstzweck, und ist für Menschen wie Shavasana, die Leichenstellung am Ende der Yogastunde: Etwas, in dem man sich glückselig, völlig zufrieden mit sich selbst verliert.

Ob es sich bei einem Hobby um Töpfern oder Betongießen, Ausmalbücher oder das Basteln von Makrameeblumenampeln handelt handelt, ist letztendlich egal. Hauptsache, man widmet sich einer Liebhaberei, dieser Aspekt wiegt schwerer als das Ergebnis. Würde man sonst den mühselig zu Ende gebrachten Zopfmusterpullover sofort verschenken und sich auf ein neues Projekt mit noch mehr Zählerei stürzen? Würde man sonst so beharrlich die Schnecken im Garten an der Vernichtung des Salats hindern und die Tomatenpflänzchen mit Zahnstochern pikieren, wenn sich das, gemessen an den Supermarktpreisen, doch so gar nicht rechnet vom Aufwand her? Wer in einer staubigen Turnhalle an einem Volkshochschulkurs in Gesellschaftstanz teilnimmt, der träumt nicht von einer Teilnahme an Let's Dance, sondern ist hochzufrieden damit, sich einigermaßen durch die Schrittkombinationen zu dilettieren.

Die unbeliebteste Freizeitaktivität ist Bodybuildung, danach Computerspiele und Extremsportarten.

Die beste Selbstvermarktungsmaßnahme ist ein Hobby hierzulande leider nicht, anders als etwa in Großbritannien, wo Vogelbeobachtungen, Gärtnern und ausgedehntes Teetrinken als Pflege nationalen Kulturguts gelten. Eine deutsche Entsprechung zu finden, fiele einem schwer. Kegeln etwa? Modelleisenbahnen? Könnte abschreckend wirken auf Mitmenschen.

Vor einiger Zeit hat die Onlinepartnerbörse Parship bei ihren Kunden abgefragt, welche Hobbys, welche Freizeitbeschäftigungen man wechselseitig als attraktiv empfindet. Auf Platz 1 liegt Sport, auf Platz 2 das "Allgemeine Kulturinteresse", der Besuch von Lesungen, Kino-, Tanz- und Theaterveranstaltungen. Also alles, womit man gut dasteht. Aber nur elf Prozent der Befragten finden – trotz des ganzen Urban-Gardening-Trends – Gärtnern bei ihren Gegenübern toll, nur sechs Prozent freut es, wenn diese ein Instrument spielen. Die unbeliebteste Freizeitaktivität ist zwar Bodybuildung, danach Computerspiele und Extremsportarten, dann aber folgen schon die klassischen Hobbys, mit denen derzeit kein Staat bei der Partnersuche zu machen ist: Jagen und Angeln, ebenso jede Form des Sammelns, egal, ob Münzen, Autos, Puppen oder Schallplatten.

Trotzdem wird das schräg zum Zeitgeist stehende Hobby gerade wiederentdeckt – paradoxerweise dort, wo die Menschen gern den Eindruck erwecken, dass sie keine Minute zu verschwenden hätten. Reinhard Ploss, Vorstandschef des Chipherstellers Infineon, bastelt in seiner Freizeit gern an Modellhubschraubern, so die Wirtschaftswoche, die gerade der Frage nachgegangen ist, wie Topmanager so abschalten. Meg Whitman, die bei Hewlett Packard und eBay CEO war, schwärmt vom Fliegenfischen, weil man währenddessen an nichts anderes denke. Fränzi Kühne, Gründerin der Digitalagentur TLGG und Mitglied im Aufsichtsrat der freenet AG, hört sich alte Folgen von Alf auf dem Kassettenrekorder (!) an.

Ob Alf hören, Bonsai schneiden oder Weinetiketten bügeln – egal. Selbst Tagträumen darf wieder genannt werden, denn mit einem Hobby fliegt man stets unter seinem eigenem Radar: Der Körper ist beschäftigt und der Geist kann frei wandern.

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