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Liebe Ein Vater im freien Fall

Die Liebe von Eltern zu ihren Kindern ist zu groß, zu schön und zu wahnsinnig, als dass sich über sie schreiben ließe. Aber versuchen kann man es ja mal. Von
Aus der Serie: Elterngefühle

Eltern erleben jeden Tag die schönsten und schwierigsten Emotionen. Unsere Serie "Elterngefühle" will diesen Gefühlen nachspüren.

Über die Liebe zu meinen Kindern zu schreiben, ist eine schöne Idee. Aber ich bin darin kein Experte, das muss ich gleich sagen, trotz inzwischen fast achtjähriger Erfahrung. Genauso gut könnte man einen, der mit dem Fallschirm aus dem Flugzeug springt, bitten, über das Fliegen zu schreiben.

Beides, das Fallschirmspringen und das Vatersein, mag sich in den besten Momenten wie fliegen anfühlen. Und doch macht das den Fallenden nicht zum Herrn der Lüfte. Ich falle nur, falle durch die Jahre und versuche, irgendwie das Beste daraus zu machen. Die ganze Zeit über verliere ich an Höhe, alles wird größer, indem es auf mich zurast, die Wünsche der Kinder, ihr Hunger, ihre Schuhe, die Probleme, die Kinder selbst und die Liebe zu ihnen. Unten angekommen, auf dem sogenannten Boden der Tatsachen, werde ich dann sagen, was man als Fallschirmspringer und Vater eben sagt: "Es geht alles so schnell vorbei." Und weiß so wenig von der Liebe wie zuvor. Nur dass sie da ist, das weiß ich, auf mitunter geradezu schmerzhafte Weise schön. Das wusste ich von Anfang an.

Da sehen Sie nun, dass ich wenig mehr zu diesem Thema zustande bringe als ein paar Bilder. Es ist ja auch kein Thema, über das sich kundig daherreden ließe, so wie etwa der Benzinpreis ein Thema ist, die Bundesliga oder was es heute Abend zu essen gibt. Schon der Versuch, es in einen Text zu pressen, den Sie in der Mittagspause lesen können oder auf dem Heimweg in der Bahn, muss erbärmlich scheitern. Es ist zu groß dafür, zu groß für mich, und ich bin zu klein, ein Fallender nur am blauen Himmel. Sehen Sie mich, wie ich falle und falle und mit den Armen rudere? Das ist sie, die soziale Skulptur eines Vaters zweier Kinder, sieben und fünf Jahre alt.

Schrieb ich eingangs, ich hätte Erfahrung? Schon das war falsch, um ehrlich zu sein. Ich sammle Erinnerungen, um sie zur Anmutung einer Ahnung zusammenzusetzen, es ist ein Mosaik, das niemals fertig wird. Es bleibt doch alles ein Wunder für mich, die ersten Schritte unserer Kinder, die ersten Wörter, das erste gemalte Bild, die ersten Töne am Klavier und alle, die noch folgen. Die grenzenlose Freude, zu der sie fähig sind, ihr Mut und ihr Aufbegehren gegen eine Welt, die nicht auf sie gewartet hat und es jetzt doch verdammt noch mal zu tun hat. Und wie sie dann schlafen, diese erschöpften Rebellen, am Ende eines Tages, der so viel länger ist als meiner, ein langer Korridor aus Abenteuern und Neuigkeiten, und ihre Beine noch zucken, wie bei jungen Hunden, die vom Jagen träumen. Ich versuche, mich an all das zu erinnern, es festzuhalten, weil ich glaube, dass es der Sinn des Lebens ist. "Wenn er nicht das Wort Gottes ist", lässt Cormac McCarthy in Die Straße einen Vater über seinen Sohn sagen, "hat Gott nie gesprochen."

Aber bin ich deshalb erfahren? Nein, und ich will auch kein Experte sein. Es gibt, meine ich, überhaupt keine Experten für die Liebe. Nicht einmal die, die sich selbst so nennen, sind welche. Sie wissen nur viel, verstehen aber wenig, ihre Bücher füllen einen Meter des Regals hier neben mir. Zur Liebe stehen sie wie Ornithologen zum Fliegen.

Und doch gibt es Übersetzer, die mir diese große Liebe erschließen, wie einen unendlichen Raum ohne Wände und Decke, wie einen unentdeckten Kontinent, wie eine fremde Sprache, ohne dass sie selbst viel sprechen müssen. Es sind die Kinder selbst, wie sie im seidenen Licht eines Sommerabends vor uns herlaufen, das patschende Geräusch ihrer Sandalen auf dem noch warmen Pflaster. Und mit einem Mal, wie auf ein höheres Geheiß hin, legen sie einander die Arme um die Schultern und gehen gemeinsam durch die Welt, in die sie geworfen sind. Wenn ich sehe, wie mein Sohn seine Schwester liebt und meine Tochter ihren Bruder, so rein und klar, ohne einen Gedanken an die Liebe selbst und ihrer doch ganz sicher, dann weiß ich für diesen einen Augenblick, was es heißt, zu fliegen.

"Hast du Hunger?", sagte er zu ihr, als er sie zum ersten Mal sah, im Oktober vor sechs Jahren. "Auf ein Brötchen?" Da war sie genau zwölf Stunden alt, ein rosafarbener Engerling, der asynchron zu seinen Lippenbewegungen kuriose Geräusche von sich gab. Es war ein hochfrequentes Gähnen, Schmatzen, Gurren, Glucksen, Kichern und Weinen nach irgendwas, wofür es doch in diesem vollkommen neuen Gehirn noch gar keine Vorstellung geben konnte, zwölf Stunden bloß nach der Geburt. Was war es, wonach dieses drollige Wesen verlangte? "Hast du Hunger?", fragte er noch einmal. "Hier, ein Brötchen!"

Er hielt es ihr hin, immer wieder, zerrupfte es in mundgerechte Bissen, sie verschmähte es schließlich, unsere Tochter, die kleine Schwester unseres Sohnes, der kaum zwei Jahre älter ist. Und doch schien er zu wissen, was sie jetzt unbedingt braucht, war vorbereitet auf diesen Moment, in dem sie in seinem und unserem Leben landet wie ein Alien, der in friedlicher Absicht kommt.

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